Da der Krieg immer näher rückt, greifen die Russen zunehmend auf Bargeld zurück. Diese Entwicklung kehrt den jahrelangen Rückgang der Nutzung von physischem Bargeld um und unterstreicht die wachsende Zukunftsangst. Der Bargeldumlauf ausserhalb der Banken stieg in den ersten sieben Monaten des Jahres um 2,1 Billionen Rubel (25 Milliarden Dollar) - das schnellste Wachstum seit Beginn der Aufzeichnungen in Kriegszeiten.
Gleichzeitig stoppte der Anteil des Bargelds an der Geldmenge seinen Rückgang und begann laut Daten der Zentralbank sogar zu steigen. Dies beunruhigt die grösste Bank des Landes, die Sberbank, die lange von relativ günstigen Refinanzierungen dank ihrer grossen Kundenbasis und den damit verbundenen hohen Gewinnmargen profitiert hat.
Finanzchef Taras Skworzow hat seine Warnungen in den letzten Monaten verschärft und dies als «eine der grössten Herausforderungen für das Bankensystem» bezeichnet. Er machte öffentlich die harte Steuerpolitik der Regierung dafür verantwortlich und argumentierte, sie treibe einen Teil der Aktivitäten in die Schattenwirtschaft.
Ein Bankansturm ist jedoch noch nicht zu verzeichnen - die Einlagen sind nicht gesunken. Stattdessen fliesst neues Geld einfach langsamer ins Bankensystem, da die Russen zunehmend Bargeld halten.
Dies zeigt, dass die Unsicherheit für die russische Bevölkerung wächst, die die direkten Folgen des Krieges von Präsident Wladimir Putin in der Ukraine, der nun im fünften Jahr andauert, zu spüren bekommt. Ukrainische Angriffe tief im russischen Hinterland haben zu Störungen beim Internetzugang, der Treibstoffversorgung, der Logistik und dem Einzelhandel geführt, wodurch Bargeld - wie schon in Krisenzeiten - zu einer praktischen Absicherung geworden ist.
Das bedeutet aber auch, dass die Russen faktisch eine Unsicherheitssteuer zahlen: Sie verzichten auf zweistellige Zinsen auf Einlagen zugunsten sofortiger Liquidität und eines Gefühls der Sicherheit. «Die Russen bilden vermehrt sogenannte ‹Vorsorgesparnisse›, die viele gegenüber gezielten, langfristigen Ersparnissen, die üblicherweise auf Spar- oder Festgeldkonten gehalten werden, priorisieren», sagte Natalia Milchakova, leitende Analystin bei Freedom FinanceGlobal in Astana.
Anstieg des Bargeldumlaufs im zweiten Quartal übertraf Höchstwerte von 2020 und 2023
Laut Daten der Zentralbank übertraf der Anstieg des Bargeldumlaufs im zweiten Quartal die Höchstwerte von 2020 und 2023. Daten zeigen, dass sich das Bargeldverhalten der Privatpersonen von Nettoeinzahlungen zu Nettoabhebungen verlagerte, während gleichzeitig die Nutzung von Geldautomaten und der Kauf von Fremdwährungen zunahmen. Der gesamte Bargeldumlauf ausserhalb des Bankensystems belief sich am 1. August auf rund 20,37 Billionen Rubel. Dies entspricht einem Anstieg von 11,7 Prozent gegenüber Jahresbeginn.
Auch Unternehmen melden höhere Bareinnahmen aus Verkäufen, was eher auf eine Veränderung der Zahlungsgewohnheiten als auf einen vollständigen Rückzug in die Schattenwirtschaft hindeutet. Im Juli sank die Sparneigung der Haushalte laut Daten der russischen Zentralbank auf den niedrigsten Stand seit März 2015. Gleichzeitig fiel der Verbrauchererwartungsindex erstmals seit 2022 unter 100, was darauf hindeutet, dass pessimistische Zukunftsaussichten nun vorherrschen.
Dieses ungewöhnliche Muster legt nahe, dass die Wahl nicht mehr einfach zwischen Sparen und Ausgeben besteht. Vielmehr halten die Russen ihr Geld vorsichtshalber griffbereit. Drohnenangriffe auf russische Städte seien ein wichtiger Faktor für die gestiegene Bargeldnachfrage, so Milchakova. «Vorsorgliche Bankeinlagen werden aus Vorsichtsgründen angelegt – um für Notfälle wie Störungen im elektronischen Zahlungsverkehr oder eine dringende Evakuierung eine Barreserve zu haben.»
Brände, die durch Drohnenangriffe auf grosse E-Commerce-Zentren, den wichtigsten Einkaufsort für Millionen von Russen, ausgelöst wurden, bestärken diese Annahme. Steueränderungen und niedrigere Zinsen tragen möglicherweise dazu bei, erklären den abrupten Umschwung aber nicht vollständig. Die neue Steuerregelung trat Anfang des Jahres in Kraft, sodass Unternehmen und Haushalte Monate Zeit hatten, sich anzupassen. Zudem hat sich der geldpolitische Lockerungszyklus der Zentralbank verlangsamt, wodurch Bankeinlagen zu einer der attraktivsten Anlageoptionen geworden sind.
(Bloomberg/cash)

