TabubruchErste Verkaufsempfehlung für die Geberit-Aktie seit Jahren

Die hohe Bewertung lasse sich bei Geberit nicht mit dem langsameren Wachstum vereinbaren, warnt ein Analyst. Er rät deshalb als erster seiner Berufsgruppe seit Jahren zum Verkauf der beliebten Sanitärtechnikaktie.
23.08.2017 08:44
Von Lorenz Burkhalter
Der Hauptsitz von Geberit.
Der Hauptsitz von Geberit.
Bild: zvg/Geberit

Während andere Aktienanalysten von ihren Verkaufsempfehlungen zurückkrebsen, scheinen jene von RBC Capital Markets ihre Vorliebe für solche entdeckt zu haben. Erst am Freitag sorgte die Investment-Banking-Tochter der Royal Bank of Canada hierzulande für Aufruhr, als sie der dividendenstarken Swisscom-Aktie um bis zu 30 Prozent tiefere Kurse zutraute.

Am frühen Mittwoch nun bekommt die Aktie von Geberit ihr Fett weg und wird mit einem Kursziel von 440 (bisher 450) Franken von "Sector Perform" auf "Underperform" heruntergestuft. Das will heissen: Es gibt weitaus attraktivere Anlagemöglichkeiten in der europäischen Bau- und Bauzulieferindustrie.

Enttäuschende erste Jahreshälfte und konservative Zielvorgaben

Dem für RBC Capital Markets tätigen Analysten zufolge steht die Wachstumsverlangsamung genauso im Widerspruch zur hohen Bewertung des Sanitärtechnikkonzerns wie die rückläufigen Gewinnerwartungen. Letztere kürzt er im Anschluss an die Halbjahresergebnispräsentation um bis zu 6 Prozent.

Kursentwicklung der Geberit-Aktie vor und nach der Ergebnisveröffentlichung (Quelle: www.cash.ch)

Am vergangenen Donnerstag schrammte Geberit mit dem Zahlenkranz für die ersten sechs Monate sowohl beim Umsatz als auch beim Gewinn ziemlich deutlich an den Markterwartungen vorbei. Und das, obwohl das Ostschweizer Unternehmen schon im Vorfeld vor der im Jahresvergleich geringeren Anzahl Werktage sowie vor steigenden Personal- und Rohmaterialkosten gewarnt hatte. Gleichzeitig wartete es mit überraschend vorsichtigen Wachstums- und Margenvorgaben für das Gesamtjahr auf. An diesem Tag wurde die Geberit-Aktie an der Schweizer Börse SIX mit einem Minus von knapp 6 Prozent abgestraft. Und trotzdem notiert sie noch immer um 12 Prozent über dem Stand von Anfang Jahr.

Ausgangslage verhaltener als noch im Vorjahr

Wie der Analyst weiter schreibt, kamen im bisherigen Rekordjahr 2016 mehrere glückliche Faktoren zusammen. Er spielt dabei auf die früher als gedacht realisierte Synergien aus der Sanitec-Übernahme, die rückläufigen Rohstoffpreise und die starke Nachfrage in den wichtigsten Märkten an.

Die Kennzahlen auf einen Blick:

 

2017

2018

Org. Umsatzwachstum

3,2 Prozent

3,7 Prozent

Op. Marge (EBITA)

24,3 Prozent

24,8 Prozent

Kurs-Gewinn-Verhältnis

25,9

24,5

Dividendenrendite

2,3 Prozent

2,4 Prozent

Quelle: RBC Capital Markets, Schätzungen

In Anbetracht dessen, dass sich das Jahr 2016 aufgrund fehlender Synergieimpulse und der für Gegenwind sorgenden Entwicklung bei den Rohmaterialpreisen nicht wieder holen lässt, hält der Analyst die Bewertung der Geberit-Aktie für zu hoch. Auf den bankeigenen Schätzungen für das kommende Jahr errechnet sich ein Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) von 26, verglichen mit 17 für andere europäische Bauzulieferer. Und auch die bei 2,4 Prozent liegende Dividendenrendite stuft er als nicht gerade sehr attraktiv ein, zumal das Unternehmen den Aktionären heute schon 60 Prozent des Jahresgewinns ausschüttet.

Verkaufsempfehlung kommt einem Tabubruch gleich

Bei RBC Capital Markets gibt man deshalb dem mit "Outperform" und einem Kursziel von 230 Franken empfohlenen Partizipationsschein des Aufzugs- und Rolltreppenherstellers Schindler den Vorzug.

Wie Erhebungen der Nachrichtenagentur zeigen, rät nur gerade der für RBC Capital Markets tätige Analyst zum Verkauf der Geberit-Aktie. Es ist dies die erste Verkaufsempfehlung seit Jahren und ein eigentlicher Tabubruch, gerade weil die Aktie bei den Anlegern schon seit längerer Zeit so beliebt ist. Zwei Berufskollegen empfehlen sie sogar zum Kauf, neun weitere schätzen sie zumindest neutral ein. Mit 450 Franken liegt der Durchschnittswert aller Kursziele nur unbedeutend über dem 440 Franken lautenden Kursziel von RBC Capital Markets und sogar leicht unter dem Schlusskurs vom Dienstag bei 456,90 Franken.