Es sind jedoch keine gewöhnlichen Touristen. Investoren, Unternehmer und Manager zahlen Tausende Dollar für eine Tech-Pilgerreise ins Reich der Mitte, um mit eigenen Augen zu sehen, was viele für die nächste technologische Revolution halten. Angetrieben wird der Trend von einer Mischung aus Faszination und der wachsenden Furcht vor einem «China-Schock 2.0» – der Sorge, dass chinesische Firmen bei Zukunftstechnologien die Führung übernehmen und den Westen abhängen.
«Derzeit betrachten die Menschen China als Studien- und Lernobjekt – ein Trend, der vor wenigen Jahren kaum existierte», sagt Robert Wu, Chef des in Shanghai ansässigen Datenanalyseunternehmens Baiguan. Er merkt an, dass Besucher oft mit falschen Vorstellungen anreisen – etwa der Annahme, Chinas Robotaxi-Sektor sei dem der USA voraus, während er tatsächlich aufgrund politischer Zurückhaltung im Inland – aus Sorge vor möglichen Arbeitsplatzverlusten – noch einen Schritt hinterherhinkt. Wu hat bislang zwei Reisen für mehr als zwei Dutzend Investoren, Unternehmer und Führungskräfte organisiert und berechnet für ein fünftägiges Programm bis zu 15.000 Dollar. Etwa die Hälfte der Teilnehmer stammte aus Südostasien.
Wu ist Teil eines wachsenden Nischenmarktes, der die Nachfrage ausländischer Akteure nach direktem Einblick in Chinas Innovationsökosystem bedient. Viele Teilnehmer machen ihre Besuche nicht öffentlich. Zu den bekannten Besuchern zählen die US-Investmentfirmen Dimension, Capital Group und Thrive Capital sowie der US-Tech-Podcaster Lex Fridman.
Während es kaum Daten speziell zu Tech-Reisen gibt, boomt der Industrietourismus insgesamt. Laut staatlichen Medien erwirtschaftete Chinas Industriesektor für Tourismus im vergangenen Jahr 17,8 Milliarden Dollar; bis 2029 soll der Umsatz die Marke 44,6 Milliarden Dollar deutlich überschreiten.
«Selbst wenn man nicht aktiv in China investiert, ist es immer wahrscheinlicher, dass man chinesischen Unternehmen als Konkurrenten, Partner oder Lieferanten auf den Märkten der Welt begegnet», erklärt Investorin Rui Ma, die seit 2019 bereits elf Tech-Reisen organisiert hat. Die Touren führen in die Industriezentren wie Peking, Shenzhen oder Hangzhou, das Herz des chinesischen Booms bei E-Autos, Batterien, KI und Robotik. Sinnbildlich dafür stand der Besuch von Bundeskanzler Friedrich Merz, der sich in Hangzhou die tanzenden humanoiden Roboter des Herstellers Unitree vorführen liess – eine öffentlichkeitswirksame Zurschaustellung des technologischen Aufstiegs des Landes.
Gerade für europäische Führungskräfte, die mit schwachem Produktivitätswachstum und der Angst vor dem Abstieg im globalen KI-Wettlauf ringen, ist China zu einem wichtigen Ziel geworden. «Die Verunsicherung ist spürbar», sagt der in Shanghai ansässige KI-Berater Alex Shengyun Lu, der seit Ende 2025 sieben Delegationen begleitet hat. Die Besucher kämen mit zwei zentralen Fragen: Was können sie von chinesischen Firmen lernen und was vom staatlich gelenkten Ansatz des Landes bei Technologie-Investitionen. «Sie kommen mit einer echten Haltung der Demut und des Lernens hierher.»
Keine Stadt verkörpert diesen Trend so sehr wie die südliche Metropole Shenzhen. Hier entstehen «Hacker Houses» nach dem Vorbild des Silicon Valley für ausländische Gründer. «Es gibt Chat-Gruppen mit 400 Leuten, die zwischen dem Silicon Valley und Shenzhen pendeln und beiläufig nach Batterie- oder Display-Fabriken fragen», sagt der US-Berater Joshua Woodard, der in seiner Freizeit Fabriktouren anbietet. «Gründer nutzen die zehntägige visafreie Einreise, um einfach mal vorbeizuschauen und herauszufinden, wer ihren nächsten Prototypen bauen kann.» Die politischen Spannungen zwischen den USA und China spielten dabei kaum eine Rolle: «Die Leute, die vor Ort versuchen, physische Produkte zu bauen, scheren sich überhaupt nicht um die Politik.»
Der Boom ist kein Zufall. Peking fördert den Industrietourismus gezielt und hat über 140 offizielle Vorzeigestandorte ausgewiesen. Die Nachfrage nach Besuchen in der E-Auto-Fabrik von Xiaomi ist so gross, dass die per Los vergebenen Plätze auf dem Schwarzmarkt für umgerechnet bis zu 300 Dollar gehandelt werden. Dennoch warnen Beobachter davor, Chinas Vorsprung zu überschätzen. «Westliche Tech-Firmen haben immer noch die meisten globalen Marktanteile, das fortschrittlichste geistige Eigentum und die grössten Gewinne», so Tech-Expertin Ma. Der Strom der Tech-Pilger nach China reisst dennoch nicht ab.
(Reuters)

