In einem Trainingszentrum des Roboterherstellers UBTech im Süden Chinas stehen mehr als 100 humanoide Roboter ordentlich in Reihen. Ein Dutzend Trainer mit Headsets leitet einige von ihnen bei einfachen Aufgaben an: Kisten ‌sortieren, Nudeln ⁠verpacken, Kaffee zubereiten. Die Humanoiden sind langsam und unbeholfen. Ein erfahrener Trainer braucht für eine korrekte Bewegung etwa 50 Versuche. Spektakuläre Bilder von der World Robot Conference in Peking vergangene Woche mit springenden, boxenden ⁠oder tanzenden Robotern in menschenähnlicher Gestalt kursieren im Internet. Der Fortschritt wirft die Frage auf: Wann werden die Maschinen menschliche Arbeit in grossem Stil ersetzen?

Obwohl chinesische Hersteller weltweit führende Hardware produzieren, fehlt den Humanoiden die für allgemeine Arbeitseinsätze notwendige Intelligenz, ‌erklärte ein halbes Dutzend Branchenkenner und Forscher. Besonders problematisch seien Aufgaben, die Intuition oder Abweichungen von vorgegebenen Abläufen erforderten. «Der IQ der Roboter ist zu ‌niedrig», sagt etwa Tang Wenbin, Mitgründer und Chef des KI-Robotikunternehmens Yuanli Lingji. «Vieles von dem, was wir sehen, ist ​als Arbeit verkleidetes Tanzen.»

China dominant

UBTech sammelt mit staatlicher Finanzierung Trainingsdaten für verkörperte Künstliche Intelligenz (KI). Es ist eines von vielen Unternehmen des Sektors, die auf Subventionen angewiesen sind. Laut BofA Global Research stammten 95 Prozent der im vergangenen Jahr weltweit rund 20.000 ausgelieferten humanoiden Roboter von chinesischen Herstellern. Das chinesische Ministerium für Industrie und Informationstechnologie sagte für 2026 die Produktion von mehr als 100.000 Humanoiden vorher.

Wie schon bei Elektroautos oder Solarenergie steuert beim Aufbau der Branche in China der Staat als Stratege die Entwicklung. Mit Subventionen werden Produktionskapazitäten geschaffen und ein harter Wettbewerb ausgelöst, um Kosten zu senken. So will China ‌Kontrolle über Schlüsseltechnologien gewinnen und Konkurrenten verdrängen. Lizzi Lee vom Asia Society Policy Institute erklärt, dieses Vorgehen habe in anderen Branchen die Preise gedrückt und Gewinne nahezu unmöglich gemacht, am Ende aber einige global wettbewerbsfähige Unternehmen hervorgebracht. «Verschwendung ist in diesem Modell kein Versehen», sagt Lee.

Bislang wurde die Nachfrage nach Humanoiden überwiegend durch staatliche Käufe erzeugt, nicht durch Marktkräfte. Wie im Elektroauto-Sektor konkurrieren lokale Regierungen darum, eigene Robotik-Champions hervorzubringen. Nach Angaben ​der Staatlichen Entwicklungs- und Reformkommission gibt es in China mehr als 150 Hersteller von humanoiden Robotern. Öffentliche Vergabedaten zeigen, dass nationale, regionale und kommunale Behörden ​allein im ersten Halbjahr mindestens 230 Millionen Dollar für Humanoide und verwandte Produkte ausgaben. Ein Jahr zuvor waren es 62 Millionen ​Dollar, im ersten Halbjahr 2024 erst sechs Millionen Dollar. Zehn Provinzen wurden dazu verpflichtet, jeweils mindestens 20 Standorte für den realen Einsatz von Humanoiden und KI-Systemen zu benennen. Allein Shenzhen will bis 2027 ein Industriecluster mit mehr als 1200 Unternehmen ‌schaffen.

Noch unwirtschaftlich

Einige Analysten bezweifeln grundsätzlich, dass die humanoiden Roboter wirtschaftlich sinnvoller sind als die schon weit verbreiteten industriellen Roboterarme. «Die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen rechtfertigen heute keinen breiten Einsatz», sagte Poe Zhao, Analyst und Autor des Newsletters Hello China Tech. Zhao sieht Potenzial in Nischenbereichen wie Privathaushalten oder Pflegeeinrichtungen. Kurzfristig werde der Markt jedoch vor allem in gefährlichen, repetitiven und strukturierten Arbeitsbereichen liegen.

Produktionsleiter bewerten Roboter anhand von Verfügbarkeit und Zuverlässigkeit. Herkömmliche Roboterarme schneiden dabei meist ​besser ab ​als Humanoide, sagt Rachel Tan von der Shenzhen Robotics Association. Im Automobilbau dominieren Industrieroboter: Bei Xiaomis Elektroauto-Werk ⁠in Peking sind 91 Prozent des Montageprozesses automatisiert. Mehr als 700 Industrieroboter übernehmen dort Schweissen, Nieten und Kleben. Doch auch Xiaomi ​trainiert Humanoide derzeit für Aufgaben wie das ⁠Anbringen von Muttern.

Erste Geschäftsmodelle entstehen dennoch. Der Humanoiden-Hersteller Galbot setzt Roboter in Apotheken in mehr als zwei Dutzend chinesischen Städten ein. Der Galbot-Roboter nimmt nach digitaler Bestellung Produkte aus Regalen. Er besitzt Kopf, Arme ‌und Oberkörper, bewegt sich jedoch auf Rollen. Kameras, Greifer und Saugnapf helfen ihm, Waren zu finden und zu sammeln. Laut Strategiechef Zhao Yuli benötigt der Roboter dafür rund eine Minute, die Erfolgsquote liege bei über 95 Prozent.

Die KI-Gehirne humanoider Roboter unterscheiden sich grundlegend von Chatbots wie DeepSeek oder Kimi. Während Sprachmodelle enorme Textmengen verarbeiten, müssen Humanoide gigantische ‌Mengen visueller Daten analysieren und in physisches Handeln übersetzen. Das ist viel schwieriger zu trainieren und erfordert Tausende Stunden realer Erfahrung, denn sie können ​nur begrenzt verallgemeinern. Ein Roboter, der eine Aufgabe beherrscht, versagt, wenn sich Objekt, Lichtverhältnisse oder Werkzeug ändern. Branchenvertreter schätzen, dass bislang erst rund 500.000 Stunden Trainingsdaten vorliegen - für physische Intelligenz seien etwa 100 Millionen Stunden erforderlich.

Trotz Chinas Pionierleistung sind humanoide Roboter derzeit noch zu langsam und zu fehleranfällig für einen breiten kommerziellen Einsatz. Im Trainingszentrum von Liuzhou müht sich die Maschine ab, Kisten zu tragen. Einem Mitarbeiter zufolge erreichen die Roboter bei einfachen Aufgaben ‌derzeit lediglich rund 20 Prozent der Geschwindigkeit oder Produktivität ​eines Menschen. «Aber in zwei bis drei Jahren könnten sie aufholen.»

(Reuters)