Teuerung in Europa weiter rückläufig

Trotz Liquiditätsschwemme seitens führender Zentralbanken hat der Teuerungsdruck in Europa im August weiter abgenommen. Doch was sind eigentlich die Gründe für diese Entwicklung?
29.08.2014 11:03
Von Lorenz Burkhalter
Ist zunehmend gefordert, will er in Europa keine japanischen Verhältnisse: EZB-Chef Mario Draghi.

Allen Unkenrufen zum Trotz hat sich die ultralockere Zins- und Geldpolitik der Zentralbanken führender Wirtschaftsnationen bislang nicht in der Entwicklung der Konsumentenpreise niedergeschlagen.
Ganz im Gegenteil: Die gerade eben veröffentlichten Teuerungszahlen für den Euroraum deuten auf Druck auf das Preisniveau hin. Den Erhebungen zufolge ist die Teuerung im August auf 0,3 Prozent und damit auf den tiefsten Stand seit fünf Jahren gefallen. Im Juli hatte sie noch 0,4 Prozent betragen.

In der Schweiz fiel der Landesindex der Konsumentenpreise im vergangenen Monat sogar um 0,4 Prozent. Das nicht zuletzt als Folge des erstarkten Frankens. Für das Gesamtjahr prognostiziert das Bundesamt für Statistik eine Teuerung von gerade mal 0,1 Prozent.

Gemäss den Experten der DZ Bank droht Europa sogar ein Deflationsszenario, sprich ein rückläufiges Preisniveau. Ein solches würde die auf schwachen Beinen stehende Wirtschaftserholung im Keime ersticken.

Wirtschaftsentwicklung völlig falsch eingeschätzt

Seit mehr als zwei Jahren schwinde in vielen Volkswirtschaften kontinuierlich der Inflationsdruck, so schreiben sie in einem Kommentar. Dies sei eigentlich verwunderlich, spreche die expansive Geldpolitik der grossen Notenbanken rund um den Globus zunächst für ein starkes Anziehen des Preisniveaus.

Ein wesentliches Erklärungsmerkmal für die Abwärtsbewegung der Teuerung ergebe sich erst auf den zweiten Blick. Die weltweit vorhandenen Produktionskapazitäten seien mehrheitlich unterausgelastet, so die Experten. Dies sei ein Spiegelbild einer schwachen Nachfrage und bedeute, dass von der Angebotsseite kaum die Möglichkeit bestehe, höhere Preise zu verlangen.

Die Überkapazitäten erklärt man sich bei der DZ Bank mit der flauen konjunkturellen Entwicklung und mit der hohen Unsicherheit über den Fortgang der globalen Konjunkturdynamik. Die Nachfrage springe in vielen Weltregionen einfach nicht in dem Umfang an, wie es noch vor einem Jahr den Anschein hatte. Dadurch würden die aufgebauten Kapazitäten nur unterdurchschnittlich ausgelastet.

Keine schnelle Normalisierung des Preisniveaus

Den Experten zufolge wird die Nachfrage auch durch den Abbau der Verschuldung privater und öffentlicher Haushalte gebremst. Diese Entschuldungsphase habe die Konsumkonjunktur bis heute erheblich geschwächt. Ein ebenso wichtiger Faktor sei in diesem Zusammenhang die teils sehr hohe Arbeitslosigkeit in einigen europäischen Ländern. Denn sinkende Einkommen hätten eine fallende Güternachfrage im privaten Sektor zur Folge.

Das niedrige Zinsumfeld und die verbesserte konjunkturelle Lage in vielen Regionen rund um den Globus sollten auch die Finanzierungsbedingungen verbessern und somit wiederum Wachstumsimpulse induzieren. Noch verlaufe die konjunkturelle Erholung jedoch nur flau und wirke recht fragil. Vom aktuellen Standpunkt aus sehe es mit Blick auf das kommende Jahr deshalb nicht nach einer spürbaren Verbesserung des Drucks auf die Preise aus.

Bleibt auch aus Schweizer Sicht zu hoffen, dass die weiterhin zahme Teuerung auch die Zinsen auf absehbare Zeit tief hält.