Hotels senken ihre Preise, Flugbuchungen aus Europa gehen zurück und viele Fans verzichten angesichts hoher Ticketpreise, komplizierter Visa-Verfahren ⁠und des enormen Reiseaufwands auf einen WM-Besuch. Damit droht die traditionelle Rechnung des Turniers nicht aufzugehen: Statt Hunderttausender ausländischer Anhänger, die ihren Teams quer durch die 16 Gastgeberstädte ‌in drei Ländern folgen und viel Geld ausgeben, bleiben viele Sitze in Flugzeugen und Hotelzimmer leer. ‌Auch US-Bürger schliessen die Lücke bislang nicht, da Fussball in den ​USA deutlich weniger populär ist als in Europa.

Die Flugbuchungen aus Europa in die meisten WM-Städte liegen nach Daten des Analyseunternehmens Cirium für Juni und Juli im Schnitt 3,8 Prozent unter dem Vorjahresniveau. Für New York, wo am 19. Juli das Finale stattfindet, brachen die Buchungen sogar um 15,8 Prozent ein. Während die Fifa für die Millionenmetropole mit 1,2 Millionen Fans gerechnet hatte, erwartet der Hotelverband nun nur noch eine ‌halbe Million. Entsprechend hat der Verband seine Prognose für die durch die WM erzielten Zusatzeinnahmen um 60 Prozent auf rund 60 Millionen Dollar gesenkt.

«Es ist insgesamt eine Enttäuschung», sagte Verbandschef Vijay Dandapani. Um überhaupt noch Gäste anzulocken, reduzieren einige Hotels inzwischen ihre Preise. Das New York Hilton Midtown, das ​grösste Hotel der Stadt, hat seine Raten für die Turnierzeit im Vergleich zu den im Dezember ​beworbenen Preisen auf 415 Dollar pro Nacht halbiert. Die Hotelketten Hilton und Marriott äusserten sich ​zunächst nicht dazu.

Ein wesentlicher Grund für die Zurückhaltung sind die stark gestiegenen Ticketpreise. Der Weltverband Fifa hat erstmals eine dynamische Preisgestaltung eingeführt und den Weiterverkauf ohne Preisobergrenze zugelassen. ‌Selbst die günstigsten Eintrittskarten für Spiele in Städten wie New York oder Miami kosten laut der Plattform TicketData inzwischen fast 1000 Dollar. Hinzu kommen politische Hürden: Fans aus mehr als der Hälfte der qualifizierten Länder benötigen ein Visum für die USA. Die unter US-Präsident Donald Trump verschärften Grenzkontrollen sorgen ​zusätzlich ​für Unsicherheit. So wurde dem somalischen Schiedsrichter Omar Artan wegen mutmasslicher Verbindungen zu ⁠Terrororganisationen die Einreise verweigert. Von der Fifa lag zunächst keine Stellungnahme vor.

Viele Fans ​weichen auf günstigere Alternativen aus. «Einige Fans ⁠lassen die Weltmeisterschaft ganz ausfallen», sagte Andy Milne, Autor eines Buches über die englische Fankultur. Bekannte von ihm flögen stattdessen nach Ibiza oder ‌Las Vegas, um die Spiele dort im Fernsehen zu verfolgen. Selbst mit Flug und Unterkunft sei dies deutlich günstiger als ein WM-Besuch vor Ort. Ferienwohnungen verzeichnen dagegen eine höhere Nachfrage, da sich die Kosten auf mehrere Reisende verteilen lassen. Airbnb ‌erklärte bereits im Mai, die Weltmeisterschaft sei auf dem Weg, das grösste Einzelereignis in der Geschichte ​des Unternehmens zu werden. Nach Daten der Analysefirma AirDNA ziehen die Buchungen insbesondere in Städten wie Boston und Los Angeles an. Die durchschnittlichen Tagesraten bereits gebuchter Unterkünfte in den Gastgeberstädten lagen bei 218 Dollar. Wer Anfang Juni noch kurzfristig buchen wollte, musste dagegen im Schnitt schon rund 335 Dollar pro Nacht ‌zahlen.

(Reuters)