Thomas Seiler im Interview - U-blox-CEO: «Wir sind keine Apple-Firma»

U-blox möchte gar keine Aufträge von Grossfirmen wie Apple, sagt CEO Thomas Seiler im Interview mit cash. Er äussert sich zum Geschäftsverlauf in diesem Jahr und dazu, ob ein Firmenverkauf ein Thema ist.
30.11.2017 08:11
Interview: Pascal Züger, Thalwil
Thomas Seiler ist seit 2002 CEO des Chipentwicklers U-blox.
Bild: cash

Auch wenn man es kaum wahrnimmt: Fast in jedem Navigationsgerät steckt ein bisschen U-blox. Das börsenkotierte Schweizer Unternehmen mit Hauptsitz in Thalwil ZH stellt kleine Module und Chips für die Positionierung und drahtlose Kommunikation für Industrie, Autos- und Konsumgüter her. Gearbeitet wird nach dem "Fabless-Prinzip", es gibt also keine eigene Fertigung. Die Firma wurde 1997 als ETH-Spin-Off gegründet und beschäftigt mittlerweile 950 Mitarbeitende - verteilt in Europa, Asien und Amerika.

Die seit 2007 an der Schweizer Börse kotierte Aktie galt jahrelang als grosser Börsenüberflieger. Doch seit 2016 die Umsatzerwartungen nicht erfüllt werden konnten und im Mai 2017 der Kauf der chinesischen SIMcom - es wäre die grösste Übernahme in der Geschichte von U-blox gewesen - überraschend platzte, ist die Aktie etwas unter Druck geraten. cash hat sich mit dem seit 2002 amtierenden CEO Thomas Seiler über die derzeitige Situation und die weiteren Aussichten  der Firma unterhalten. Seiler hat einen Abschluss als Maschinenbauingenieur der ETH Zürich und ist MBA-Absolvent der INSEAD in Frankreich. 

cash: Herr Seiler, der Aktienkursverlauf verrät manchmal viel über die Geschäftsentwicklung einer Firma. Im Falle von U-blox ging die Aktie bis August 2016 steil bergauf, seither hat der Kurs aber um rund ein Viertel korrigiert. Wie hat sich die Firma operativ entwickelt in dieser Zeit?

Thomas Seiler: Die operative Entwicklung erfolgte 2016 nicht mit gleichen Wachstumsraten wie im Jahr vorher, weil die Umstände im Amerika zur Zeit der US-Präsidentschaftswahlen nicht optimal waren. Unsere Kunden verhielten sich sehr zurückhaltend, wir konnten deshalb nicht die gleichen Zuwächse verbuchen, wie wir uns das sonst gewohnt sind. Das ist ein typischer makroökonomischer Einfluss, dem wir ausgesetzt sind. Zum Glück betraf dies aber nur eine von unseren drei Regionen. In Europa und Asien waren wir 2016 gut unterwegs.

Und wie sieht es im laufenden Jahr aus?

In diesem Jahr hat sich die Situation zum Glück wieder normalisiert. Die amerikanische Wirtschaft legte ihre Zurückhaltung ab und ist sehr stark unterwegs. Schlussendlich war es im letzten Jahr also nur eine vorübergehende Abflachung, die nichts daran ändert, dass unser Trend nach wie vor stark auf Wachstum zeigt.

2017 wollen Sie einen Umsatz von 410 bis 425 Millionen Franken und einen operativen Gewinn von 60 bis 65 Millionen Franken erreichen. Sind Sie im Fahrplan?

Wir haben an dieser Guidance nichts mehr geändert. Damit ist diese natürlich nach wie vor gültig.

Im Mai sagten Sie überraschend die geplante Übernahme der Mobilfunk-Produktlinie der chinesischen SIMCom ab, obwohl die Kaufvereinbarung bereits unterschrieben war. Wie können Sie trotzdem die geäusserten strategischen Ziele erreichen?

Eine Akquisition ist immer erst dann abgeschlossen, wenn alles unter Dach und Fach ist. In diesem Fall ist das nicht gelungen. Aber das kann passieren. Damit sind nun unsere strategischen Optionen aber nicht verbaut. Das Projekt gab uns vor allem viele Einsichten in China, die wir zuvor nicht hatten.

Mit der Übernahme wären Sie auf einen Schlag weltweit führend im Bereich Mobilfunkmodule geworden. Bleibt das weiterhin ein Ziel?

Mit der Akquisition von SIMcom wäre dies tatsächlich etwas schneller und einfacher gegangen. Wir arbeiten jetzt aber daran, dieses Ziel auf einem anderen Weg zu erreichen. Und da gibt es durchaus Pläne und Ideen. Ausserdem kann man plötzlich einen noch besseren Weg finden.

Sie kommunizieren jedes Jahr eine Währungsprognose und zeigen auf, wie sich ein stärkerer oder schwächerer Dollar auf die Zahlen auswirken würde. Haben Sie bereits eine Vorhersage für das Jahr 2018?

Wir warten da noch ab und werden dies zusammen mit der neuen Guidance für 2018 bekannt geben. Aber täuschen kann man sich natürlich immer, daher geben wir auch die Währungssensivität an. Wenn sich der Dollar dann etwas anders als prognostiziert entwickelt, kann nachvollzogen werden, auf was unsere Budgetannahme basiert und welche Zahlen entsprechend dem aktuellen Kurs erreicht werden können.

Bei U-blox ist kein einziger Kunde für mehr als 5,3 Prozent des Umsatzes verantwortlich. Wie erklären sich diese Grössenverhältnisse?

Das ist eine bewusste Strategie. Wir wollen nicht von ganz grossen Kunden abhängig sein, die uns dann dominieren. In den Gründungsjahren haben wir da sehr schlechte Erfahrungen gemacht. Wir haben uns daher dazu entschieden, ein Anbieter zu sein, der Produkte selbst definiert und diese an eine grosse Zahl von Kunden verkauft. Zudem ist es so, dass die ganz grossen Kunden auch ganz grosse Lieferanten wollen. Und in diesem Bereich sind wir ganz klar nicht zu Hause.

Der Halbleiterhersteller AMS etwa beliefert den Grosskunden Apple. Würden Sie Grossaufträge von Apple oder einem anderen grossen Player bewusst ablehnen?

Wir unterhalten eine sehr grosse Kundenbasis und machen auch unsere Produkte aus dieser Sicht. Das ist etwas ganz anderes, als wenn man nur für einen Kunden entwickelt und lebt. Man darf strategisch nicht beides machen, also sich auf viele kleinere Kunden konzentrieren und dann trotzdem einen Grossauftrag annehmen. Man muss sich für das eine oder andere entscheiden. Entweder man ist eine Apple-Firma oder man ist keine. Wir sind keine Apple-Firma.

Während Sie auf finanziell guten Beinen stehen, haben gewisse Konkurrenten aus dem Bereich Module Finanzierungsprobleme, etwa Telit aus Italien oder Sierra Wireless aus Kanada. Hilft das U-blox, weiter Marktanteile zu gewinnen?

Wenn man nur das Modul zusammenbaut, ist dieser Schritt etwas kurz und die Gefahr gross, in einen schwierigen Preiskampf zu geraten. Es ist ein sehr preiselastischer Markt. Das heisst, mit sinkenden Preisen gehen die Volumen stark nach oben. Die grössere produzierte Menge hilft dann, die Kosten der Produkte stark zurückzufahren. Wer es geschickt macht, kann dadurch die Marge verbessern. Das funktioniert aber nur, wenn man einen genügend grossen Teil der Wertschöpfung herausnehmen kann. Das ist bei uns so, weil wir neben dem Modul auch die integrierte Schaltung bereitstellen.

U-blox hat in der 20-jährigen Firmengeschichte bereits zahlreiche Akquisitionen getätigt. Werden Sie diese Strategie auf künftig fortsetzen?

Zukäufe sind für uns wichtig, um Wachstum zu erzeugen und das Produkteprogramm auszudehnen. Wir liefern unseren Kunden Schlüsseltechnologien, die es so in dieser Kombination anderswo nicht gibt. Auch künftig werden wir Akquisitionen dazu einsetzen, um technologische Ergänzungen zu finden. Aber auch, um im Markt mehr Wachstum zu erzeugen.

Umgekehrt dürfte ein schlank aufgestelltes Unternehmen wie U-blox auch ein interessantes Übernahmeziel für grössere Firmen sein.

Wir selber sind der Ansicht, dass dies weder strategisch notwendig ist noch dem Aktionär dient. U-blox ist in ihren Produktbereichen agiler und besser als die grösseren Firmen.

Ihre Firma ist noch immer relativ klein. Das ist ein Handicap, um günstiger produzieren zu können. Wann ist ihrer Meinung die kritische Grösse erreicht, um auch in den Massenmärkten profitabel zu sein?

Die kritische Grösse ist schon längst überschritten. Wir stellen sehr grosse Stückzahlen an Halbleitern her. Vor zehn Jahren war es kritischer, aber heute haben wir eine so breite Aufstellung, dass wir mit gleichen Kosten am Markt stehen wie die ganz grossen Konkurrenten. Diese sind nur deshalb viel grösser als wir, weil sie ein riesiges Portfolio an Produkten haben. Aber der Umsatz in den einzelnen Produkttypen ist nicht grösser als unserer. Im Gegenteil, oft ist er sogar kleiner.

Personalmässig sind Sie in den letzten Jahren stark gewachsen. 2010 waren es weniger als 200 Mitarbeitende, inzwischen sind es 950. Wird diese Zahl weiter ansteigen?

Die Firma wächst, weil wir eine starke Entwicklungspipeline unterhalten und wir kontinuierlich 18 Prozent des Umsatzes in Forschung und Entwicklung investieren. Das ist der Motor unserer Firma und auch die Strategie, um weiter zulegen zu können.

Ihre Kundschaft stammt aus der Industrie, aus dem Konsumgüterbereich und aus der Automobilsparte. Am umsatzstärksten ist derzeit der Bereich Industrie. Werden Sie darauf in den nächsten Jahren den Fokus setzen?

Diese Aufteilung haben wir schon sehr lange, das hat sich über die Jahre nur wenig verschoben. Wir werden alle drei Anwendungsbereiche weiter fördern und entwickeln auch Produkte in allen Bereichen.

U-blox hat einige neue Produkte in der Pipeline. Welches wird ihrer Meinung nach demnächst die grössten Wellen schlagen?

Neue Märkte sind nur sehr schwer vorauszusehen. Und Produkte für diese Märkte kann man nur entwickeln, wenn man viele neue Ansätze mitverfolgt und auch mal Startups unter die Arme greift. So kann es plötzlich Entwicklungen geben, wo sich neue Anwendungsgebiete erschliessen.

Können Sie ein Beispiel nennen, wo sich in der Vergangenheit dieser Ansatz bewährt hat?

Ein schönes Beispiel sind Flugdrohnen. Vor Jahren haben wir an Universitäten Teams unterstützt, indem wir ihnen Gratisprodukte und technische Beratung zur Verfügung stellten. Aus diesen Teams sind tatsächlich Start-ups entstanden, die Produkte herstellen. Flugdrohnen sind heute ein wichtiger Absatzmarkt für uns. 

Schauen Sie auch das Video-Interview mit CEO Thomas Seiler. Er erzählt, wie sich U-blox in der 20-jährigen Firmengeschichte gewandelt hat, was die neusten Positionsmodule können und wieviel "U-blox" beziehungsweise "Thalwil" noch in ihnen steckt.