Tourismus - Hotellerieexperte: «Stadthotels müssen sich neu orientieren»

Darbender Geschäftstourismus, kriselnde City-Herbergen. Was ist da zu tun? Experte Heinz Wehrle schlägt vor: Weniger Hotel im Hotel. «Multi-Use»-Herbergen sind in Europa aber noch selten.
01.08.2021 08:20
von Andreas Güntert
Ausbleibende Geschäftsreisende: Blick in ein Zimmer der Hotelkette Le Bijou in Zürich.
Ausbleibende Geschäftsreisende: Blick in ein Zimmer der Hotelkette Le Bijou in Zürich.
Bild: Le Bijou

Wie dauert es, bis sich der Geschäftsreise-Tourismus erholen wird? Jahre oder Jahrzehnte?

Heinz Wehrle: Ich rechne eher mit Jahren. Wobei sich die Reiseformen Business-Travel und Städte-Tourismus bis dahin stark verändern werden.

In welche Richtung?

Bei Geschäftsreisen wird die Devise 'klein und fein' lauten. Ausgesuchte Events, hochkarätige Meetings, kleine Gruppen. Grosse Massen, gegenseitige Besuche für jeden Meilenstein eines geschäftlichen Projektes: vorbei. Beim Städte-Tourismus gehen wir davon aus, dass sich vor allem Cities mit gutem Kulturangebot schneller aufrappeln werden.

City-Hotels verdienten ihr Geld in der Regel von Montag bis Donnerstag mit Business-Kunden – und konnten ihre Häuser aufs Weekend hin zu tieferen Preisen mit Freizeit-Reisenden füllen. Hat dieser Mix noch Zukunft?

Tatsächlich, so lautete das Geschäftsmodell einst. Aber das ist Vergangenheit.

Wo geht die Reise hin für die Stadthotellerie?

Einen gewissen Anteil könnte die Formel des 'Bleisure' gewinnen, also die Mischung aus Business und dem Freizeit-Segment Leisure. Vor allem dann, wenn sich exklusive Anlässe mit Sponsoren dem Geschäftsmeeting anschliessen. Aber das wird die Corona-Lücken nicht füllen können. Stadthotels müssen sich umorientieren.

In welche Richtung?

Stadthoteliers müssen sich zusammen mit den Immobilienbesitzern eine einfache Frage stellen: Was kann im Hotel neben der Hotellerie sonst noch passieren? Es geht also um Umnutzungen.

Daran wird bereits gearbeitet. Aber Hotelzimmer als Remote-Homeoffice und Dauermiete für die lokale Bevölkerung sind nicht überall möglich.

Das kann nur ein Teil von etwas Grösserem sein. Unsere Gedanken gehen eher in die Richtung, dass man in Stadthotels mit guter Lage neue Mieter aus den Bereichen Retail, Büro und Gesundheit einmieten könnte. Diese neuen Mieter würden dann Services des Hotels, etwa Lobby, Rezeption und Gastronomie gemeinsam nutzen.

Weniger Hotel im Hotel: Wie könnte das in einem 100-Zimmer-Haus an guter Lage aussehen?

Grob gesagt: 50 Zimmer dienen weiterhin der klassischen Hotellerie, das Erdgeschoss wird an Detailhändler vermietet, in den oberen Etagen ziehen Arztpraxen, Physiotherapeuten und Kanzleien ein, und das Dachgeschoss wird für Wohnungen verwendet. In etwas Gewachsenes werden neue Nutzungsformen integriert, die dem Ganzen nicht weh tun.

Gibt es dafür Beispiele in ausländischen Städten?

Was wir teils in Singapur und in den Arabischen Emiraten schon sehen, ist aufgrund der Platzverhältnisse bei uns schlecht umsetzbar. Beispiele für solche Multi-Use-Hotels kenne ich im deutschsprachigen Raum noch nicht. Aber wir arbeiten daran. Aktuell schauen wir uns zwei Schweizer City-Hotels, eines in Genf, eines in Zürich, genau an. Dies im Auftrag ihrer institutionellen Besitzer, die sich ein Zukunftsmodell wünschen.

Grosstädte verzeichnen die grössten Einbussen

Quelle: Bundesamt für Statistik (Beherbergungsstatistik HESTA) / Grafik: handelszeitung.ch

Wer soll solche Umnutzungen bezahlen? Die Hoteliers darben bereits jetzt schon, da sind zusätzliche Investitionen schwierig.

Bei den Besitzern ist eine gewisse Bereitschaft zur Investition zu sehen und zu erwarten. Neue langfristige Nutzungen tragen dazu bei, die Einkommensströme und den Wert des Gebäudes zu schützen.

Und wo diese Bereitschaft nicht da ist?

Stadthotels in schlechter Lage, mit einem gewissen Alter, mit Renovationsstau und Mühe, an qualifiziertes Personal zu kommen, werden es schwer haben. Da wird auch mit Schliessungen zu rechnen sein. 

Soll der Staat Hotels entschädigen, die den Betrieb einstellen? Weil so die Gesamtkapazität erhalten bliebe für Zeiten, wenn der städtische Tourismus wieder Fahrt aufnimmt?

Das halte ich für wenig zielführend. Etwas anderes würde der Branche viel mehr nützen.

Was denn?

Wenn die Bewilligungsverfahren für neue Vorhaben einfacher werden. Damit hilft man ideenstarken Hoteliers und Immobilienbesitzern, den Zug in die Zukunft rechtzeitig zu erwischen.

Heinz Wehrle ist Managing Partner der Schweiz bei Horwath HTL DACH. Projektentwicklung, Betreiberselektion, Transaktionsberatung und Wertgutachten gehören zu Wehrles Fachgebiet. An der Ecole hôtelière de Lausanne (EHL) unterrichtet Wehrle «Hotel Asset Management» und «Real Estate Financing». Regelmässig hält er Workshops und moderiert Fachpanels. Horwath HTL ist eine weltweit tätige Tourismus- und Hotelberatung, die mit 52 Niederlassungen in 37 Ländern vertreten ist.

Dieser Beitrag erschien zuerst bei handelszeitung.ch mit dem Titel: «Stadthotels müssen sich umorientieren».