Zunehmend treibe die Angst, den ⁠Anschluss zu verpassen, die Kurse nach oben, sagt Chefstratege Mark Hackett vom Finanzdienstleister Nationwide. In den USA hat sich für dieses Phänomen der Begriff «Fear of ‌Missing Out» (FOMO) etabliert, der sich vielleicht mit «Torschlusspanik» übersetzen lässt. «FOMO war beim Marktgeschehen schon immer ‌ein Thema. Es stand nur nicht im Vordergrund», sagt Steve ​Sosnick von Interactive Brokers. «Es gibt viele institutionelle Anleger, die sich mehr davor fürchten, eine Rally zu verpassen, als vor einem fallenden Markt.»

An der Wall Street zeigt sich das besonders deutlich. Nach einer monatelangen Seitwärtsbewegung zog der S&P 500 zuletzt kräftig an. Verschiedene Kennzahlen deuten auf eine spekulative Euphorie hin. So stieg das Verhältnis von Kauf- zu Verkaufsoptionen auf den S&P 500 auf einen ‌der höchsten Werte seit vier Jahren. Gleichzeitig signalisieren Indikatoren wie der «Bullish Percent Index», der auf über 70 Prozent gestiegen ist, dass der Markt technisch «überkauft» ist.

«Nach einem Jahr Pause zeigt auch der Dax Charakteristiken eines Bullenmarktes: Der Index steigt fast unbemerkt, aber nachdrücklich», ​sagt Jochen Stanzl, Chefanalyst der Consorsbank. Überraschend starke Geschäftszahlen aus dem US-Technologiesektor trieben den Dax am ​Mittwoch auf ein neues Allzeithoch. Damit übertraf er seine Bestmarken vom ​Dienstag und Freitag. «Weder Unruhen in Nahost noch Zinssorgen oder hitzebedingte Belastungen der deutschen Wirtschaft erzeugen günstigere Einstiegskurse. Immer mehr Anleger beschleicht die Angst, etwas zu verpassen», sagt ‌Stanzl. Auch der Swiss Market Index erreichte kürzlich einen Rekordstand.

Gratwanderung zwischen Gewinn und Risiko

Für den deutschen Markt ist diese Entwicklung besonders bemerkenswert. Während die Rally in den USA stark von Technologiewerten getragen wird, ist der Dax breiter aufgestellt und weniger technologielastig. Dennoch scheint die positive Stimmung von der Wall Street überzuschwappen. ​Ein ​ungewöhnliches Signal für die hohe Nachfrage nach Spekulationen auf weiter steigende ⁠Kurse ist, dass die Volatilität zeitweise zusammen mit den Aktienkursen steigt.

Normalerweise ​sinkt der als Angstbarometer bekannte US-Volatilitätsindex ⁠VIX bei steigenden Kursen. Analyst Martin Utschneider vom Broker RoboMarkets verweist auch darauf, dass der Dax eine sogenannte Long-Legged-Doji-Kerze gebildet hat. ‌Diese deute ebenfalls auf eine zunehmende Unentschlossenheit der Marktteilnehmer auf einem hohen Kursniveau hin.

Einige Marktbeobachter werten die extreme Kauflaune bereits als Kontraindikator und mahnen zur Vorsicht, da die Rally stärker von der Dynamik als von Fundamentaldaten ‌getrieben sein könnte. Timo Emden vom Broker CapTrader spricht dabei von einer «Gratwanderung zwischen Gewinnoptimismus ​und Risikobewusstsein».

Andere Experten verweisen jedoch darauf, dass die Hausse auf einem soliden Fundament stehe. Nach den schwächeren US-Arbeitsmarktdaten vom vergangenen Freitag sei die nachlassende Inflation «das Goldlöckchen-Szenario für die Börse: eine sich abkühlende Wirtschaft, weniger Preisdruck und damit mehr Spielraum für die US-Notenbank», sagt RoboMarkets-Stratege Jürgen Molnar.

(Reuters/cash)