Trotz Krieg - Bunker und Kampfgeist: Ukraine produziert wieder für BMW und VW

Wie ein deutscher Kabelhersteller vom Krieg am Telefon erfuhr – und warum die ukrainischen Arbeiter bereits wieder in der Fabrik stehen.
14.05.2022 14:28
Zerstörte Häuser in der ostukrainischen Hafenstadt Mariupol.
Zerstörte Häuser in der ostukrainischen Hafenstadt Mariupol.
Bild: imago images / SNA

Wenige Wochen nach dem Einmarsch Russlands in die Ukraine erlebte Andrea Beierlein in drastischer Weise die Realität des Krieges, der 1200 Kilometer weiter östlich tobte. In der Nürnberger Konzernzentrale des Kabelherstellers Leoni sass Beierlein Mitte März in einer Telefonkonferenz mit Kollegen aus Leoni-Werken in der Ukraine, als dort plötzlich die Sirenen heulten.

Die Ukrainer teilten ihr in aller Ruhe mit, dass sie das Gespräch nun abbrechen müssten, um sich vor einem möglichen Raketeneinschlag in Sicherheit zu bringen - in Luftschutzbunkern.

"Es war unglaublich laut, und es war wirklich Totenstille auf der deutschen Seite", erinnert sich Beierlein in einem Interview an den Vorfall. "Das war für mich der Moment, wo der Krieg auf einmal wirklich live mit dabei war."

Mit seinen Kabeln und Kabelbäumen ist die Leoni ein wichtiger Zulieferer der Automobilindustrie. Der Krieg hat das Unternehmen gezwungen, seine Betriebsabläufe in der Ukraine von Grund auf zu überarbeiten. Und er zeigt anschaulich, wie man ein wichtiges Werk während eines Krieges am Laufen halten kann - auf Initiative der Belegschaft vor Ort.

Arbeiter wollten zurückkehren

Die Aufrechterhaltung der Produktion in den beiden Fabriken in Stryj und Kolomyja in der Westukraine schien zunächst aus Sicherheitsgründen nicht machbar. Nach dem Einmarsch Russlands am 24. Februar schickte Leoni vorsorglich alle 7000 Mitarbeiter nach Hause. Den weiblichen Beschäftigten, zwei Drittel der lokalen Belegschaft, wurde die Möglichkeit eingeräumt, mit ihren Kindern nach Rumänien zu ziehen, wo Leoni ein Werk hat.

Die Aussetzung der Produktion zog in der Branche schnell weite Kreise. In den ukrainischen Fabriken werden Kabelbäume hergestellt, ein komplexes Gewirr aus Drähten und Steckern, die von Hand verflochten werden und die Kommandozentrale moderner Autos bilden. Kunden wie die Volkswagen und die BMW mussten die Montage mancher Fahrzeuge an einigen Standorten vorübergehend einstellen.

Doch dann baten die Arbeiter in der Ukraine, wieder an ihre Arbeitsplätze zurückkehren zu dürfen - aus Angst, dass der vorübergehende Produktionsstopp permanent werden könnte. Sie machten einen Plan für die Wiederaufnahme der Produktion.

Sicherheit und Logistik ein Problem

Neben dem Sicherheitsaspekt erwies sich die Logistik als Problem. Viele Teile, die in den Fabriken verbaut werden, kommen aus Westeuropa, den USA und China. Anfangs durften Lieferungen aus der Europäischen Union nicht ins Land, und vielen männlichen ukrainischen Lkw-Fahrern war es gesetzlich untersagt, das Land zu verlassen. Daher rekrutierte das lokale Management Frauen aus der Belegschaft, die bereit waren, die 40-Tonner über die Grenze und zurück zu den Fabriken zu fahren.

Ein weiteres Problem war die Suche nach Platz in Luftschutzbunkern. Zwar gab es in der Nähe einige aus sowjetischer Zeit, doch manche waren mit Wasser vollgelaufen und mussten erst trocken gepumpt werden - mit eilig aus Deutschland herbeigeschafftem Gerät.

Anfang März konnte Leoni die Produktion wieder aufnehmen - zunächst im Einschichtbetrieb. Die Arbeiter bewahren ihre persönlichen Gegenstände jetzt direkt am Arbeitsplatz auf und nicht mehr im Spind, damit sie bei Alarm alles griffbereit haben. Die Anzahl der zeitgleich arbeitenden Personen wurde reduziert, sodass im Bunker für alle Platz ist. Die Schutzräume müssen spätestens 15 Minuten nach Auslösung des Alarms erreicht werden - solange brauchen die von Russland oder Belarus abgeschossen Raketen um die Fabriken zu erreichen. 

Sobald Entwarnung folgt, kehren die Mitarbeiter an ihre Arbeitsplätze zurück.

Spätschicht eingeführt

Leoni hat mittlerweile auch wieder eine Spätschicht eingeführt. Diese beginnt vor Inkrafttreten der nächtlichen Ausgangssperre. Unterbrechungen durch Sirenen sind nach wie vor an der Tagesordnung, aber an ruhigeren Tagen liegt die Produktion schon fast wieder auf Vorkriegsniveau.

Die Rückkehr zur Arbeit ist weiterhin freiwillig, und die Mitarbeiter, die nicht zur Arbeit erscheinen, werden nach Angaben des Unternehmens weiterhin bezahlt. Nach eigenen Angaben hat Leoni weniger als 10% seiner ursprünglichen Belegschaft von 7000 in dem Land verloren. Einige männliche Reservisten wurden eingezogen, etwa 200 zogen in den Kampf, und etwa 400 weibliche Angestellte haben das Land verlassen, so das Unternehmen.

Die Lkw-Anlieferungen laufen fast wieder normal, nachdem die Subunternehmer auf Fahrer umgestiegen sind, die älter als 60 Jahre sind und das Land verlassen dürfen. Um einen weiteren Produktionsausfall zu vermeiden, dupliziert Leoni die Produktion an Standorten in Rumänien und Serbien sowie an drei Standorten in Nordafrika. Für einfachere Kabelbäume sind einige Anlagen ausserhalb der Ukraine bereits in Betrieb. Bei komplexeren Produkten wird die Duplizierung noch einige Monate dauern.

"Man muss von Tag zu Tag sehen, was heute wieder möglich ist und was nicht geht", sagt CEO Aldo Kamper, "damit wir unsere Kunden so gut wie möglich versorgen können, während die Sicherheit unserer Mitarbeiter gewährleistet ist."

(Bloomberg)

 
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