Überhitzungsgefahr bei Immobilien ist akut

Die Lage auf dem Immobilienmarkt werde zunehmend gefährlich, sagt der renommierte Ökonom Ernst Baltensperger im cash-Interview. Und er regt eine Erhöhung des antizyklischen Kapitalpuffers an.
18.11.2013 00:45
Interview: Pascal Meisser, Bern
Ernst Baltensperger im cash-Video-Interview.
Bild: cash

cash: Herr Baltensperger, seit die Europäische Zentralbank (EZB) vor fast zwei Wochen die Zinsen weiter gsenkt hat, ist der Euro zum Franken nicht schwächer geworden. Weshalb blieb der Wechselkurs stabil?

Prof. Ernst Baltensperger:  Diese Zinssenkung war mehr ein symbolischer Schritt ohne wirkliche Substanz. Er sollte einmal mehr die Bestrebung der EZB bestätigen, die Tiefzinspolitik noch lange weiterzuführen.

Was heisst das für uns?

Solche Zinssenkungen sind natürlich nicht wünschenswert. Für unser Land wäre es gut, wenn das Ausland wieder zu einer weniger expansiven Geldpolitik zurückkehren würde. Oder wenn zumindest solche Absichten sichtbar würden. 

Wie lange wird die Phase der tiefen Zinsen noch anhalten?

Das kann noch längere Zeit dauern. Aber es kann nicht zum Dauerzustand werden. Ich kann mir auf Dauer keine Welt mit derart tiefen Zinsen vorstellen. Aber wir können uns von den USA nicht abkoppeln.

Die Zinssenkung der EZB schnürt der Schweizerischen Nationalbank (SNB) die Hände. Was heisst das für den Schweizer Immobilienmarkt?

Dort liegt in der Tat ein Problem. Die SNB hat ja bereits den Finger darauf gehalten.

Wäre jetzt eine Erhöhung des antizyklischen Kapitalpuffers angebracht?

Das ist denkbar. Diese Massnahme würde wohl im jetzigen Umfeld am ehesten Wirkung zeigen.

Gleichzeitig stehen die Banken bei der Hypothekenvergabe nicht auf die Bremse. Droht hier ein Problem?

Die Überhitzungsgefahr am Schweizer Immobilienmarkt wird zunehmend akut. Auch in den USA stellt sich die Frage, ob die momentane Erholung am Häusermarkt bei einer Zinskorrektur Bestand haben wird.

Vergangene Woche hat die SNB einmal mehr die Notwendigkeit der Euro-Untergrenze bekräftigt. Wie lange braucht es den Mindestkurs tatsächlich noch?

Das ist im Moment schwierig zu sagen. Einerseits herrscht in der Euro-Schuldenkrise Ruhe, zudem steigt tendenziell der faire Wert des Franken. Aber die Eurozonen-Problematik ist im Kern noch nicht gelöst. Das erschwert die Prognose einer Aufhebung, weil dieser Entscheid stark vom internationalen Umfeld abhängt – und dieses können wir nicht beeinflussen.

Ein Ende des Mindestkurses, der vor über zwei Jahren als temporäre Notmassnahme eingeführt wurde, ist also nicht absehbar. Wird die Untergrenze zum Dauerzustand?

Irgendeinmal wird diese Grenze fallen müssen. Sie ist ja nicht auf die Ewigkeit eingeführt worden. So lange aber die Notenbanken nicht aus ihrer ultraexpansiven Geldpolitik aussteigen, bleibt ein Ausstieg schwierig. Die Initiative  dazu müsste von der amerikanischen Zentralbank Fed kommen.

In absehbarer Zeit wird der faire Wert des Euro zum Franken auf das Niveau der Untergrenze fallen. Wäre das ein Exit-Szenario?

Dazu müssten erst die Inflationsdifferenzen zwischen der Schweiz und der Eurozone wieder ansteigen. Diese sind derzeit gering. Wenn dieser Fall aber eintritt, muss die SNB den Mindestkurs zumindest modifizieren, so lange sich die Lage in Europa nicht beruhigt hat.

Ist aus Ihrer Sicht eine Beruhigung mittelfristig absehbar?

Das hängt davon ab, wie die Eurozone ihre Probleme bewältigt. Sie müsste vor allem in der Frage der Bankenunion zu einer glaubwürdigen und überzeugenden Lösung kommen – nebst den notwendigen Reformen im Arbeitsmarkt. Solche Fortschritte sind momentan aber nur begrenzt sichtbar, am ehesten in Spanien. Man darf nicht unterschätzen, was dort an Reformbestrebungen läuft. .

Und Frankreich? Bleibt das Land eine tickende Zeitbombe für die Eurozone?

Frankreich ist auf jeden Fall kritisch. Beunruhigend ist, dass bei den französischen Politikern kein wirkliches Problembewusstsein vorhanden zu sein scheint.

Sie fordern einen globalen Ausstieg aus der expansiven Geldpolitik. Ist das angesichts der latenten Probleme überhaupt realistisch?

Die Ausgangslage ist sicher nicht einfach. Mit Niedrigzinsen lassen sich manche Staatshaushalte gerade noch im vorgegebenen Korsett halten. Ein Zinsanstieg würde solche Bestrebungen über den Haufen werfen. Und die Banken in den EU-Problemländern sind sehr stark von den Krediten der EZB abhängig. Dank tiefen Zinsen sind sie noch halbwegs solvent. Aber was ist, wenn diese Banken plötzlich zwei- bis dreimal mehr Zins zahlen müssen?

Die Aussicht auf das Geldabschöpfen der Notenbanken sorgt an den Finanzmärkten für Unsicherheiten. Muss sich der Anleger auf Verluste einstellen?

Es ist klar, dass ein Ausstieg aus der aktuellen Geldpolitik zu steigenden Zinsen führen muss. Die Folge sind Wertverluste bei wichtigen Anlageklassen. Deshalb muss ein Exit sachte und behutsam erfolgen. Aber genau hier liegen die Unsicherheiten.  Schon jetzt sehen wir eine lächerlich anmutende Abhängigkeit zwischen den Börsen und beliebigen Verlautbarungen von Notenbanken. Aus fundamentalen Überlegungen ist dies nicht einzusehen. Dies führt gar zur Perversion, dass gute Nachrichten aus der Realwirtschaft sich negativ auf die Börsen auswirken. Das ist Ausdruck einer Unsicherheit, die letztlich nicht gut sein kann.

Im Video-Interview äussert sich Baltensperger zudem zum immer stärker werdenden globalen Abwertungswettlauf. 

Das Interview wurde vergangene Woche am Rande des IAZI-Immobilienkongresses in Bern geführt.