Die fragmentierte europäische Chemiebranche steuert auf eine milliardenschwere Übernahme zu: Deutschlands Branchenprimus BASF hat den kleineren Konkurrenten Evonik ins Visier genommen. Der Vorstand von Evonik erklärte am Freitag, ihm sei eine «unverbindliche Ansprache durch die BASF SE zugegangen». «Diese ist auf ein freiwilliges öffentliches Übernahmeangebot für sämtliche Aktien der Gesellschaft gerichtet», hiess es weiter. Gespräche fänden derzeit jedoch nicht statt. Darüber hinaus wollte sich Evonik nicht äussern. Evoniks Ankeraktionär, die RAG-Stiftung, bestätigte, dass BASF auf sie zugekommen ist. Evonik-Aktien legten um mehr als neun Prozent zu, Anteilsscheine von BASF gaben um rund zwei Prozent nach.
Die Essener RAG-Stiftung hält rund 43 Prozent der Anteile an Evonik. Sie will aber ihre Abhängigkeit von der Chemieindustrie verringern und hatte erklärt, den Anteil perspektivisch auf 25,1 Prozent abschmelzen zu wollen. Ihr käme bei einer möglichen Transaktion eine Schlüsselrolle zu. Sie habe derzeit drei Schuldverschreibungen mit einem Umtauschrecht in Aktien der Evonik AG ausstehen, teilte die Stiftung mit, die mit ihrem Vermögen für die Folgekosten des beendeten Steinkohlebergbaus in Deutschland haftet.
Zusammenschluss könnte Bewegung in die Chemiebranche bringen
Ein Zusammenschluss könnte eine Konsolidierung der durch zahlreiche Unternehmen geprägten europäischen Chemieindustrie anschieben. Zusammen kämen BASF und Evonik auf einen Jahresumsatz von zuletzt rund 75 Milliarden Euro. Evonik fuhr nach eigenen Angaben 2025 rund 32 Prozent seiner Umsätze in Amerika, rund 44 Prozent in Europa und 24 Prozent in Asien ein. Evonik verfügt über eine Marktkapitalisierung von rund 8,4 Milliarden Euro. Mit einer für eine Übernahme nötigen Prämie würde eine Transaktion für BASF also nicht billig. Sie könnte den Konzern Experten zufolge aber stärken: «Das Produktportfolio von Evonik ist komplementär zu BASF», erklärte Arne Rautenberg, Aktienchef bei Union Investment, gegenüber Reuters: «Mit der Übernahme von Evonik könnte BASF sich in der Spezialchemie stärker aufstellen und die Auslastung nach oben bringen.» «Die industrielle Logik ist gegeben», bilanzierte er.
Evonik befindet sich aktuell mitten im Umbau. Der Essener Konzern hatte bereits im Juni angekündigt, bis Ende 2029 rund 3200 Arbeitsplätze zu streichen, 2150 davon in Deutschland. Von den Töchtern Oxeno und Syneqt mit rund 4300 Beschäftigten will sich das Unternehmen trennen. Inklusive bereits umgesetzter Sparprogramme könnte die Belegschaft von Evonik damit um insgesamt rund 10.000 Menschen schrumpfen. Interimschef Claus Rettig will den Konzern auf profitable Kerngeschäfte konzentrieren und mit den Einsparungen Raum für neue Investitionen schaffen. Zwar lasten hohe Energiekosten und Preisdruck aus Asien auf der Branche in Deutschland, doch hatte Evonik in den vergangenen Monaten von Lieferengpässen asiatischer Konkurrenten profitiert, die unter den Folgen des Iran-Kriegs leiden. Evonik hatte deshalb im August von einer «Sonderkonjunktur» gesprochen, die Essener hatten ihre Jahresprognose angehoben. «Wir werden ein gutes Jahr haben», hatte Rettig erst Anfang der Woche gesagt.
Für BASF wäre eine Übernahme von Evonik einer der grössten Zukäufe in der gut 160-jährigen Firmengeschichte. Die bislang grössten Übernahmen der Ludwigshafener waren der Erwerb der Saatgut- und Herbizidgeschäfte von Bayer im Jahr 2018 für 7,6 Milliarden Euro, die der Leverkusener Konzern als Kartellauflage für die Monsanto-Übernahme abgeben musste, sowie der Kauf des US-Katalysatorherstellers Engelhard 2006 für 4,8 Milliarden Dollar.
BASF-Chef Markus Kamieth treibt seit seinem Amtsantritt vor zweieinhalb Jahren einen tiefgreifenden Umbau voran. Wegen der Krise in der europäischen Chemiebranche, die unter schwacher Nachfrage und hohen Energiepreisen leidet, streicht das Unternehmen weltweit Tausende Stellen. Allein am defizitären Stammsitz in Ludwigshafen fiel die Zahl der Beschäftigten zuletzt auf den tiefsten Stand seit 1954. Mit dem Sparprogramm «CoreShift» will der Konzern die Fixkosten im Kerngeschäft bis 2029 um bis zu 20 Prozent senken. Zugleich trennen sich die Ludwigshafener von Randbereichen: Das Geschäft mit Fahrzeuglacken geht für 7,7 Milliarden Euro mehrheitlich an den Finanzinvestor Carlyle, die Agrarsparte soll bis 2027 an die Börse gebracht werden.
Im Tagesgeschäft profitierte BASF im abgelaufenen Quartal zuletzt von einer anziehenden Nachfrage und kräftigen Preiserhöhungen. Mitte Juli hob der Konzern die Jahresziele an und erwartet für 2026 nun ein bereinigtes operatives Ergebnis (Ebitda) zwischen 6,9 und 7,7 Milliarden Euro. Die Erlöse aus den Verkäufen sollen vor allem dem Schuldenabbau dienen, geben BASF aber auch strategischen Spielraum. Kamieth hatte Ende Juli bei der Vorlage der Quartalszahlen betont, dass der Konzern nach Zukäufen Ausschau halte, die Synergien böten. Akquisitionen hätten gegenüber dem Bau eigener Grossanlagen an Attraktivität gewonnen.
Ein Zukauf von Evonik fiele zudem in eine Zeit sich rasant verschiebender Kräfteverhältnisse auf dem Weltmarkt. Kamieth hatte im Juni eingeräumt, dass BASF seinen weltweiten Spitzenplatz beim Umsatz auf absehbare Zeit an chinesische Konkurrenten wie Sinopec verlieren dürfte. Grösse per se sei zwar kein Ziel, betonte der Manager damals. BASF wolle jedoch eines der werthaltigsten Unternehmen der Branche bleiben.
(Reuters)

