US-Präsidentschaftswahlen - Chaos ist bei US-Wahl das grösste Risiko für die Börsen

Eine US-Präsidentschaftswahl ohne klaren Sieger oder ein Amtsinhaber, der sich an seinen Stuhl klammert: Für Anleger sind beides Horror-Szenarien.
23.09.2020 18:40
Ein unklares Ergebnis bei den US-Wahlen 2020 könnte die Börsen weltweit belasten.
Ein unklares Ergebnis bei den US-Wahlen 2020 könnte die Börsen weltweit belasten.
Bild: Bloomberg

Experten erwarten in diesen Fällen Kurskapriolen bei Aktien, US-Anleihen und dem Dollar. "Das ist eine Qualität von politischem Risiko, die unüberschaubar ist", sagt Commerzbank-Analyst Ulrich Leuchtmann. "Eine politische Lähmung in einer Phase, in der Handeln zur Bewältigung der Corona-Krise notwendig ist, wäre fatal." Die "Antikrisen-Währung" Gold oder andere als sicher geltende Anlagen könnten von solchen Turbulenzen profitieren.

Ein politisches Patt mit eventuellen Neuauszählungen der Wählerstimmen hält Fondsmanager Eckhard Schulte vom Vermögensverwalter MainSky für die wahrscheinlichere dieser beiden Szenarien. "Sollte der Supreme Court ähnlich wie im Jahr 2000 das Ergebnis festlegen, könnte dies die Spaltung im Land verschärfen - vor allem wenn die Entscheidung zugunsten des US-Präsidenten Donald Trump ausfällt. Es würde das Vertrauen in die Institutionen untergraben und eine Korrektur an den Börsen auslösen."

Verkompliziert werde die Lage durch den Tod der liberalen Richterin am Obersten US-Gerichtshof, Ruth Bader Ginsburg, erläutert Commerzbank-Experte Leuchtmann. Ihr Platz werde wohl mit einem Kandidaten oder einer Kandidatin aus den konservativen Lager besetzt, womit diese bei einer möglichen Urteil zum Wahlausgang in der Mehrheit wären. "Das macht es nicht wahrscheinlicher, dass am Ende ein Ergebnis herauskommt, das allgemein akzeptabel ist."

Aktien und Anleihen billiger – Edelmetalle teurer

Folker Hellmeyer, Chef-Analyst des Vermögensverwalters Solvecon-Invest, taxiert die Wahrscheinlichkeit, dass Trump das Wahlergebnis nicht anerkennt, auf zehn bis 15 Prozent. Für eine westliche Demokratie sei das ein aussergewöhnlich hoher Wert. "Dies würde das Ansehen der US-Währung massiv beschädigen. Zumindest temporär sind Kursverluste des Dollar von bis zu fünf Prozent zu erwarten. Ausserdem werden Staatsanleihen und Aktien unter Verkaufsdruck geraten."

Ein Grund hierfür sei eine drohende Herabstufung der US-Kreditwürdigkeit, fügt Hellmeyer hinzu. "Denn die demokratische Verfassung eines Staates ist ein wichtiger Faktor bei der Beurteilung der Bonität. Eine solche Krise würde zu einer Destabilisierung der Weltfinanzmärkte führen. Daher werden die Kurse der Edelmetalle als 'sicherer Anlagehafen' deutlich steigen." Auch Rohstoff-Experte Alexander Zumpfe vom Edelmetallhändler Heraeus traut dieser Anlageklasse Kursgewinne zu. "Akzeptiert Trump das Wahlergebnis nicht, dürfte das die Atmosphäre weiter anheizen. Gerade von so einer undurchsichtigen Situation dürfte Gold profitieren. Genau wie von einem knappen Wahlausgang."

Belastungsfaktor Hängepartie

In den Wochen zwischen der knappen Wahl im November 2000 und der Entscheidung des Obersten Gerichtshofs im Dezember, die George W. Bush zum US-Präsidenten machte, verlor der breit gefasste US-Aktienindex S&P 500 gut vier und der deutsche Leitindex Dax fast fünf Prozent. Der Dollar-Index, der den Kurs zu wichtigen Währungen widerspiegelt, büsste etwa ein Prozent ein. Aber auch nach dem Urteil vom 12. Dezember ging die Talfahrt weiter. Bis zu ihrem Tiefpunkt Anfang Januar 2001 rutschten der S&P 500 und der Dax um jeweils mehr als neun Prozent ab. Der Dollar-Index brach um sechs Prozent ein.

Einige Analysten sind allerdings der Ansicht, dass ein unklarer Wahlausgang dem Dollar zu einem Kurssprung verhelfen könne. Die Weltleitwährung werde von ihrem Rufs als "sicherer Hafen" von der Verunsicherung der Anleger profitieren, sagt Manager bei der Beratungsfirma Klarity FX.

Dies wäre aber lediglich ein Zwischenhoch, warnen die Analysten des Brokerhauses TD Securities. "Eine Trendwende ist das nicht." Auch andere Experten sehen den Dollar wegen der auf unbestimmte Zeit festgeschriebenen Nullzins-Politik der Notenbank Fed und des im Vergleich zu anderen Weltregionen unzureichenden Managements der Corona-Krise langfristig auf dem Rückzug.

(Reuters)