Der heftige Ausverkauf an den Anleihemärkten bringt bisherige Obergrenzen ins Wanken und könnte die Parameter für Investoren nachhaltig verändern. Jahrelang galt eine Rendite von fünf Prozent bei zehnjährigen US-Staatsanleihen als das Niveau, ab dem die globalen Finanzmärkte in ‌Turbulenzen geraten ⁠würden. Diese Schwelle erscheint vielen nun nicht mehr als Deckel, sondern als Zwischenwert. Anleger treibt die Frage um, ob sechs Prozent der neue Wert ist, ⁠der ihnen schlaflose Nächte bereiten sollte.

Die Aussicht auf steigende Zinsen, höhere Staatsschulden und eine hartnäckige Inflation hat die Rendite der US-Papiere im September über fünf Prozent getrieben - was in ‌den vergangenen Jahrzehnten nur kurzzeitig vorgekommen ist. Zuletzt markierte sie mit 5,150 Prozent den höchsten Stand seit ‌Juli 2007. Laut Mike Bell, Leiter der Marktstrategie bei BlueBay Asset Management, handelt ​es sich aber nicht um einen automatischen Warnhinweis. «Die Leute denken, es gäbe eine magische Marke für die Renditen von Staatsanleihen, ab der es problematisch wird, aber es ist eine relative Grösse, keine absolute», sagt Bell. Entscheidend sei, wie sich die Renditen im Vergleich zu anderen wichtigen Anlagekennzahlen, insbesondere der Gewinnrendite von Aktien, darstellen. Laut Bell nähert sich dieses Verhältnis nun einem Wendepunkt, was möglicherweise den Weg für einen Aktienausverkauf ebnet.

Sechs Prozent als Schmerzgrenze für Aktienmärkte

Auf dem 29 ‌Billionen Dollar schweren US-Staatsanleihenmarkt, der die Preisbildung für praktisch alle Finanzanlagen bestimmt, würde eine Verschiebung von fünf auf sechs Prozent eine tiefgreifende Anpassung der globalen Kapitalkosten bedeuten. Sie würde signalisieren, dass sich Anleger auf deutlich höhere Inflationserwartungen, wachsende Besorgnis über die Tragfähigkeit der US-Haushaltsfinanzen und die Überzeugung, dass die Zinssätze jahrelang hoch bleiben ​werden, einstellen müssen.

Die Analysten von JP Morgan sehen einen der Gründe dafür, dass die kritische Schwelle wieder über ​fünf Prozent liegen könnte, in einem grundlegenden Strukturwandel in der Weltwirtschaft. Künstliche Intelligenz, Gesundheitswesen und Dienstleistungen ​spielten eine immer wichtigere Rolle. Viele Unternehmen aus diesen Bereichen investierten und expandierten unabhängig von der Höhe der Kreditkosten. Das bedeute, dass «der traditionelle Zinskanal wesentlich weniger einschränkend wirkt», konstatieren die Analysten. «Die Auslöseschwelle ‌für die Aktienmärkte könnte deutlich höher liegen, möglicherweise im Bereich von 5,5 bis 6,0 Prozent», sagt die Investmentbank unter Berufung auf die Ansichten einiger der wichtigsten Investoren auf einer ihrer jüngsten Konferenzen.

Risiko an den Märkten steigt

Höhere Renditen sind prinzipiell negativ für den Aktienmarkt, da sie die Bewertungen drücken und die Finanzierungskosten für ​Unternehmen und ​Verbraucher erhöhen. Zudem schichten Investoren von Aktien in Anleihen um, um von den attraktiven ⁠Renditen zu profitieren. Das zeigt auch der Blick zurück: So halbierte der MSCI-Weltaktienindex seinen Wert, ​als die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen zuletzt die ⁠Fünf-Prozent-Marke überschritt – kurz vor der globalen Finanzkrise. Einen ähnlichen Einbruch erlitt er weniger als zehn Jahre zuvor, als ein Renditeanstieg zum Platzen der Dotcom-Blase beitrug.

Das ‌grösste Risiko ist dabei wohl psychologischer Natur. Sobald Anleger die Frage aufwerfen, ob sechs Prozent Rendite denkbar sind, verschiebt sich die Debatte von einem vorübergehenden Renditeanstieg hin zu einer umfassenderen Auseinandersetzung mit dieser Möglichkeit. Das würde bedeuten, dass die Ära der reichlichen Liquidität und des extrem ‌billigen Geldes zu Ende gegangen ist. Entsprechend müssten sich die globalen Vermögenspreise an dauerhaft höhere Kapitalkosten anpassen. Für Neil ​Birrell, Chief Investment Officer von Premier Miton, zeigen die Aktienmärkte zwar derzeit keine Anzeichen eines Einbruchs. Dies könnte aber möglicherweise daran liegen, dass die Anleger Renditen von über fünf Prozent noch nicht in ihre längerfristigen Gewinnprognosemodelle einbezogen hätten. «Die Märkte stehen gut da, bis alle ihre Bewertungsmodelle neu berechnet haben», sagte Birrell. «Letztendlich zählen die Zahlen, und sie ‌müssen aufgehen.»

(Reuters)