«Vermisse Schweizer Pünktlichkeit»

Seit fast 20 Jahren lebt Thomas Haering in Australien. Wieso hat die Krise das Land erst jetzt erfasst? Und was bedeutet ihm die Schweiz noch? Teil 2 der cash-Interviewserie zum Jahresende mit Auslandschweizern.
17.12.2013 00:55
Interview: Pascal Meisser
Thomas Haering, Auslandschweizer in Australien.
Thomas Haering, Auslandschweizer in Australien.
Bild: ZVG

Bis Ende dieser Woche veröffentlicht cash jeden Tag ein Interview mit Schweizern, die im Ausland leben und arbeiten. Sie beurteilen die wirtschaftliche Situation in ihrem Gastland - und, von aussen betrachtet, die Lage der Schweiz. Heute: Fitnesscoach Thomas Haering (47). Er arbeitet in der Nähe von Adelaide als selbstständiger Personal- und Konditionstrainer und lebt seit fast 20 Jahren in "Down Under". Haering ist mit einer Australierin verheiratet.

cash: Herr Haering, wie lautet ihre berufliche Bilanz für 2013?

Thomas Haering: Das Jahr war für mich sehr interessant, aber auch herausfordernd. Seit Jahresbeginn ist die wirtschaftliche Lage in Australien sehr angespannt. Der Regierungswechsel hat leider noch nicht den erhofften Aufschwung gebracht. Ich selber bin als Personal Trainer spezialisiert auf Gewichtreduktion sowie Rücken- und Knieverletzungen. Da mein Service sehr individuell ist, kann ich 2013 trotz harten Zeiten einen Gewinn erzielen.

Und privat?

Kein Grund zur Klage. Meine Familie ist von Krankheiten und Unfällen verschont geblieben. Wir dürfen auf viele fröhliche und unterhaltsame Stunden zurückblicken. Je älter ich werde, desto mehr verstehe ich unter dem geschäftlichen und privaten Erfolg, wie viel Zeit ich mit meiner Frau, der Familie und Freunden verbringen kann.

Sie leben schon lange in Australien. Was bedeutet die Schweiz für Sie heute?

Nach fast 20 Jahren in Australien bedeutet mir die Schweiz nicht mehr so viel. Natürlich gibt es viele Dinge, die ich noch immer mag und sogar ein wenig vermisse. Die Schweiz ist sehr sauber, gut organisiert, sicher und stabil.

Was hat Sie nach Australien gebracht?

Woher meine Liebe zu diesem Land kommt, kann ich auch heute nicht so ganz erklären. Schon als Schulbube war ich von Australien 'angefressen'. Noch heute erinnere ich mich an einen Spruch von damals, dass ich eines Tages mit einem Rasenmäher quer durch Australien rennen würde. Nach meiner Kochlehre arbeitete ich während 18 Monaten in einem Schweizer Restaurant. Das Lebensfeeling der Australier, die Sonne, die Strände und das kalte Bier hatten mir so gut gefallen, dass ich mich 1994 entschied, der Schweiz den Rücken zu kehren.

Was vermissen Sie am meisten an der Schweiz?

Ragusa-Schokolade, Gruyère-Käse und ein richtiges Sauerteigbrot! Aber Spass beiseite, neben der Sauberkeit und Pünktlichkeit vermisse ich es, zentral zu leben. In der Schweiz reist man wenige Stunden, und man ist bereits in einem Nachbarland. Zum Glück muss ich hier nicht ganz auf die Schweiz verzichten. Ich habe meinen neunjährigen Berner Sennenhund Schnapps. 

Und was nervt Sie besonders an Australien?

Diese Gelassenheit hier, wenn es ums Arbeiten geht. Bei der kürzlichen Renovation unseres Hauses hatten wir einen Bodenleger beauftragt. Nach ein paar Tagen liess er sich nicht mehr blicken, er war nicht mal telefonisch erreichbar. Als ich den Boss des Unternehmens erreichte, war die lapidare Antwort: 'Mate, hast Du das Wetter gesehen? Da muss man einfach fischen gehen.' Eine solch lasche Arbeitseinstellung ist nichts Aussergewöhnliches hier.

Wie oft kommen Sie noch in die Schweiz?

Ich besuche meine Familie alle zwei Jahre mal.

Wie informieren Sie sich über das Geschehen in der Schweiz?

Über Internet. Mein tägliches Morgenritual besteht aus Kaffee, Frühstück und dem Lesen von drei Schweizer Online-Zeitungen.

2013 wurde in der Schweiz unter anderem über die Abzocker- und 1:12-Initiative abgestimmt. Nehmen Sie noch aktiv am politischen Geschehen in der Schweiz teil?

Nein, ich finde, dass ich nicht berechtigt bin, über etwas abzustimmen, das mich nicht direkt betrifft.

Australiens Wirtschaft ist fast unbeschadet durch die Finanzkrise gekommen – mit welchem Erfolgsrezept?

Die australische Regierung hatte viel Geld investiert, um die Wirtschaft am Laufen zu halten. Das Kapital kam aus der Privatisierung von Staatsunternehmen. So wurden beispielsweise Unternehmen aus der Telekommunikation wie Telstra sowie aus der Gas- und Elektrizitätsindustrie an Private verkauft.

Was sind heute die Folgen für das Land?

Die Preise für Güter des täglichen Gebrauchs werden teurer und teurer, auch bei Nahrungsmitteln. Coles und Woolworths, zwei grosse Ketten, haben quasi ein Monopol und verdrängen die kleineren Mitbewerber. In diesem Juli stellte ich bei einer Schweiz-Reise fest, dass Australien erstmals seit fast 20 Jahren teurer geworden ist als die Schweiz.

Auch Australien leidet unter einer starken Währung. Was heisst das für einheimische Betriebe?

Viele Unternehmen lagern die Produktion ins nahe gelegene Asien aus, zum Beispiel nach Indonesien, China, Vietnam oder Taiwan.

Was erwarten Sie in wirtschaftlicher Hinsicht für 2014?

Natürlich hoffen alle, Licht am Ende des Tunnels zu sehen. Persönlich befürchte ich aber, dass Australiens Wirtschaft noch tiefer fällt. Der Minen-Boom ist zu Ende, die Wirtschaftslage schwach und was Wachstum viel zu niedrig.

Wie legen Sie Ihr privates Vermögen an?

Ich investiere in Immobilien. Derzeit sind viele Häuser relativ günstig zu haben. Vor gut vier Jahren hat die Regierung zusammen mit den Banken den erstmaligen Hausbesitzern ein Darlehen gewährt, um den Hausbau zu fördern. Wegen der misslichen wirtschaftlichen Lage und dem Anstieg der Hypothekarzinsen sind die Häuserpreise deutlich gesunken.

Wie verbringen Sie die Festtage?

Mit meiner Familie, Freunden, gutem Essen und Wein, kaltem Bier - und mit der Klimaanlage, um dem heissen Wetter zu entkommen. Hier ist es momentan fast 40 Grad warm.