Einige Marktbeobachter sehen wegen des Renditeanstiegs bei den französischen Bonds mit dem Namen OATs - kurz für «Obligations assimilables du Trésor» - schon die nächste Schuldenkrise in Europa aufziehen. Jim Reid, Stratege bei der Deutschen Bank (DB) und ausgewiesener Kenner der europäischen Obligationenmärkte, will für den Moment nur von einer Mini-Krise sprechen.
Die Lage in Frankreich werde das Marktgeschehen zu Beginn dieser Woche beherrschen, nachdem sich der Renditeabstand zwischen französischen und deutschen zehnjährigen Staatsanleihen vergangene Woche um 32 Basispunkte auf 141 Basispunkte ausweitete. Das ist der stärkste wöchentliche Anstieg seit Beginn der Bloomberg-Aufzeichnungen im Jahr der deutschen Wiedervereinigung.
Am vergangenen Freitag erreichte der Spread zwischen französischen und deutschen zehnjährigen Staatsanleihen zeitweise 160 Basispunkte, wobei ironischerweise die schwachen US-Arbeitsmarktdaten für eine Trendwende sorgten - dies, da die Erwartungen an weltweite Zinserhöhungen zurückgeschraubt wurden. Die entscheidende Frage sei nun, ob dies der Beginn einer neuen Euro-Staatsschuldenkrise sei oder ob die Märkte bereits überreagiert hätten. Reid von der Deutschen Bank neigt eher zu Letzterem, auch wenn die Märkte kurzfristig bis mittelfristig weiterhin politischen Handlungsdruck erzeugen könnten.
Frankreichs Haushaltsproblem sei real und habe sich über Jahre hinweg aufgebaut. Insofern sei gerade jetzt der Zeitpunkt der jüngsten Marktbewegung so interessant, denn an den Fundamentaldaten hat sich kaum etwas Wesentliches geändert, betont der Experte der Deutschen Bank. Vielmehr dürfte das Zurückfahren von auf Kredit finanzierten Obligationenbeständen den Abverkauf beschleunigt haben.
Keine Parallelen zur Eurokrise bisher
Der weitere Verlauf könnte sich daher erheblich von der Anfangsphase der Eurokrise unterscheiden und der Marktdruck selbst als Korrekturmechanismus wirken. Höhere französische Renditen straffen bereits die Finanzierungsbedingungen und dürften es der Europäischen Zentralbank (EZB) zunehmend erschweren, jene Zinsschritte umzusetzen, die der Markt zuvor eingepreist hatte. Die Ökonomen der Deutschen Bank sehen den Endzins eher bei 2,75 Prozent oder vielleicht 3,00 Prozent statt bei den vom Markt erwarteten 3,20 Prozent.
Zudem dürfte der französische Haushalt mit grösserer Wahrscheinlichkeit verabschiedet werden als in den vergangenen zwei Jahren. Die Präsidentschaftskandidatin Marine Le Pen vom Rassemblement National als auch die französische Zentralbank bemühen sich zudem verstärkt um fiskalische Glaubwürdigkeit.
Reid von der Deutschen Bank hebt ferner positiv hervor, dass die französischen Banken mit deutlich weniger Problemen konfrontiert sind, als dies die Peripherieländer anfangs der Eurokrise waren. Das alles bedeute nicht zwangsläufig, dass die Tiefststände bei französischen Vermögenswerten erreicht seien.
Entsprechend kaufen die Strategen der Deutschen Bank noch keine französischen Staatsanleihen. «Je schneller sich die Ansteckung ausbreitet, desto grösser wird der Druck auf die französische Politik, glaubwürdige Haushaltsreformen vorzulegen. Ebenso erhöht sich der Druck auf die europäischen Institutionen, letztlich einen Sicherheitsmechanismus bereitzustellen, falls die Märkte die Fundamentaldaten deutlich überschreiten. Anders ausgedrückt: Es gibt einen plausiblen Weg, auf dem sich die Lage zunächst verschlechtert, bevor sie sich bessert, wobei der Ausverkauf selbst die Lösung beschleunigt», so das Fazit von Reid.
Fokus auf deutschen Bundesobligationen
Die Deutsche Bank ist nicht allein mit der Meinung, dass eine unmittelbare Eurokrise ansteht. Einer der wesentlichen Stützfaktoren für den Euro sei der Status der deutschen Staatsanleihen als «sicherer Hafen», argumentieren die Ökonomen der Commerzbank. Solange Investierende Zugang zu einer sicheren Anlage in Euro hätten, blieben die aktuellen Probleme der französischen Regierung eher ein Problem für französische Staatsanleihen als für den Euro selbst.
Ende vergangener Woche zeigten sich erste Anzeichen einer Ansteckung von Frankreich auf andere Länder der Wirtschafts- und Währungsunion. Bislang sind deutsche Bundesanleihen - oder kurz «Bunds» genannt - in der jüngsten Phase jedoch unbeeindruckt geblieben. «Solange dies so bleibt, dürfte das Abwertungspotenzial des Euro - zumindest vorerst - begrenzt bleiben», so die Experten der Commerzbank.
Allerdings gerieten auf dem Höhepunkt der Staatsschuldenkrise zeitweise auch deutsche Bundesanleihen unter Druck, da Anleger befürchteten, Deutschland könne als einer der Hauptgeldgeber der Rettungsmechanismen selbst Zweifel an seiner Bonität aufkommen lassen. Frühe Anzeichen einer Ansteckung, die auf Deutschland übergreift, wären daher ein deutliches Warnsignal für den Euro, so die Commerzbank-Strategen.

