cash.ch: Herr Bamert, die Schweizer Altersvorsorge orientiert sich immer noch an linearen Erwerbsbiografien. Die Realität sieht längst anders aus. Was bedeutet das?
Thomas Bamert: Erstens: Die Altersgutschriften sind nach Alter gestaffelt. Je älter man wird, desto höher sind die Altersgutschriften an die Pensionskasse. Das entspricht eigentlich einem Lebenslauf, der früher an der Tagesordnung war. Damals galt: Je älter man wurde, desto mehr verdiente man. Heute trifft dies nicht mehr zwingend zu. Zweitens: der Koordinationsabzug. Vorsorgepläne in der zweiten Säule lassen einen Koordinationsabzug zu, da dieser Teil bereits in der ersten Säule versichert ist. Dieser Koordinationsabzug ist in der Regel fix. Je tiefer das Pensum, umso grösser dieser fixe Abzug und umso kleiner die Altersgutschriften. Da heute sehr viel mehr Personen in Teilzeit arbeiten als früher, ist dies eine weitverbreitete Schwachstelle. Ein dritter Punkt ist die starre Gestaltung des Vorsorgeplans: Dieser läuft heute vom 25. Altersjahr bis 65. Eine flexiblere Gestaltung von beispielsweise dem 18. bis zum 70. Lebensjahr dürfte für viel mehr Flexibilität bei nicht linearen Erwerbsleben sorgen.
Zum Koordinationsabzug: Wenn ich Teilzeit arbeite oder vielleicht mehrere Jobs habe, was für eine konkrete Lücke kann entstehen?
Zwei Teilzeitjobs sind in der Regel doppelt so schlimm - auch bei einem gesamthaft 100-prozentigen Pensum, denn dadurch werden zwei Mal rund 26’000 Franken in der Pensionskasse nicht versichert. Wer ausserdem zwei Tätigkeiten ausübt, bei denen der Lohn unter der Eintrittsschwelle (22'680 Franken / Stand 2026) liegt, ist bei keiner Pensionskasse versichert! Zum Teilzeitbeispiel mit einem Job: Nimmt man das Medianeinkommen in der Schweiz von etwas über 87’000 Franken sind nach dem Koordinationsabzug bei einer Anstellung von 100 Prozent noch 61’000 Franken versichert. Reduziert man auf ein Pensum von 80 Prozent, sind allerdings nur noch 44’000 Franken versichert. Die Reduktion der versicherten Leistung liegt damit um einiges höher als die Pensumreduktion von 20 Prozent.
Auf welche Beträge summieren sich diese niedrigeren Leistungen bis zur Pensionierung?
Das kommt natürlich darauf an, wann mit der Teilzeitarbeit begonnen wird. Je früher man beginnt, desto grösser ist die Lücke - auch wegen des Wegfalls des Zinseszinseffekts auf das niedrigere Vorsorgevermögen. Die Lücke dürfte - je nach Situation - mehrere Zehntausend bis 100'000 Franken betragen. Allerdings spielt auch das Lohnniveau und der vom Arbeitgeber abgeschlossene Vorsorgeplan eine Rolle.
Welche finanziellen Optionen haben Personen mit solchen Vorsorgelücken?
Man kann jederzeit Pensionskasseneinkäufe tätigen, sofern eine Lücke existiert. Eine Lohnerhöhung schafft hier zusätzliches Einkaufspotenzial. Bei einer linearen Erwerbsbiografie wird mit PK-Einkäufen kurz vor der Pensionierung geraten. Wenn aber jemand schon früh Karriere gemacht hat, eine gute Sparquote hat und das Geld länger entbehren kann, sagen wir: möglichst früh anfangen. Wenn die Pensionskasse gut verzinst, hat man nicht nur den Steuervorteil, sondern auch noch eine höhere Verzinsung des Kapitals.
Ist bei Teilzeit also privates Sparen zwingend?
Meiner Meinung nach ist privates Sparen immer zwingend - nicht nur bei Teilzeitpensen. Wir leben länger, das Pensionierungsalter ist immer noch bei 65 Jahren und das Leben wird teurer. Zwar ist die offizielle Inflationsrate sehr niedrig, allerdings werden Krankenkassenprämien nicht mitberechnet. Für ältere Menschen sind aber genau diese ein grosser Ausgabepunkt. Wir erwarten zudem, dass, wenn die Babyboomer auf die 80 bis 85 Jahre zugehen, die Gesundheitskosten spürbar ansteigen. Wir haben in der Schweiz aktuell mehr Personen über 65 als unter 20. Dieses demografische Ungleichgewicht belastet das System - und die tatsächliche Inflation dürfte nach oben überraschen.
In Gesprächen mit Ihren Kunden: Was sind so die grössten Herausforderungen in der Praxis?
Eine der grössten Herausforderungen ist, dass die Leute eigentlich immer zu spät in die Beratung kommen.
Was heisst das?
Wir sagen immer, dass man sich ab 45 mit dem Thema auseinandersetzen sollte. Aber wenn ich beispielsweise mit 30 oder 35 in eine Teilzeitstelle wechsle, wäre es schon dann angebracht, sich mit der Vorsorge auseinanderzusetzen. Es gibt dann einige sehr wichtige Dinge zu klären: Was für einen Vorsorgeplan hat der Arbeitgeber? Ist dieser seit Jahrzehnten nicht angepasst worden und werden deshalb Teilzeitangestellte benachteiligt? Jeder Betrieb verfügt über eine sogenannte Vorsorgekommission, die sich genau um solche Fragen der Mitarbeitenden kümmern muss. Angestellte sollten eine Benachteiligung beim Koordinationsabzug unbedingt über ihre Vertreter in die Kommission einbringen. Ein Arbeitgeber kann den Vorsorgeplan jederzeit anpassen - und eine Anpassung des Koordinationsabzugs an den Teilzeitgrad kostet das Unternehmen nicht alle Welt.
Ab wann ist es aber zu spät, sich mit der Thematik auseinanderzusetzen?
Mit 60. Dann sind wirklich wenige Optimierungsmöglichkeiten noch verfügbar. Man sollte sich sehr früh Gedanken machen, wie man die Vorsorge beziehen möchte: als Kapital, als Rente oder als Mischform. Das hängt von der Familiensituation ab. In einer Paarbeziehung sollte man sich mit dem Partner absprechen. Wenn ich Männer in der Beratung habe, tendieren sie mehr zum Kapitalbezug. Ich frage dann allerdings: Mit 65 magst du dich noch mit Aktien und Obligationen auseinandersetzen. Ist das auch noch so, wenn du 75 oder 80 bist? In der Schweiz ist die durchschnittliche Partnerin zudem 3 Jahre jünger als der Mann und lebt im Schnitt 3 bis 4 Jahre länger. Sie müsste sich dann noch 6 bis 7 Jahre länger mit der Verwaltung des eigenen Vermögens auseinandersetzen - will sie das überhaupt? Da ist es vielleicht nicht richtig, das ganze Kapital zu nehmen. Als Richtlinie empfehlen wir: Wer ruhig schlafen möchte, sollte etwa 80 Prozent der laufenden Fixkosten durch garantierte Renten aus der 1. und 2. Säule abgedeckt haben. Alles darüber hinaus, kann flexibel als Kapital bezogen werden.
Ab wann ist es für Teilzeitangestellte zu spät, sich mit der Thematik auseinanderzusetzen?
Bei denen ist es wichtig, dass sie sich direkt beim Schritt in die Teilzeit Gedanken über die Vorsorge machen. Dass sie genau wissen, wie viel weniger versichert ist und welche Lücken entstehen. Wichtig: Nicht nur ist der Koordinationsabzug nicht versichert, auch erhält man keine Arbeitgeberbeiträge auf nicht versichertem Lohn. Arbeitgeberbeiträge auf dem versicherten Lohn betragen mindestens 50 Prozent. Der verpasste Zinseszins-Effekt auf den Vermögenszuwachs ist somit enorm.
Wieso kümmern sich die Menschen dennoch so spät um die Vorsorge?
Die Menschen wurden nie darauf sensibilisiert. Man muss sich auch nie mit der Vorsorge beschäftigen. Und bis zur Pensionierung geht es ja meist noch lange (lacht). Man schiebt es also auf. Auch ist es vielen Menschen einfach zu mühsam: All die Dokumente zusammensuchen zu müssen, und man versteht die Dokumente vielleicht auch nicht. Ein Pensionskassenausweis sieht bei jeder Pensionskasse anders aus. Das Geld ist auch nicht wie bei einer Bank über ein Onlineportal einfach einsehbar. Man weiss auch nicht, worin investiert wird. Die Pensionskasse gibt Ende Jahr einen Zinssatz, den man aber sowieso nicht beeinflussen kann. Wieso sollte man sich also damit beschäftigen?
Eine Umfrage der Migros Bank zeigte jüngst, dass Sparen bei Schweizerinnen und Schweizern dennoch beliebt ist. Der langfristige Vermögensaufbau allerdings kaum Priorität hat…
Ja, man spart oft kurzfristig für ein Auto, eine Wohnung, Ferien oder Sabbaticals. Rein privat sehr langfristig zu sparen, fällt jedoch vielen schwer, weil es immer wieder Konsumgründe gibt, um das Geld anzuzapfen.
Thomas Bamert ist Head Wealth & Pension Planning bei Rothschild & Co Bank in Zürich. Seine Haupttätigkeit besteht in der Beratung von Unternehmern und Privatkunden sowie in der Umsetzung von Partnerschaften im Vorsorgebereich.
Bevor er 2023 zu Rothschild kam, war er bei der Bank Julius Bär als Advisor Wealth Planning tätig und hat die dortigen Vorsorgeservices aufgebaut und weiterentwickelt. Zuvor war der promovierte Wirtschaftswissenschaftler in verschiedenen Funktionen bei der Swiss Life beschäftigt. Neben seiner Promotion an der Universität Zürich absolvierte er einen MAS in Financial Consulting (ZHAW) sowie einen DAS in Pensionskassen Management (HSL).

