«Eine Zinserhöhung im Dezember ist aus heutiger ‌Sicht ⁠sehr wahrscheinlich notwendig», sagte Nagel am Dienstagabend in einer Rede in Berlin. Zwar habe der EZB-Rat ⁠bei seiner Sitzung vergangene Woche auf einen weiteren Zinsschritt verzichtet, da es bislang wenig Anzeichen für Zweitrundeneffekte wie stark steigende ‌Lohnforderungen gebe. Der Inflationsausblick habe sich zuletzt jedoch verschlechtert.

«Aus heutiger Sicht ‌dürfte allerdings kaum ein Weg an einer Zinserhöhung ​vorbeiführen, wenn sich der Inflationsausblick nicht deutlich verbessert», erklärte Nagel laut Redetext. Die Teuerungsrate im Euroraum war im September auf 3,8 Prozent gestiegen. Grund seien vor allem die durch die Konflikte im Nahen Osten gestiegenen Energiepreise. Die Geldpolitik müsse verhindern, dass daraus ein breiter Preisauftrieb entstehe. Denn dieser könne ‌letztlich auch die Preise anderer Waren und Dienstleistungen stärker erhöhen sowie auf die Lohnforderungen durchschlagen, mahnte Nagel. «Das würde wiederum die Preise nach oben treiben.»

Die EZB ​sieht nur eine Inflation von zwei Prozent mittelfristig als ideal für die ​Konjunktur im Euroraum an. «Unsere Kernaufgabe ist es, Preisstabilität ​zu sichern», sagte Nagel. «Davon sind wir derzeit ein ganzes Stück entfernt.»

Die EZB-Spitze entscheidet am 17. Dezember erneut über Geldpolitik und ‌Zinsen. Der Beschluss werde auch auf Basis neuer Prognosen getroffen, die erstmals bis ins Jahr 2029 reichten, erläuterte der Bundesbank-Präsident.

Nagel warb in seiner Rede zudem für mehr ​europäische Einigkeit, um ​in einer sich wandelnden Welt bestehen zu ⁠können: «Wenn wir uns in der Welt behaupten wollen, ​wenn wir souverän über unsere Zukunft ⁠bestimmen wollen, dann müssen wir in Europa geeint auftreten.» Das geopolitische Klima sei rauer geworden und ‌der internationale Wettbewerbsdruck habe zugenommen. Europäische Integration sei besonders dringend beim Binnenmarkt, aber auch in der Verteidigungs- und Aussenpolitik.

Deutschland und Frankreich komme dabei eine Schlüsselrolle als «unverzichtbarer Motor ‌für den gesamten Kontinent» zu. Nagel erinnerte an die Europa-Rede des ​britischen Regierungschefs Winston Churchill vor 80 Jahren, der eine europäische Gemeinschaft getragen von der Partnerschaft beider Länder skizziert hatte. Auch wenn der Motor heute manchmal zu stocken scheine, führe an der deutsch-französischen Kooperation kein Weg vorbei.

(Reuters)