Warum der Franken nicht stärker wird

Die bevorstehende Geldschwemme der EZB und auch geoplitische Verwerfungen können dem Schweizer Franken derzeit nichts anhaben. Verantwortlich dafür ist nicht zuletzt die Schweizerische Nationalbank.
01.12.2015 01:05
Von Ivo Ruch
Für Schweizer lohnt sich derzeit das Einkaufen im Euro-Raum.
Für Schweizer lohnt sich derzeit das Einkaufen im Euro-Raum.
Bild: Bloomberg

Mehr als zehn Monate ist es nun schon her, seit die Schweizerische Nationalbank (SNB) am 15. Januar Knall auf Fall den Franken-Mindestkurs zum Euro aufhob und eine scharfe Aufwertung der Währung auslöste. Obwohl sich der Euro-Franken-Kurs mittlerweile zwischen 1,07 und 1,09 eingependelt hat und von Kursen unterhalb der Parität wegbewegt hat, darf man nicht vergessen: Seit Jahresbeginn hat sich der Franken gegenüber der europäischen Gemeinschaftswährung um 9 Prozent aufgewertet. Sinnbildlich dafür steht auch die Wahl des Begriffs "Frankenschock" zum Finanzwort des Jahres 2015.

Erstaunlich war in jüngster Vergangenheit, dass der Franken trotz Terror-Anschlägen und Säbelrasseln zwischen Russland und der Türkei stabil geblieben ist. Das Gleiche gilt auch für die erwartete zusätzliche Euro-Schwemme durch die EZB. Marktbeobachter gehen davon aus, dass die SNB in diesem Zusammenhang bereits Präsenz markiert hat, wie auf dem Chart deutlich sichtbar ist. Denn am letzten Freitag verlor der Franken innert Minuten gegenüber dem Euro 0,6 Rappen und gegenüber dem Dollar einen Rappen.

Euro-Franken-Kurs in den letzten sieben Tagen, Quelle: cash.ch

Thomas Stucki, Anlagechef der St. Galler Kantonalbank, geht von Frankenverkäufen der SNB aus: "Sie wollte im Vorfeld der EZB-Entscheidung (…) ihren Willen zur Verhinderung einer Franken-Aufwertung bekräftigen", schreibt er in einer Analyse. Der Zeitpunkt dafür war geschickt gewählt. Denn aufgrund der Feiertagsbrücke nach Thanksgiving sei die Liquidität im Markt tiefer als sonst, so Stucki, der früher Anlagechef der SNB war.

Kein sicherer Hafen mehr?

Eine mögliche Begründung für die momentan relative Schwäche könnte sein, dass der Franken seinen Ruf als sicherer Hafen eingebüsst hat, er bei Schutz suchenden Investoren also nicht mehr so beliebt ist. Doch diese These findet kaum Unterstützung. Thomas Flury, Devisenstratege bei der UBS, sagt auf die Frage nach dem Ende des "Safe Haven Franken": "Sicher nicht. Sein Status als sicherer Hafen sorgt dafür, dass er so stark ist." Denn der Franken sei gegenüber dem Euro immer noch markant überbewertet und das obwohl die Zinsen ins Negative getrieben wurden. Da der Franken in einem überbewerteten Gebiet angekommen sei, reagiere er nicht mehr so sensitiv auf "kleine Veränderungen in der Risiko-Konstellation", so Flury gegenüber cash.

Auch die Leserinnen und Leser von cash sind mehrheitlich gleicher Meinung. In einer aktuellen Umfrage verneinen 73 Prozent der Teilnehmenden die Frage "Hat der Franken als sicherer Hafen ausgedient?". Einen ähnlichen Standpunkt vertritt cash-Guru Alfred Herbert: "Der Franken hat nicht mehr dieselbe Attraktivität wie vor sechs oder zwölf Monaten, aber er ist immer noch attraktiv und wird es immer sein."

SNB unter Zugzwang

Neue Impulse könnte der Frankenkurs am kommenden Donnerstag erhalten. Wie es derzeit aussieht, zündet die Europäische Zentralbank dann die nächste Stufe ihrer riesigen Finanzspritze. Denn die Resultate der bisherigen QE-Phasen sind eher enttäuschend: Die Inflationsziele werden bei weitem nicht erreicht, und in vielen Ländern der Euro-Zone ist die Krise noch längst nicht vorbei. Neben einer Ausweitung der Anleihekäufe ist es gut möglich, dass die EZB ihren Negativzins von aktuell -0,2 Prozent weiter senkt. Diese Massnahmen würden den Euro erneut schwächen und Druck aufsetzen auf die SNB-Führungsriege um Thomas Jordan. Doch ihre Interventionsmöglichkeiten sind begrenzt.

Trotz den bevorstehenden Aktionen der EZB sieht Devisen-Experte Flury den Euro-Franken-Kurs weiterhin zwischen 1,05 und 1,10 schwanken. Auch die Bank Julius Bär erwartet keinen Absturz. Auf drei Monate prognostiziert sie einen Stand von 1,10, auf zwölf Monate gar von 1,12. Die Zürcher Kantonalbank schliesslich erkennt aus technischer Sicht weitere Kurschancen in Richtung 1,0950 oder sogar 1,0980, wie sie in einem Marktkommentar schreibt. "Darüber dürften sogar 1,10 drinliegen."

Mehr Negativzinsen möglichst verhindern

Kurzfristig ist es der SNB offenbar gelungen, den Euro-Franken-Kurs auf ein Niveau um 1,09 zu heben. Doch langfristig stellt sich die Frage, wie oft sie solche Interventionen durchführen kann und will. "Ohne klare Haltung sind Devisenmarktinterventionen auf Dauer nutzlos", schreibt Thomas Stucki. Zudem blähen sie die SNB-Bilanz weiter auf. Und das war ursprünglich eines der Hauptargumente für die Aufhebung der Euro-Untergrenze im Januar.

Nichtdestotrotz werden wohl Devisen-Eingriffe auch in Zukunft das Hauptinstrument der SNB bleiben, um eine Frankenaufwertung abzuwenden. Auf eine Ausweitung der Negativzinsen dürfte hingegen möglichst lange verzichtet werden, sind sich Experten einig. Zu einschneidend sind die unerwünschten Nebenwirkungen für das Schweizer Finanz- und Vorsorgesystem, wie zum Beispiel die deutlich gesunkenen Zinssätze auf Säule-3a-Konten zeigen.

Helfen könnte der SNB die bevorstehende Zinswende in den USA. In Erwartungen dieses Schritts erreichte der Dollar unlängst ein Siebenmonatshoch zum Euro und kletterte auf ein Fünfjahreshoch zum Franken. Das dürfte einigen Handlungsdruck von der SNB nehmen, da der Dollar die zweitwichtigste Aussenhandelswährung der Schweiz nach dem Euro ist.