Warum diese Berufe heute «entzaubert» sind

Warum eigentlich gilt es nicht mehr als erstrebenswert, Pilot, Banker oder Journalist zu werden? Oder sind dies weiterhin Traumberufe? Fünf Tätigkeiten, die einmal Abenteuer, Erfolg und Ansehen vermittelten.
02.10.2016 21:03
Von Marc Forster
Einen Passagierjet zu steuern hat(te) einen gewissen Glamourfakor: Piloten im Cockpit.
Einen Passagierjet zu steuern hat(te) einen gewissen Glamourfakor: Piloten im Cockpit.
Bild: Pixabay

Gibt es so etwas wie den Traumberuf? Vermutlich nicht. Denn Freude und Zufriedenheit an der eigenen Arbeit zu finden, ist eine Sache der eigenen Einstellung. Aber es gibt Tätigkeiten, die mehr als andere den Hauch von Glamour, Erfolg und Sicherheit verkörpern. Oder dies zumindest einmal taten - in den Augen von Kindern vielleicht, die man fragte, was sie einmal werden wollten.

Die stete Veränderung des Wirtschaftslebens hat aber dafür gesorgt, dass in vielen einstigen Traumberufen der Lack abbröckelt. Nicht nur die Anforderungen haben sich verändert, auch die bessere Zugang zu Informationen hat das Bild von diesen Tätigkeiten entzaubert. Machen wir uns nichts vor: So rosig war auch früher in kaum einen Beruf. Doch Vorstellungen, Sehnsüchte und Träume haben schon immer bestanden, und das ist auch gut so.

Flight Attendant

Was früher Stewardess oder Steward hiess, verströmte die Faszination der weiten Welt, des Abenteuers und einer Portion Freiheit. Die Realität sieht heute aber definitiv anders aus. Airlines kämpfen um Marktanteile und lassen sich alles mögliche einfallen, um noch Geld zu verdienen. Das spüren auch die Flight Attendants. Flugzeugkabinen werden nicht nur für Passagiere immer enger, die Arbeitszeiten sind anforderungsreich, und Flight Attendants sehen häufig kaum etwa von den Destinationen, zu denen sie die Fluggäste begleiten.

Laut Gesamtarbeitsvertrag von Mai 2015 zwischen der Swiss und der Kabinenpersonalgewerkschaft verdient ein Flight Attendant zu Beginn 3400 Franken. Überdurchschnittlich sind die Gehälter nur in Führungsfunktionen. Viele Flight Attendants üben den Beruf nur wenige Jahre aus, weil die Belastung hoch ist. Was viele Passagiere nicht wissen: Die Flugbegleiter servieren zwar Essen und sorgen für andere Bedürfnisse der Reisenden, aber eine ihrer Hauptaufgaben ist Sicherheit. Bei Bruchlandungen müssen die die Passagiere retten helfen. Dafür ist ein ziemlich harter Drill nötig. Und bei Billigairlines müssen die Flight Attendants zum Teil auch die Kabinen putzen, wenn die Passagiere ausgestiegen sind.

Pilot

Das äussere Bild des Piloten ist zwar noch intakt: Sie tragen immer noch blaue Uniformen mit Goldknöpfen, die übrigens aus der Seefahrt abgeleitet sind. Doch die Vorstellung von einem Navigator, der über den Wolken die Kontrolle über die ihm anvertrauten hunderten von Menschenleben behält und einen Airliner mit überlegener Sicherheit zum Ziel steuert, ist relativer geworden. Flugzeuge fliegen heute fast selbständig, für die Sicherheit sorgen Computer und Sensoren. Der Faktor Mensch ist dabei eher zum Risiko geworden.

Dass Pilot kein Traumberuf mehr ist, sieht man nur schon am Spardruck und den damit verbundenen Streikwellen bei Airlines. Die Swiss-Mutter Lufthansa kann ein Lied davon singen. Unter den Piloten gibt es eine Zweiklassengesellschaft. Flugkapitäne bei traditionsreichen Airlines geniessen Privilegien und stattliche Löhne: So verdient ein Pilot bei der Air France immer noch bis zu fast 300'000 Franken im Jahr. Auch Swiss-Piloten auf der schlechter bezahlten Kurzstrecke verdienen immer noch fast die Hälfte davon. Die Gehälter für Copiloten liegen allerdings tiefer. Und bei Billigairlines im Ausland sind die Löhne sowieso wesentlich mickriger.

Lehrer

Unterrichten hat auch etwas mit Idealismus zu tun. Wissen weiterzugeben ist etwas Wertvolles. Ein gutes Bildungssystem ist nach wie vor Grundlage für eine erfolgreiche Volkswirtschaft und die persönlichen Perspektiven jeden Einzelnen. So, wie sich jeder Mensch ein Leben lang an die Schulzeit erinnert, bleiben auch die Lehrpersonen im Gedächtnis haften. Lehrer sind - ob sie es wollen oder nicht - Autoritätspersonen, denn sie leiten andere an, kontrollieren und bewerten.

Doch damit fangen für viele die Probleme an. Sich durchzusetzen ist für Lehrer schwieriger geworden. Berechtigterweise ist das Zeitalter der Bestrafung mit dem Rohrstock lange vorbei. Daher müssen Lehrer ihre Position dank ihrem persönlichen Vorbild behaupten. Aber dies ist schwieriger geworden. Im Zeitalter der „Helikoptereltern“ hat die auch unfaire Kritik an den Lehrern zugenommen, und die Bürokratisierung des Unterrichtswesen nimmt ihnen Zeit und Freiheiten weg. Dazu kommt, dass Lehrer auch mehr und mehr auch die Rolle des Therapeuten oder Sozialarbeiters spielen müssen.

Bankangesteller

Wer etwas mit Zahlen umgehen kann, soll zu einer Bank gehen. So sah man das einst, zu Zeiten, als Banken den Ruf unerschütterlicher Solidität hatten. Man wusste: Bei einer Bank verdient man gut. Sozusagen eine Belohnung für diejenigen, die sich in Fach Mathematik angestrengt hatten und sich ins Bankfach vorwagten. Doch das ist die Welt von gestern.

Die Finanzkrise hat das Image der Geldhäuser nachhaltig erschüttert. Heute dominieren Spardruck und Entlassungswellen den Alltag der Bankangestellten. Die Unsicherheit im Job wird grösser, denn die Digitalisierung und Regulierung haben angefangen, das Bankgeschäft umzuwälzen. Die Stimmung sinkt permanent, weil die Angst um den Job steigt. Privilegien wie vergünstigte Mahlzeiten, Gratis-Mobiltelefone, vorteilhafte Parkplatzpreise oder gute Konditionen bei Bankgeschäften haben manche der Institute für Mitarbeiter auf den unteren Gehaltsstufen gestrichen oder eingeschränkt. Wovon viele Bankangestellte freilich immer noch profitieren, sind Gehälter und Sozialleistungen, die das durchschnittliche Level in der Bevölkerung übersteigen.

Journalist

Ja, auch dieser Beruf hat an Glanz verloren. Zumindest stimmt das Bild vom unerschrockenen Rechercheur, der einen Skandal aufdeckt und die Mächtigen zu Fall bringt, nur bedingt mit der Realität überein. Jedem Redaktor fällt einmal eine Unstimmigkeit auf und berichtet darüber. Aber vom Ruhm der Watergate-Helden Bob Woodward und Carl Bernstein, die 1974 die schmutzigen Tricks von Präsident Nixon an die Öffentlichkeit brachten, sind die meisten weit entfernt. 

Die Job-Suchmaschine Adzuna hatte schon 2013 über 2000 Berufsbezeichnungen in Deutschland aufgrund von 25 Kriterien bewertet, unter anderem nach Gehaltspotenzial, Arbeitsbedingungen, Wettbewerbsintensität sowie Arbeitslosenquote und Arbeitsplatzsicherheit. Unter den zehn schlechtesten Berufen war auch: Journalist. Wie in anderen Branchen herrscht in den Medien Spardruck aufgrund von veränderten Rahmenbedingungen wie Digitalisierung. Der Einstieg in den Beruf ist schwieriger geworden und führt für viele über Praktika oder nicht fixe Beschäftigungsverhältnisse. Zwei Bereiche des Journalismus, die einst eine geballte Ladung Glamour oder Aufregung versprühten, haben sich völlig gewandelt: Fernsehen und Auslandkorrespondenten. Die Bedeutung des Fernsehens nimmt dramatisch ab. Und die meisten Medien haben ihre Korrespondentennetze in den Metropolen der Welt so stark zusammengestrichen, dass das Leben der entsandten Berichterstatter mehr und mehr zum Überlebenskampf wird. Ausser, man hat eine spannende Nische gefunden. So etwas gibt es natürlich immer - in jedem Beruf.