Zwischen Dezember 2025 und März 2026 verdoppelte sich der Kurs der Cosmo-Aktie nahezu auf 124,50 von 62,50 Franken, nachdem das Unternehmen in einer Pressemitteilung am 3. Dezember 2025 ein «bahnbrechendes» Studienresultat zu einem neuen Medikament gegen Haarausfall verkündet hatte.
Die Ernüchterung folgte allerdings auf dem Fusse. Etwas mehr als neun Monate später notiert der Titel bei 57,90 Franken und somit tiefer als bei der Ankündigung der Produktnews. Einige Anlegerinnen und Anleger stellen sich natürlich die Frage, ob Cosmo mit der an Euphorie grenzenden Pressemitteilung nicht zu viel Optimismus verkauft hatte.
Für sich genommen ist das Wort «bahnbrechend» kein Regelverstoss des Börsenbetreibers (SIX). Art. 15 der SIX-Richtlinie verlangt, dass Ad-hoc-Informationen wahr, klar und vollständig sind und ein verständiger Marktteilnehmer ihre Kursrelevanz einschätzen kann, betont der Rechtsanwalt Alexander Schiemenz von LindemannLaw in Zürich auf Anfrage von cash.ch. Entscheidend sei deshalb nicht das Adjektiv, sondern ob die Fakten den Gesamteindruck tragen.
An Fakten mangelt es nicht. Die Cosmo-Studien zu «Clascoterone» erreichten statistisch signifikante Endpunkte bei der Haaranzahl im Zielbereich, wobei eine Studie eine relative Verbesserung von 539 Prozent gegenüber dem Placebo und die zweite Studie eine relative Verbesserung von 168 Prozent gegenüber dem Placebo erzielte. In beiden Studien wurde ein positives Sicherheitsprofil nachgewiesen. Das bestätigt, welch Durchbruch Cosmo gelungen ist.
«Eine Ad-hoc-Mitteilung ist kein Werbeprospekt. Der Durchbruch muss in den Daten stecken - nicht bloss in der Überschrift», betont Schiemenz von LindemannLaw. Etwas Kritik kommt auf, weil sich nicht genau herauslesen lasse, was 539 Prozent Verbesserung bei der Haaranzahl im Zielbereich bedeute. Wer solche Zahlen hervorhebe, sollte ihren praktischen Aussagegehalt nachvollziehbarer machen, empfiehlt der auf Börsenrecht spezialisierte Experte Schiemenz.
Auf Anfrage teilte die Gesellschaft gegenüber cash.ch mit: «Was die jüngsten Entwicklungen und Erfolge der Clascoterone 5 Prozent topische Lösung betrifft, verweisen wir gerne auf die beiden entsprechenden aktuellen Medienmitteilungen vom Dezember 2025 und April 2026. Als professionelles börsenkotiertes Unternehmen können wir keine Stellungnahme zur Kursentwicklung abgeben.»
Keine Kursreaktion auf Update
Ein neuerlicher Kursschub an der Börse blieb nach dem positiven Update vom 3. April 2026 aus. Cosmo hob darin hervor, dass das Sicherheitsprofil des Medikaments für die Eignung zur Langzeitanwendung spreche.
Bei Patienten, die kontinuierlich mit dem Haarwuchsmittel Clascoterone behandelt wurden, setzte sich der Haarzuwachs gemäss Studienergebnissen bis zum zwölften Monat fort. Im Gegensatz dazu kam es bei Patienten, die ab dem 7. Monat auf das Placebo umgestellt wurden, zu einem Rückgang des durch die Behandlung erzielten Haarzuwachses, was die Bedeutung einer fortgesetzten Therapie unterstreicht, so das Biotechnologieunternehmen aus Mailand.
Entsprechend treibt Cosmo die Vorbereitungen für einen Zulassungsantrag in den USA und einen Antrag auf Marktzulassung in Europa voran. Die Einreichung bei der amerikanischen Gesundheitsbehörde FDA ist derzeit für Anfang 2027 geplant.
Das Potenzial ist intakt
Gemäss Daten der Nachrichtenagentur Bloomberg stufen alle fünf Analysten, die den Titel abdecken, die Aktie mit «Kaufen» ein. Das durchschnittliche Kursziel beträgt 125 Franken, wobei der US-Broker H.C. Wainwright mit 160 Franken das höchste ausruft.
Nicolas Paulliac, Analyst bei Kepler Cheuvreux, schrieb in einer Kundennotiz Ende Juli, dass das Phase-III-Programm für die topische Lösung mit 5 Prozent Clascoterone abgeschlossen sei. Die Daten zur Wirksamkeit und Sicherheit über zwölf Monate hinweg stützten eine Langzeitanwendung. Der Experte von Kepler stuft die Einreichung der Zulassungsanträge für das erste Quartal 2027 in den USA sowie das zweite Quartal 2027 in Europa als realistisch ein.
Ferner hob der Experte von Kepler Cheuvreux hervor, dass die anstehende Veröffentlichung des vollständigen Datensatzes zur Wirksamkeit seiner Ansicht nach die entscheidende Voraussetzung für einen Lizenzvertrag darstelle und dies der wichtigste Katalysator für eine Neubewertung der Aktie sei. Kepler Cheuvreux stuft die Aktie mit «Buy» und einem Kursziel von 123 Franken ein.
Am Marktpotenzial fehlt es nicht. Analysten der US-Investmentbank Jefferies schätzen, dass der weltweite Umsatz mit der Therapie von Cosmo gegen Haarausfall bei Männern drei Milliarden Dollar erreichen könnte. Dieses Ziel sei allerdings nur erreichbar, wenn es gelänge, einen leistungsfähigen Vertriebspartner zu finden. Gelingt dies vor Jahresende, dürfte das den Aktienkurs unterstützen, so die Jefferies‑Analysten.
Die Gründe für die Kurskorrektur
Zwei Gründe haben zum Rücksetzer bei Cosmo seit Anfang April geführt. Erstens war die Börsenreaktion in den drei Monaten nach Ankündigung des Durchbruchs im Dezember vergangenen Jahres zu euphorisch. Hiermit folgte der Valor dem klassischen Kursmuster einer Biotechnologieaktie. Nach dem ersten Kurssprung nach Bekanntgabe von positiven Studiendaten geht es oftmals in eine Konsolidierungs- und Bewährungsphase über, weil Gewinne mitgenommen werden. Erst wenn das Unternehmen die nächsten Meilensteine erreicht, nimmt die Nachfrage nach Aktien an der Börse wieder zu.
Zweitens ist Cosmo nicht alleine im Markt mit Haarwuchs-Medikamenten. Die amerikanischen Biotechnologieunternehmen Absci und Veradermics forschen erfolgreich an ähnlichen Produkten. Entsprechend ging es mit den Kursen der beiden US-Firmen steil nach oben. Seit Jahresanfang legten Absci und Veradermics um je 180 Prozent zu. Ferner hat Novo Nordisk am Mittwoch angekündigt, den Markt für Mittel gegen Haarausfall ins Visier zu nehmen.
Die Konkurrenz tut den Erfolgschancen von Cosmo keinen Abbruch, da der Gesamtmarkt für Haarwuchsmittel von den Jefferies-Experten auf eine Grösse von rund 20 Milliarden Dollar geschätzt wird. Dieses Marktsegment biete definitiv Platz für mehrere Medikamente. «Viele Patienten mit Haarausfall neigen dazu, mehrere Präparate zu verwenden, sofern sie es sich leisten können», so Jefferies-Analyst Roger Song gegenüber Bloomberg.
Trotz des positiven Ausblicks sei vor allzu viel Euphorie gewarnt. Oder wie es der Biotech-Spezialist Gil Blum von Needham beim Cosmo-Konkurrenten Absci formuliert: «Das ist eine 'Alles-oder-Nichts'-Story. Ich würde jetzt einsteigen, weil die Aktie noch günstig ist.» Das heisst: Dem enormen Aufwärtspotenzial steht keine Garantie auf Erfolg gegenüber.
Cosmo ist finanziell solide aufgestellt
Im Konkurrenzvergleich kann Cosmo mit mehreren Pluspunkten aufwarten. Das Unternehmen hat eine lange, erfolgreiche Vergangenheit hinter sich und dürfte im laufenden Geschäftsjahr einen geschätzten Umsatz von 106 Millionen Euro erzielen. Zudem zahlt das Unternehmen eine Dividende aus. Die aktuelle Dividendenrendite beträgt 3,8 Prozent.
Für das Geschäftsjahr 2026 sollte Cosmo gemäss Konsensschätzungen einen Gewinn von 1,2 Millionen Euro ausweisen sowie einen freien Cashflow von 14,6 Millionen Euro. Damit steht Cosmo auf gesunden Beinen und kann das künftige Wachstum aus eigener Kraft finanzieren.
Ein Blick auf die Schweizer Biotech-Landschaft ist ebenfalls aufschlussreich. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis liegt bei Cosmo bei 33x, verglichen mit 30x bei Idorsia. Cosmo ist aber im Vergleich zu Idorsia schuldenfrei und während bei Cosmo für 2026 ein freier Cashflow prognostiziert wird, dürfte dies bei Idorsia erst im Jahr 2027 der Fall sein.

