Was Sie über mobiles Bezahlen wissen müssen

Mobiles Bezahlen steckt in den Kinderschuhen. Es tummeln sich aber bereits viele Anbieter im Markt. Nicht alle davon werden überleben. Wie geht es weiter? Die wichtigsten Fragen und Antworten zum Thema.
28.08.2016 23:45
Von Pascal Züger
Bezahlen mit dem Handy an einer Poststelle mit Twint.
Bezahlen mit dem Handy an einer Poststelle mit Twint.
Bild: ZVG

Was versteht man unter mobilem Bezahlen (auch Mobile-Payment oder M-Payment genannt)?

Einfach gesagt handelt es sich um das Bezahlen von Geldbeträgen mit einem mobilen Gerät, also einem Smartphone, Tablet oder einer Smart Watch. In der Praxis kann man so direkt in einem Laden am Verkaufspunkt (Point of Sale) mit dem mobilen Gerät bezahlen, ohne das Portemonnaie oder eine Kreditkarte hervornehmen zu müssen. Eine weitere Möglichkeit innerhalb des mobilen Bezahlens ist der Transfer von Geldbeträgen zwischen Privatpersonen von Handy zu Handy (Peer to Peer oder P2P). Kleinere Geldbeträge sollen so möglichst schnell und einfach zwischen Personen übertragen werden können.

Welche Anbieter gibt es in der Schweiz?

"Unter den Anbietern herrscht Goldgräberstimmung: Jeder will auf den Zug aufspringen." So umschreibt Ralf Beyeler vom Online-Vergleichsportal Verivox die aktuelle Situation in der Schweiz. Es tummeln sich viele Anbieter auf dem Markt. Die derzeit wichtigsten Apps im Bereich des Mobile Payment sind folgende:

  • Twint ist schweizweit das grösste Netzwerk für mobiles Bezahlen mit bald insgesamt 15 Bankenpartnern. Hauptsächlich eignet sich die App dazu, in Läden kontaktlos zu bezahlen. Die Bezahlung erfolgt über Bluetooth. Darüber hinaus kann mit der App auch in Online-Shops bezahlt werden und Twint-Nutzer können untereinander Geld überweisen. Derzeit funktioniert Twint nur mittels prepaid-Funktion. Ab 2017 können jedoch Einkäufe dank einer Debit-Funktion direkt dem Bank- oder Postkonto belastet werden.
  • Paymit wurde von der Six Group gemeinsam mit der UBS und der Zürcher Kantonalbank lanciert und gilt mit über 250‘000 Downloads als die meistgenutzte Bezahl-App in der Schweiz. Sie ermöglicht Geldüberweisungen zwischen zwei Smartphones und kann mittlerweile auch in einzelnen Läden zum Bezahlen benützt werden. Wie im Mai dieses Jahres bekanntgegeben wurde, wird Paymit als Name jedoch bald verschwinden: Im Herbst soll die Fusion mit Twint abgeschlossen sein, wobei nach dem Zusammenschluss nur noch der Name Twint bleiben wird.
  • Mit ApplePay ist seit Juli auch ein internationales Schwergewicht in der Schweiz aktiv. Bei Apple Pay muss eine Kreditkarte hinterlegt werden. Danach funktioniert das Bezahlen per Handy gleich wie beim kontaktlosen Bezahlen mit der Kreditkarte. Es wird auch die gleiche Technik, die sogenannte "Near Field Communication" (NFC) verwendet. In der Schweiz können derzeit Kunden der Kreditkartenfirmen Visa und Mastercard, die eine Karte von Bonuscard, Cornèrcard oder Swiss Bankers besitzen, ApplePay benutzen.
  • Swiss Wallet wurde im November 2011 von den Kreditkartenanbietern Aduno und Swisscard AECS lanciert. Der Schwerpunkt wird auf das Online-Shopping gesetzt. Statt wie bisher bei jedem Einkauf im Online-Shop ihre Kreditkarten-Nummer zu versenden, können die Karteninhaber nun die Angaben der von ihnen benutzten Kreditkarte sowie ihrer Adresse einmalig bei Swiss Wallet hinterlegen. Weitere Funktionen, darunter das kontaktlose Bezahlen im Laden, sollen bald folgen.
  • Die Migros-App ermöglicht seit August 2015 das Zahlen mittels Smartphone oder Smart Watch in allen Migros-Filialen und deren Tochtergesellschaften (SportXX, Micasa usw.). Für den Bezahlvorgang generiert die App einen Strichcode, der von der Kassierin respektive dem Kassierer eingescannt wird oder an der Subito-Bezahlstation eingelesen werden kann.
  • Powerpay funktioniert wie die Migros-App mittels Einscannen eines Strichcodes. Die Rechnung gibt es jeweils Ende Monat. Bezahlt werden kann bei verschiedenen Partnern, etwa bei Media Markt, Mobilezone, Schild oder Spar. Ähnlich ist auch die Manor Mobile Card App, mit der bei Manor und Jumbo bezahlt werden kann.
  • Anypay ist das Küken unter den Bezahl-Apps und wurde Mitte August soeben vorgestellt. Das mobile Kartenterminal für Kleinunternehmer ermöglicht das Einkassieren per Kredit- und Debitkarten, sowie der Postfinance Card. Im Gegensatz zu ApplePay und Twint, besteht Anypay nur aus einer App für iOS und Android und einem Kartenlesegerät, welches das Smartphone oder Tablet des Gewerbetreibenden zum mobilen Zahlterminal macht.
  • Selbst die Uhrenindustrie macht mit: Bellamy von Swatch enthält unter dem Zifferblatt einen integrierten NFC-Chip. Ähnlich wie eine Prepaid-Bankkarte ermöglicht die Uhr so das bargeldlose Bezahlen an einem kontaktlosen Verkaufs-Terminal. Auch Mondaine hat diesen Sommer in Zusammenarbeit mit Cembra eine Bezahluhr lanciert. Der NFC-Chip wird dabei nicht direkt in die Uhr eingebaut, sondern ist am Armband befestigt. Wie mit der Kreditkarte können hier Beträge bis 40 Franken ohne Eingabe eines PIN-Codes bezahlt werden.
  • Und das sind noch längst nicht alle Anbieter: Das Genfer Startup-Unternehmen Mobino etwa will sich global etablieren und hat sich zum Ziel gesetzt, mobile Zahlungen für 5 Milliarden Menschen zu ermöglichen. Ein anderes Startup in diesem Bereich ist Muume aus Cham. Kunden können damit den QR-Code auf dem Produkt scannen, um Produktinformationen zu bekommen oder das Produkt in einen digitalen Warenkorb zu übernehmen.

Werden noch mehr Anbieter in den Markt eindringen?

Es ist sehr wahrscheinlich, dass neben Apple auch die anderen Giganten der Tech-Szene im Schweizer Markt mitmischen wollen: Etwa Googles Bezahldienst Android Pay. Aber auch Facebook, Samsung und Microsoft sind in diesem Bereich aktiv und könnten eher früher als später in den Schweizer Markt eintreten. Es gilt: Je länger diese Firmen zögern, desto grösster ist der Rückstand auf Apple.

Wieso gibt es so viele Bezahl-Apps in der Schweiz?

Es gibt verschiedene Gründe, weshalb gerade die Schweiz für viele Anbieter von Bezahl-Apps so interessant ist. Andreas Dietrich, Bankenprofessor an der Hochschule Luzern, nennt in seinem Blog zwei davon: Zum einen verfügt die Schweiz über eine hohe Smartphone-Durchdringung von 69 Prozent. Zum anderen ergab eine Umfrage 2014, dass 62 Prozent der Befragten Mobile Payment nutzen würden.

Doch es ist womöglich auch die Grösse, welche die Schweiz attraktiv macht: Die Schweiz ist übersichtlich und eignet sich sehr gut als Testmarkt. So wurde Apple Pay als erstes Land in Europa nach Grossbritannien in der Schweiz eingeführt.

Können all diese vielen Apps Überleben?

Wohl kaum. Wahrscheinlicher ist, dass sich einer oder wenige Anbieter als Standard durchsetzen werden. Schlussendlich sind die Einfachheit des Bezahlvorgangs, die Sicherheit und das Funktionieren in möglichst vielen Geschäften entscheidend. Es gibt übrigens auch Anbieter, die bereits resigniert haben: 2015 wurde die Swisscom-App Tapit wegen Erfolglosigkeit wieder vom Markt genommen. Der Telekom-Riese schloss sich stattdessen Paymit an. Im gleichen Jahr gab auch Klimpr, welches sich auf Peer-to-Peer-Zahlungen fokussierte, seinen Dienst auf.

Wer wird am Ende die Nase vorne haben?

Aktuell sieht es nach einem Zweikampf zwischen Twint und Apple aus. Also eine Schweizer Lösung gegen einen internationalen Giganten. Und die beiden liefern sich einen giftigen Kampf: Apple etwa gibt das NFC-Bezahlsystem auf ihren Smartphones nicht für andere Anbieter frei. Sprich: Wer auf einem iPhone mit dem kontaktlosen NFC-System bezahlen will, kann dies nur über Apple Pay tun. Wohl ein wichtiger Grund, weshalb Twint nicht über die NFC-Technologie sondern über die bereits etwas angestaubte Bluetooth-Technologie läuft.

Gleichzeitig stellen sich die meisten Schweizer Banken hinter Twint, verweigern die Zusammenarbeit mit Apple. Das hat nicht unbedingt mit Patriotismus zu tun, sondern ist vielmehr darin begründet, dass die Banken Apple höhere Gebühren bezahlen müssen und so weniger Gewinne einstreichen können. Wie hoch die Gebühren sind, gibt Apple nicht bekannt.

In den USA war die Situation übrigens vergleichbar, die Banken stellten sich zunächst ebenfalls quer. Nur wenige wollten mit Apple kooperieren. Wegen des Erfolgs von Apple Pay gaben diese aber irgendwann nach. Inzwischen arbeiten mehrere tausend Banken mit Apple Pay zusammen. Gut möglich, dass sich Apple auch in der Schweiz durchsetzen wird. Es können jedoch nur iPhone-User diese App benutzen. Twint bliebe also noch ein Restmarkt, solange dieser nicht durch Android Pay und Co. streitig gemacht wird.

Was ist der Vorteil von Apple Pay gegenüber Twint?

Apple Pay scheint kundenfreundlicher zu sein. Das sieht auch Experte Beyeler so: "Apple Pay bietet aus Kundensicht das bessere Erlebnis als Twint." Twint leidet etwas darunter, dass es die einfache NFC-Technologie bei iPhones nicht benutzen kann, mit denen das Smartphone im Geschäft einfach an das Terminal gehalten werden kann, wie dies bereits heute mit Kreditkarten und einzelnen Debitkarten möglich ist. Bei Twint kann erst an wenigen Orten bezahlt werden.

Aber auch wenn sich künftig diese Möglichkeiten erhöhen werden, mit der Einfachheit von Apple Pay kann Twint nicht mithalten. Wie umständlich das Bezahlen mit Twint ist, erklärt Beyeler: "Im Coop hält man das Smartphone an das grünblinkende Lesegerät und in der Bäckerei fotografiert man das Zahlterminal. Sehr umständlich wird das Bezahlen in der Migros. Der Kunde muss zuerst eine Migros-App herunterladen, diese mit Twint verknüpfen und dann bei jedem Bezahlvorgang die Migros-App öffnen, nicht die Twint-App. "

Wird das mobile Bezahlen bald das Bargeld ablösen?

Diese Wahrscheinlichkeit ist sehr gering. Bargeld ist nach wie vor mit Abstand das wichtigste Zahlungsmittel in der Schweiz. Zwar haben Debit- und Kreditkarten in den letzten beiden Jahrzehnten stetig an Bedeutung gewonnen, doch wird gemäss Schätzungen der Hochschule Luzern noch immer 60 Prozent des Zahlungsverkehrs in der Schweiz in Bargeld abgewickelt.

Das sieht auch Thomas Ankenbrand, Wirtschaftsdozent an der Hochschule Luzern, so, "Ich erwarte keine disruptive Veränderung im Zahlverhalten der Schweizer durch das mobile Bezahlen", sagt er gegenüber cash. Auch Beyeler von Verivox glaubt nicht, dass sich mobiles Bezahlen in den nächsten Jahren grossflächig durchsetzen wird.

Was ist der Nutzen aus Kundensicht?

"Anstatt das Handy hervorzukramen, zu entsperren und womöglich noch die App zu öffnen, kann ich genauso gut mit Kreditkarte oder Bargeld bezahlen", wird sich vielleicht der eine oder andere Leser jetzt sagen. Und so denken auch die beiden Experten Beyeler und Ankenbrand, welche keinen wesentlichen Zusatznutzen im mobilen Bezahlen sehen.

Anderer Meinung sind natürlich die Anbieter und auch die Benutzer dieser Bezahl-Apps: Zum einen sehen sie einen Vorteil in der Sicherheit dieser Zahlform. Bargeld kann gestohlen werden, während das virtuelle Geld auf dem Handy besser geschützt ist. Und die Bequemlichkeit ist wohl der wichtigste Punkt: Mit dem "mobile Wallet" sollen künftig noch mehr Funktionen mittels Smartphone durchgeführt werden, so dass schlussendlich Bargeld und Kreditkarten ganz überflüssig werden. Man muss dann also nur noch das Handy dabei haben.

Wieso ist mobiles Bezahlen in Ländern wie Schweden und Dänemark so beliebt?

Ein Blick über die Landesgrenzen hinaus zeigt, dass sich das mobile Bezahlen vor allem in den nordischen Ländern durchgesetzt hat. Wie die Bilanz Ende Juli schrieb, verwenden in Dänemark über 50 Prozent der Bevölkerung die dortige Bezahl-App Mobile Pay und 45 Prozent der Schweden benutzen die App Pendant Swish.

Dass sich mobiles Bezahlen ausgerechnet in diesen Ländern durchsetzt, ist laut Ankenbrand von der Hochschule Luzern kein Zufall: "Das mobile Bezahlen hat sich in den nordischen Ländern verbreitet, weil Unternehmen nicht mehr verpflichtet wurden, Bargeld anzunehmen." So sei auch in der Schweiz eine abrupte Änderung des Zahlverhaltens höchstens dann denkbar, wenn durch eine Anpassung im regulatorischen Umfeld das Bargeld geschwächt würde.

Wie werden Schweizer in zehn Jahren bezahlen?

Natürlich sind solche Vorhersagen rein spekulativ, da sich in zehn Jahren viel verändern kann. Aber eine Ablösung des Bargeldes in der Schweiz scheint, wie gesehen, nicht in Sicht. Zum Abschluss die Prognose von Experte Beyeler: "In zehn Jahren wird Bargeld in der Schweiz noch immer das Zahlungsmittel Nummer eins sein. An zweiter Stelle folgen die Debitkarten wie Maestro. Mobiles Bezahlen sehe ich erst unter 'ferner liefen'."