Was vom neuen CS-CEO zu erwarten ist

Auf den neuen CEO der Credit Suisse, Tidjane Thiam, wartet viel Arbeit. Er wird sich wohl 100 Tage Zeit nehmen, um sich einen Plan zurecht zu legen.
15.06.2015 08:25
Von Lorenz Burkhalter

Bis in zwei Wochen muss Brady Dougan seinen Chefsessel bei der Credit Suisse geräumt haben. Dann übernimmt sein Nachfolger Tidjane Thiam. Obwohl Thiam seine Arbeit noch nicht aufgenommen hat, erhielt die Aktie der CS in den letzten zwei Wochen einiges an Vorschusslorbeeren. Seit Anfang Juni errechnet sich ein Plus von knapp 6 Prozent. Bei der Erzrivalin UBS war der Aktienkurs in dieser Zeit sogar leicht rückläufig.

In einer Unternehmensstudie schreibt ein Analyst von MainFirst, was vom neuen starken Mann bei der Credit Suisse zu erwarten ist. Er geht davon aus, dass sich Thiam 100 Tage Zeit nimmt, um sich einen Plan zurecht zu legen. Dieser werde voraussichtlich zum Zeitpunkt der Ergebnisveröffentlichung für das dritte Quartal 2015 vom 5. November kommuniziert, so die Vermutung.

Wird die Credit Suisse zur digitalen Bank?

Der Studienverfasser rechnet allerdings schon vor dem 5. November mit einem ersten Massnahmenpaket. Dieses könnte eine Verkleinerung der Geschäftsleitung vorsehen: Nur noch ein Verantwortlicher für das Private Banking und weniger Vertreter aus dem Investment Banking. Thiam könnte darüberhinaus frühere Gefolgsleute einstellen, beispielsweise im Personalwesen und im Controlling.

Auch Wachstumsinitiativen in den Schwellenländern hält der Experte in einem ersten Schritt für möglich. Längerfristig traut der Analyst dem zukünftigen Chef auch grössere Pläne zu: Die Credit Suisse könnte unter Thiam sogar zur führenden digitalen Bank für Kunden mit den höchsten Ansprüchen aufsteigen.

Thema Kapitalerhöhung noch immer nicht vom Tisch

Nach Jahren unterdurchschnittlicher Investitionen in die eigene Plattform sieht der Experte die Grossbank über die nächsten drei bis vier Jahre insgesamt 2 Milliarden Franken in deren Ausbau fliessen lassen. Eine weitere Redimensionierung des Investment Bankings hält er zwar für möglich, rechnet allerdings erst nach Abschluss der bisherigen Kosteneinsparmassnahmen mit weiteren Einschnitten.

Was die Eigenkapitalsituation der Credit Suisse anbetrifft, nimmt man bei der MainFirst Bank kein Blatt vor den Mund: Diese mache einen schwächlichen Eindruck, so ist der Studie zu entnehmen. Eine Kapitalerhöhung im Umfang von rund 4 Milliarden Franken schliesst der Analyst deshalb nicht völlig aus.

Für wichtiger hält er jedoch den psychologischen Effekt des Wechsels an der Spitze der Credit Suisse. Mit seiner Erfahrung und seinem Charisma werde Thiam die zuletzt eher demoralisierten Mitarbeiter auf die neuen Aufgaben einschwören, was sich als sehr effektiv erweisen werde.

Die Aktie der Schweizer Grossbank wird bei der MainFirst Bank mit "Outperform" und einem auf 29 (27) Franken angehobenen Kursziel zum Kauf empfohlen. Gemäss Erhebungen der Nachrichtenagentur awp wird die Aktie derzeit von 7 Analysten mit "Kaufen", von 11 mit "Halten" und nur von 5 mit "Verkaufen" eingestuft. Das durchschnittliche Kursziel liegt mit 25,48 Franken sogar leicht unter dem Schlussstand vom Freitag.