Wer sich ein Glacé gönnt, will dabei zunehmend kein schlechtes Gewissen mehr haben. Der Boom von Abnehmspritzen und ein wachsendes Gesundheitsbewusstsein zwingen die Hersteller zum Umdenken.
«Die Verbraucher drücken beim Genuss kein Auge mehr zu», bringt es Chris Costagli vom Marktforscher NielsenIQ auf den Punkt. Sogenannte GLP-1-Medikamente zur Gewichtsreduktion wie die Abnehmspritze Wegovy dämpfen den Appetit spürbar. In den USA nehmen laut der Boston Consulting Group (BCG) bereits rund 16 Millionen Menschen solche Präparate ein. Bis zum Ende des Jahrzehnts dürfte die Zahl noch deutlich steigen.
Schon heute reduzieren diese Konsumenten ihren Eis-Konsum um mindestens zehn Prozent. Das hinterlässt Spuren: Die Verkaufsmenge von Eiscreme in den USA sank bis Mitte Juni im Jahresvergleich um 1,5 Prozent, wie NielsenIQ-Daten zeigen.
Die Hersteller gehen jedoch nicht davon aus, dass Verbraucher ganz auf Eis verzichten. Sie setzen vielmehr darauf, dass die Kunden weiterhin zugreifen, wenn die Produkte weniger Kalorien, mehr Protein und natürlichere Zutaten bieten. «Wir wollen immer noch geniessen, aber mit dem Gefühl, uns etwas Gutes zu tun», sagte Lisa Vortsman, Marketing- und Innovationschefin für die USA bei der Magnum Ice Cream Company, der Nachrichtenagentur Reuters. Das Unternehmen, zu dem auch Ben & Jerry's gehört, treibe die Entwicklung gesünderer Produkte so schnell voran wie nie zuvor.
Vortsman verwies auf das starke Wachstum der konzerneigenen Marke Yasso für gefrorenen griechischen Joghurt. Diese legte in den vergangenen fünf Jahren im Schnitt um rund 20 Prozent pro Jahr zu. Insgesamt kommt die Magnum-Unternehmensgruppe damit auf einen Anteil von 26 Prozent am 2,2 Milliarden Dollar schweren US-Markt für gesündere Eis-Alternativen. Auch Marken wie Breyers CarbSmart und das zuckerfreie Eis am Stiel von Popsicle seien bei GLP-1-Nutzern besonders beliebt.
Der Trend erfasst die gesamte Lebensmittelbranche. Auch Konzerne wie Nestle und Conagra überarbeiten ihre Rezepturen, weil Verbraucher mehr Protein, Ballaststoffe und Nährwert verlangen. Die zu Ferrero gehörende Marke Blue Bunny verzeichnet nach eigenen Angaben eine starke Nachfrage nach ihren 150-Kalorien-Mini-Eiswaffeln. Zudem werden Rezepturen überarbeitet, um künstliche Farb- und Aromastoffe sowie Maissirup mit hohem Fruktosegehalt zu entfernen. «Wir wissen, dass es bestimmte Zutaten gibt, die Verbraucher in ihren Produkten lieber meiden möchten», sagte Blue-Bunny-Manager Andrew Mondzelewski.
Die Ferrero-Schwestermarke Halo Top, die mit viel Protein und halb so vielen Kalorien wie herkömmliche Eiscreme wirbt, verzeichnete laut dem Marktforscher Circana in den vergangenen zwei Jahren ein zweistelliges Umsatzwachstum. Der Umsatz auf dem gesamten US-Eismarkt wuchs im vergangenen Jahr um rund 2,8 Prozent. Nach NielsenIQ-Daten verzeichneten jedoch nur Super-Premium-Produkte auch ein Mengenwachstum.
Die Entwicklung beschränkt sich nicht auf die USA. Auch in Europa steigt die Nachfrage nach kleineren Portionen, Premiumprodukten und kalorienärmerem Wassereis, wie der grosse europäische Eigenmarkenhersteller Glacier berichtet. Bei aller Gesundheitsorientierung bleibt der Geschmack jedoch entscheidend für einen erneuten Kauf.
«Wenn man GLP-1 nimmt und sich etwas gönnen will, dann soll es auch etwas ganz Besonderes sein», sagte Glacier-Direktor Matt Frost. Es habe keinen Sinn, Kunden zu gesünderen Alternativen zu bewegen, wenn sie dabei das Gefühl hätten, beim Geschmack Abstriche machen zu müssen. «Sonst kaufen sie es einfach nicht mehr.»
(Reuters)

