Direkte Werbung für verschreibungspflichtige Medikamente ist in der Volksrepublik zwar verboten. Doch Novo Nordisk, Eli Lilly, Pfizer ⁠und chinesische Anbieter finden kreative Wege, um Verbraucher auf das Thema Übergewicht - und damit indirekt auf ihre Präparate - aufmerksam zu machen.

Die Kommunikationsmassnahmen gehen dabei weit über ‌das hinaus, was bei anderen Arzneien üblich ist. «Ich sehe selten, dass Pharmaunternehmen verschreibungspflichtige Medikamente gegen Bluthochdruck, Tumore ‌und andere Krankheiten im öffentlichen Raum bewerben, auch nicht durch ​indirekte Werbung», sagt Jia Hepeng, Professor für Wissenschaftskommunikation an der Universität Soochow.

Der Markt für die sogenannten GLP-1-Präparate wie die Abnehmspritze Wegovy von Novo Nordisk birgt enormes Potenzial in China. Nach Angaben der Nationalen Gesundheitskommission könnten bis 2030 mehr als 65 Prozent der chinesischen Bevölkerung übergewichtig oder fettleibig sein.

Der Umsatz mit Abnehmpräparaten dürfte nach Einschätzung von J.P. Morgan in den nächsten fünf bis sieben Jahren von derzeit drei bis ‌vier Milliarden Yuan auf 30 Milliarden Yuan (vier Milliarden Dollar) steigen. Novo Nordisk, Eli Lilly, Pfizer und der chinesische Hersteller Innovent Biologics kämpfen daher um Marktanteile. Die Unternehmen dürfen zwar über die Risiken bestimmter Krankheiten informieren und dazu aufrufen, einen Arzt aufzusuchen. Produktnamen dürfen sie dabei jedoch nicht ​nennen.

Pfizer veranstaltete gemeinsam mit einer Fitnessstudio-Kette eine «gesunde Abnehm-Party»

Die Hersteller greifen deshalb zu ungewöhnlichen Methoden. Eli Lilly warb kürzlich in einer Shanghaier ​U-Bahn-Station mit der Aufforderung, auf das Schnarchen des Vaters zu achten und ein Schlaflabor ​aufzusuchen. Schnarchen ist ein häufiges Symptom von Schlafapnoe, die eng mit Übergewicht zusammenhängt. Lillys Abnehmspritze Mounjaro kann die Erkrankung lindern.

Pfizer veranstaltete gemeinsam mit einer Fitnessstudio-Kette eine «gesunde Abnehm-Party», ‌bei der anschliessend Gewichte gestemmt wurden. Der chinesische Hersteller Innovent Biologics wiederum warb auf Plakaten für «wissenschaftliches Gewichtsmanagement» und zeigte dabei ein Maskottchen mit dem Namen «Madudu», der ähnlich wie der Wirkstoff Mazdutide klingt – ohne sein Abnehmpräparat Xinermei zu nennen.

Die Strategie geht offenbar auf. Beeinflusst von sozialen Medien und ​Empfehlungen aus ​dem Bekanntenkreis fragen Patienten in Krankenhäusern in Shanghai und Guangzhou gezielt ⁠nach bestimmten Abnehmpräparaten, berichteten Klinikmitarbeiter der Nachrichtenagentur Reuters. Während anfangs vor allem Wegovy von Novo ​Nordisk gefragt war, werden inzwischen ⁠häufiger Mounjaro von Lilly und Xinermei von Innovent genannt.

Juristen warnen jedoch, dass einige der Kampagnen die Grenze zur illegalen Medikamentenwerbung möglicherweise überschritten. ‌So könnten Verbraucher die U-Bahn-Plakate von Innovent durchaus mit dem konkreten Präparat in Verbindung bringen, erklärte Chen Zhenggang, Partner bei der Kanzlei DeHeng in Peking.

Die Pharmakonzerne weisen die Bedenken zurück. Eli Lilly erklärte, seine Aufklärungskampagnen würden keine bestimmten Medikamente ‌bewerben und stünden im Einklang mit den Gesundheitsstrategien Chinas. Pfizer und Innovent äusserten sich auf Anfrage nicht. ​

Für Branchenkenner zeigt sich in den Kampagnen der Spagat der Pharmakonzerne. Yang Huang, Leiter der Branchenanalyse Gesundheit für China bei J.P. Morgan, fasste das Dilemma der Pharmabranche mit Blick auf die Aufklärungskampagnen zusammen: «Einerseits versuchen sie definitiv, die Vorschriften einzuhalten, andererseits haben sie Medikamente, die sie verkaufen wollen.»

(Reuters)