Sie ist im ersten Studienjahr durchgefallen. Mit einer 3,95, knapp unter der Bestehensgrenze. Keine zehn Jahre später sammelt Julie Böhning 40 Millionen Dollar ein, um Satelliten innerhalb eines Tages an ein Ziel zu bringen, wofür sie heute zwischen sechs Monaten und einem Jahr brauchen.
Ihr Scheitern war gleichzeitig der Startschuss für die Space-Karriere. Wer ein Jahr wiederholt, hat plötzlich Zeit. Böhning und eine Handvoll Freunde aus dem Greyerzerland gründeten das Gruyère Space Program. Sie bauten alles selbst: Triebwerk, Struktur, Avionik, Regelalgorithmen. 250 000 Franken kratzten sie bei Sponsoren zusammen. 2024 absolvierte ihr Demonstrator «Colibri» eine autonome senkrechte Landung – als erster freifliegender Rocket-Hopper in Europa.
Aus der Studentengruppe wurde ein Unternehmen. Pave Space, gegründet 2024 mit ihrem langjährigen Freund Jérémy Marciacq, arbeitet an Lyoba: einem rund zwanzig Tonnen schweren Transportfahrzeug, das bis zu fünf Tonnen Nutzlast aus der erdnahen Umlaufbahn in mittlere und geostationäre Orbits bringen soll – bis hin zu Mondtransferbahnen. Und das in weniger als 24 Stunden. Der Markt dafür ist schmal, aber lukrativ. Rund 95 Prozent aller Satelliten bleiben im Low Earth Orbit, die übrigen müssen weiter hinaus – und bezahlen dafür bisher teilweise mit monatelangen Transferzeiten.
Zum Zeitpunkt der letzten Finanzierungsrunde lagen acht Reservierungsvereinbarungen mit Satellitenbetreibern und -herstellern vor. Im März 2026 führten die Firmen Visionaries Club und Creandum die 40-Millionen-Dollar-Seed-Runde an.
Böhning verbringt ihre Tage inzwischen mit Finanzen, Fundraising und rund fünfzig Mitarbeitenden. Noch 2026 sollen im stillgelegten Kraftwerk Chavalon im Wallis die ersten Heisslauftests des Triebwerks stattfinden. Der Weltraum, sagt sie, sei ein neuer Kontinent. Ihr Motto: «Man muss alles geben – und lieben, was man tut. Sonst hat es keinen Sinn.»
Dieser Artikel erschien zuerst im Magazin «Millionär», einer Beilage der «Handelszeitung».
