Es sind die Wochen der Wahrheit bei Europas grösstem Autobauer Volkswagen. Nach dem Ende der Werksferien will Oliver Blume der Belegschaft in den kommenden Tagen bei einer Reihe ausserordentlicher Betriebsversammlungen reinen Wein einschenken und sich Fragen dazu stellen, was sein Umbauplan für das Unternehmen und seine Mitarbeiter bedeutet. Für Blume geht es ‌um alles: ⁠Er will die Kosten massiv senken und Überkapazitäten abbauen. Die Produktion in mehreren deutschen Werken steht dabei langfristig zur Disposition. Die Zahl der Modelle soll drastisch sinken, die Rendite bis ⁠Ende des Jahrzehnts auf acht bis zehn Prozent steigen.

Mehr als kritisch sei die Lage, sagte Blume in einem im Intranet veröffentlichten Interview, das der Nachrichtenagentur Reuters am Freitag vorlag. Die Rendite von 3,8 Prozent sei ‌im gegenwärtigen Umfeld zwar solide, reiche aber nicht aus, um dauerhaft ausreichende Mittel für neue Technologien und Produkte zu erwirtschaften. Der ‌Konzern sei überdimensioniert, zu langsam und zu kompliziert. «Wir stemmen gerade das umfassendste Zukunftsprogramm in der Geschichte ​unseres Unternehmens», sagte er. Dafür sei ein eindeutiges Mandat des Aufsichtsrats nötig, um dem Vorstand «Vertrauen, Verantwortung und uneingeschränkte Handlungsfähigkeit zu geben und den eingeschlagenen Weg konzernweit mitzutragen».

Doch mit seinen Plänen stiess er schon bei der Aufsichtsratssitzung im Juli auf Widerstand bei den Arbeitnehmern und dem Land Niedersachsen. Blume spricht dennoch von einer breiten Unterstützung im Aufsichtsrat. «Bei einem Vorhaben dieser Grösse ist es nachvollziehbar, einzelne Punkte tiefer zu durchdringen und Details zu erarbeiten», sagte er. Die Abstimmung im Juli sei Auftakt für gründliche und zügige Gespräche gewesen, sagte Blume. In den vergangenen Wochen ‌sei es darum gegangen, Themen weiter zu konkretisieren, zu vertiefen, einzelne Punkte detaillierter auszuarbeiten und zusätzliche Massnahmen zu entwickeln. Auch bei dem Treffen in zwei Wochen ist es unwahrscheinlich, dass ein Durchbruch gelingt - nicht zuletzt deswegen, weil nach dem überraschenden Verzicht von Susanne Wiegand ein Sitz der Kapitalseite offen ist und bei der Stimmverteilung ein Patt herrscht.

Familie pocht auf hartes Durchgreifen

Im Aufsichtsrat sind ​die Fronten verhärtet. Die Familienholding Porsche SE, die unter anderem mit den VW-Granden Wolfgang Porsche (83) und Hans-Michel Piëch (84) vertreten ist, pocht auf ein ​hartes Durchgreifen. VW-Aufsichtsratschef und Porsche-SE-Chef Hans Dieter Pötsch sagte Anfang August, der Konzern stehe an einem historischen Wendepunkt. Je ​länger sich die Entscheidungen hinzögen, desto grösser würden die Probleme. Das unternehmerisch und wirtschaftlich Gebotene stehe im Vordergrund. «Alles andere muss zurückstehen.» Bei der Porsche SE macht die Beteiligung an Volkswagen den Grossteil der Bilanz aus, die Dividende ‌aus Wolfsburg zählt zu den wichtigsten Einnahmequellen.

Die Arbeitnehmer verweisen dagegen auf die Fortschritte, die seit 2024 geschafft worden seien, und sehen zuerst den Vorstand in der Pflicht. IG-Metall-Chefin Christiane Benner, die selbst im VW-Aufsichtsrat sitzt, bezeichnete die Renditeziele des Vorstands als «Wolkenkuckucksheim» und forderte den Vorstand in der Wirtschaftswoche auf, seine Sparpläne zu überarbeiten. «Wir wollen wissen: Um welche Modelle geht es, wie sollen ​die Ziele erreicht werden?» ​Werksschliessungen schloss sie aus.

Ein Konfliktpunkt entzündet sich zudem an Überlegungen des Konzerns, die Marke ⁠Volkswagen aus dem Konzern herauszulösen und in eine eigene Aktiengesellschaft zu überführen. Bei den Arbeitnehmern wird das als ​Angriff auf das VW-Gesetz verstanden, das dem Land ⁠Niedersachsen eine Sperrminorität einräumt und das zudem eine Zweidrittelmehrheit bei Beschlüssen über die «Errichtung und die Verlegung von Produktionsstätten» erfordert. Gewerkschaft und Land haben bereits angekündigt, sich gegen derartige Pläne zu ‌stemmen.

Dabei sind Management und Arbeitnehmervertreter sich einig, dass Volkswagen derzeit massiv unter Druck steht. Das Unternehmen leidet unter den Zöllen von US-Präsident Donald Trump, die das US-Geschäft belasten. Dazu kommt der Kollaps des chinesischen Marktes. Auch in Europa, wo VW mit Abstand Marktführer ist, wird die Luft dünner, weil chinesische Anbieter ‌vor allem bei Plug-in-Hybriden und Elektroautos Druck machen. Die Europäische Union hat Zölle auf Elektroautos aus China verhängt, Blume forderte zuletzt, dass auch ​auf chinesische Plug-in-Hybride Abgaben erhoben werden sollen. Niedersachsens CDU-Landeschef Sebastian Lechner sprach sich ebenfalls für Zölle aus. «Die Situation so laufen zu lassen, wie sie jetzt ist, ist kein Weg.»

Sollte es nicht zu einer Einigung im Aufsichtsrat auf ein Sparpaket kommen, könnte Volkswagen Berichten zufolge zu einem ungewöhnlichen Schritt greifen: eine ausserordentliche Hauptversammlung einzuberufen und die Aufsichtsratsmitglieder persönlich haftbar zu machen. «Das wäre eine ungewöhnliche Eskalation», sagte Daniel Schwarz, ‌Analyst bei Metzler. «Ob es am Ende tatsächlich so ​weit kommt, ist eine andere Frage.»

(Reuters)