Zehn Jahre Lehman-Brothers-Kollaps - Betongold und Schulden: Wo die nächste Finanzkrise lauert

Nach der Krise ist vor der Krise: Zehn Jahre nach dem Zusammenbruch der US-Investmentbank Lehman Brothers und der Beinahe-Kernschmelze des Finanzsystems mehren sich die Rufe, dass der Weltwirtschaft neues Ungemach droht.
12.09.2018 13:58
Ein Mitarbeiter von Lehman Brothers verlässt nach der Firmenpleite am 15. September 2008 den Hauptsitz in New York.
Ein Mitarbeiter von Lehman Brothers verlässt nach der Firmenpleite am 15. September 2008 den Hauptsitz in New York.
Bild: youtube

Die von den Notenbanken mit viel billigem Geld zugedeckten Probleme könnten bei steigenden Zinsen in verschärfter Form zurückkehren. Diese Sorge treibt nicht nur Kritiker der ultra-lockeren Geldpolitik um, sondern auch die Notenbanken selbst. "Was könnte die nächste Krise verursachen? Ich vermute, es könnte der Immobilienmarkt sein," warnte die oberste EZB-Bankenwächterin Daniele Nouy jüngst. Aber auch aus den Schwellenländern drohen Erschütterungen. Dort hat die Verschuldung in fremden Währungen allen Warnungen zum Trotz zuletzt gefährliche Höhen erreicht.

Wie schnell die Lehman-Pleite damals immer weitere Kreise zog, ist vielen Finanzexperten noch heute präsent. Commerzbank-Chefökonom Jörg Krämer erinnert sich genau: "Den 15. September 2008 werde ich niemals vergessen." Jeder sei verdächtigt worden, der Pleitebank selbst Geld geliehen zu haben und von ihr mit in den Abgrund gezogen zu werden. Rasend schnell habe sich das Misstrauen von Banken auf andere Unternehmen übertragen. "Die Industrieproduktion in den westlichen Ländern fiel so schnell wie 1929 nach dem Schwarzen Freitag."

Auch heute, nachdem die grossen Notenbanken das Finanzsystem mit umfangreichen Anleihenkäufen und radikalen Zinssenkungen wieder aufgepäppelt haben, ist der Patient noch nicht vollständig genesen. So schleppen Europas Banken als Hinterlassenschaft der jahrelangen Wirtschaftsflaute weiter einen riesigen Berg an faulen Krediten mit sich herum. Allein bei den Instituten der Euro-Zone waren es Ende des ersten Quartals nach Daten der EZB-Bankenaufsicht 688 Milliarden Euro. Das bremst nicht nur die Kreditvergabe - es schmälert auch die Widerstandskraft der Banken im Falle eines erneuten Wirtschaftseinbruchs.

Zudem kommen die Nebenwirkungen der geldpolitischen Krisenmassnahmen immer stärker zum Vorschein. Beispiel Immobilien: Wegen der jahrelangen Mini-Zinsen sind in Deutschland vielerorts die Preise für Wohnungen in die Höhe geschossen - eine Entwicklung, die auch die Bundesbank umtreibt. Sie warnt vor Preisübertreibungen in München, Berlin oder Frankfurt. Bezahlbarer Wohnraum wird dort immer mehr zur Mangelware. Insgesamt lagen nach Bundesbank-Schätzungen 2017 die Preisübertreibungen in den Städten bei 15 bis 30 Prozent.

Viele Krisen in der Vergangenheit gingen vom Immobilienmarkt aus. Die Gründe liegen auf der Hand: Denn Probleme in diesem Bereich gehen oft hohe Verschuldungsgrade voraus. Dies kann auch grosse Banken in Schieflage und damit ganze Staaten in die Bredouille bringen, die die Geldhäuser wegen deren Relevanz für das Finanzsystem dann herauspauken müssen. Wenn die oberste Bankenwächterin der Euro-Zone hier ein mögliches Einfallstor für die nächste Krise sieht, spricht das Bände.

Schwellenländer im Verschuldungsmodus

In vielen Schwellenländern ist die Lage ebenfalls angespannt. Sie haben in den vergangenen Jahren hohe Dollar-Schulden aufgetürmt. Niedrigzinsen haben Fremdwährungskredite für sie lange attraktiv gemacht. Nach Daten der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) hat sich seit der Finanzkrise ihr Umfang mehr als verdoppelt. Im ersten Quartal 2018 lag das Volumen der ausstehenden Fremdwährungskredite in den Schwellenländern bei 3,7 Billionen Dollar. Das ist ein Zuwachs von rund neun Prozent binnen Jahresfrist.

Dies wird immer stärker zu einem Problem, je höher die Zinsen in den USA steigen. Denn diese machen den Dollar für Investoren attraktiver und lassen ihn aufwerten. Die Folge: Aus Schwellenländern wird Kapital abgezogen, welches dort dringend gebraucht wird. Und es wird schwieriger für die aufstrebenden Staaten, ihre Verbindlichkeiten zurückzuzahlen. BIZ-Generaldirektor Agustin Carstens hält Argentinien und die Türkei für besonders anfällig. Dort hat der Kursverfall der Landeswährungen bereits zu Turbulenzen geführt. Die türkische Lira hat seit Jahresbeginn etwa 40 Prozent zum Dollar verloren, der argentinische Peso sogar 50 Prozent.

Der Ökonom Marcel Fratzscher blickt vor allem mit Sorge auf China. Hier könnte ihm zufolge ein explosives Gemisch aus hoher privater Verschuldung und Preisblasen am Immobilienmarkt die nächste grosse Krise entzünden: "Die in Peking betriebene Politik kann noch eine zeitlang gutgehen. Doch bei steigender Verschuldung wird es spätestens im nächstes Jahrzehnt mit hoher Wahrscheinlichkeit zur Krise kommen", prophezeit der Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung.

Die spannende Frage wird Fratzscher zufolge sein: "Wo fällt der Dominostein, der als ähnlicher Krisenauslöser wie einst die Lehman-Bank fungieren könnte?" In jedem Falle werde ein grösseres Beben im Finanzsystem der Volksrepublik nicht nur Asien erschüttern. Dafür sei China als zweitgrösste Wirtschaftsmacht der Welt nach den USA mittlerweile zu stark in internationale Wertschöpfungsketten eingebunden: "Eine Krise in China würde zu massiven Verwerfungen an den Weltmärkten führen."

Auch die Handelspolitik von US-Präsident Donald Trump birgt Sprengkraft. Aus Sicht von Kritikern könnte sein Vorgehen im Handelskonflikt mit China und anderen Wirtschaftsmächten das globale Freihandelsystem zum Einsturz bringen: "Das Thema Zölle und unfaire Standortpolitik ist mit Trump mit voller Wucht in die Handelspolitik hereingekommen. Das ist das grösste Risiko für die Weltwirtschaft", warnt etwa der Aussenwirtschaftschef des Deutschen Industrie- und Handelskammertags, Volker Treier.

Risiken durch Deregulierung und Schattenbanken

Manche Experten sehen auch die Gefahr einer Deregulierung des Bankensystems als Einfallstor für die nächste Krise. In den Jahren nach Lehman haben die internationalen Aufsichtsbehörden viele Schlupflöcher geschlossen und die Kreditinstitute mit strikten Kapitalvorgaben deutlich robuster gemacht. Regelmässige Stresstests, bei denen Banken auf Herz und Nieren geprüft und ihre Widerstandsfähigkeit in Krisen-Simulationen getestet werden, sind mittlerweile die Regel. Hinzu kommt eine neue Qualität: In der Euro-Zone etwa schaut nicht mehr jedes Land bei seinen Banken nach dem Rechten, sondern seit Herbst 2014 die EZB.

Dank dieser Schritte sind Banken nach Ansicht vieler Experten heute weniger anfällig für eine gegenseitige Ansteckung im Krisenfall. Trotzdem könnte in den USA der Wind schon bald drehen. Denn dort hat die Regierung Fachleute beauftragt, eine mögliche Rücknahme der Bankenregeln zu prüfen, die nach dem Beinah-Zusammenbruch der Finanzbranche ab 2008 eingeführt wurden. "Ich kann nicht nachvollziehen, warum man in den USA beginnt, die erzielten Fortschritte bei der Regulierung des Bankensystems wieder einzureissen", sagt Finanzökonomie-Experte Falko Fecht von der Frankfurt School of Finance and Management. Ökonomisch mache das keinen Sinn.

Noch grössere Sorge macht Fachleuten, dass in den vergangenen Jahren abseits der klassischen Institute ein Schattenbanken-System entstanden ist, das noch weitgehend unreguliert ist. In Europa hat dieser Sektor, zu dem unter anderem Hedge- und Geldmarktfonds, alternative Investmentfonds sowie spezielle Börsenhändler gezählt werden, 2017 einen Anteil von rund 40 Prozent am gesamten Finanzsystem erreicht. Inzwischen werden abseits der Banken mit Kredit- und Finanzgeschäften Vermögenswerte in Europa von 42,3 Billionen Euro bewegt. Die Informationen über diesen Sektor sind spärlich, daher ist auch das mögliche Risiko, das von ihm ausgeht, nur schwer abschätzbar. Finanzökonomie-Experte Fecht wird sehr deutlich: "Was mir Sorge bereitet, ist, dass dies die erzielten Erfolge mit der Bankenregulierung womöglich zunichtemachen kann."

(Reuters)