Zentralbank - Lagarde stellt Ende der Negativzinsen im Spätsommer in Aussicht

ie Europäische Zentralbank (EZB) wird nach Worten ihrer Präsidentin Christine Lagarde bis Ende September die Ära der Negativzinsen in der Währungsunion beenden.
24.05.2022 05:46
Die IWF-Chefin Christine Lagarde.
Die IWF-Chefin Christine Lagarde.
Bild: Bloomberg

"Ausgehend von den derzeitigen Aussichten werden wir wahrscheinlich in der Lage sein, die negativen Zinssätze bis zum Ende des dritten Quartals zu stoppen", schrieb Lagarde am Montag in einem Blogbeitrag auf der EZB-Website.

Bundesbank-Präsident Joachim Nagel bezeichnete Lagardes Äusserungen als "richtigen Schritt nach vorn", um Unsicherheit zu reduzieren und den Finanzmärkten eine klare Orientierung zu geben. "Klare Kommunikation ist absolut wichtig," sagte Nagel bei einer Konferenz der österreichischen Notenbank. Wenn die Inflation so hoch sei wie derzeit, müssten Zentralbanken der Konjunktur auch die geldpolitische Unterstützung entziehen und - wie in der Euro-Zone - die Zinsen erhöhen. Dies sei nach seiner Einschätzung Konsens im EZB-Rat.

Der Einlagensatz der EZB liegt derzeit bei minus 0,5 Prozent und bereits seit 2014 unter null, weil die Zentralbank damit gegen die lange Zeit sehr niedrige Inflation ankämpfen wollte. Dies bedeutet, dass die Banken Gebühren für das Parken von Bargeld bei der Zentralbank zahlen müssen, was von den Geldhäusern als "Strafzinsen" kritisiert wird, die teilweise auch an Sparer weitergegeben wurden. Lagardes Erklärung schob den Euro-Kurs an: Die Gemeinschaftswährung kletterte um mehr als ein Prozent auf ein Vier-Wochen-Hoch von 1,0687 Dollar. Höhere Zinsen machen eine Währung attraktiver für Anleger.

Lagarde öffnete auch die Tür für weiter steigende Zinsen. "Wenn sich die Inflation mittelfristig bei zwei Prozent stabilisiert, wird eine schrittweise weitere Normalisierung der Zinssätze in Richtung des neutralen Zinssatzes angemessen sein", schrieb sie. Tempo und Umfang könnten aber nicht von vornherein festgelegt werden, da die Wirtschaft mit der Corona-Welle in China und Folgen des Ukraine-Krieges konfrontiert sei. "Dies schafft mehr Unsicherheit darüber, wie schnell der derzeitige Preisdruck nachlässt, wie sich die Überkapazitäten entwickeln und inwieweit die Inflationserwartungen weiterhin auf unserem Zielniveau verankert bleiben." Höhere Zinsen verteuern Kredite, was die Nachfrage dämpfen und den Preisauftrieb begrenzen kann.

An den Finanzmärkten wird für den Juli mit einer Erhöhung des EZB-Leitzinses gerechnet, der seit Jahren bei null Prozent liegt. Nagel hat jüngst gesagt, nach einer ersten Zinsanhebung im Euro-Raum könnten aus seiner Sicht schnell weitere Erhöhungen folgen. Zuletzt hatte die EZB 2011 die Zinsen angehoben.

Zinserhöhungen im Juli und September sind nach Einschätzung von EZB-Ratsmitglied Francois Villeroy de Galhau im Wesentlichen beschlossene Sache. "Wenn man sich die Erklärung von Präsidentin Lagarde von heute Morgen anschaut, dann ist die Sache wahrscheinlich durch, weil es einen wachsenden Konsens gibt", sagte der französische Notenbankchef bei einer Podiumsdiskussion auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos.

«Beugt sich der Realität»

Kritikern geht das alles nicht weit genug. "EZB-Chefin Christine Lagarde beugt sich der Realität hartnäckig hoher Inflationsraten, wenn sie jetzt noch für das dritte Quartal ein Ende des negativen Leitzinses ankündigt und danach einen Anstieg des Leitzinses in Richtung auf das neutrale Niveau in Aussicht stellt", kommentierte Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer. Da dieses neutrale Zinsniveau nach früheren Aussagen von EZB-Vertretern zwischen 1,0 und 1,5 Prozent liege, rechnet er nun auf jeder der kommenden sieben Ratssitzungen mit einer Leitzinserhöhung um je 0,25 Prozentpunkte - bis der EZB-Einlagensatz im Frühjahr nächsten Jahres bei 1,25 Prozent liegt. "Das dürfte allerdings nicht ausreichen, um die Inflation wieder einzufangen", sagte Krämer, da der neutrale Leitzins eher zwischen 2,5 und 3,0 Prozent liege.

Aktuell liegt die Inflationsrate in der Währungsunion mit 7,4 Prozent auf einem Rekordhoch, da die Energiepreise nach dem russischen Einmarsch in die Ukraine sprunghaft gestiegen sind. Dabei strebt die EZB eigentlich einen Wert von zwei Prozent an.

Wegen der hohen Inflation rechnet Bundesbank-Chef Nagel mit einem Ende der rund zehn Jahre langen moderaten Lohnpolitik in Deutschland. "Diese Zeit ist jetzt vorbei", sagte Nagel. Man werde in der zweiten Jahreshälfte bei den Tarifverhandlungen wohl hohe Zahlen in Deutschland sehen. Es sei aber auch keine Überraschung, dass die Gewerkschaften angesichts der gestiegenen Inflation höhere Löhne und Gehälter forderten. Dies müsse aber nicht unbedingt zu einer Lohn-Preis-Spirale führen, bei der Experten eine Verfestigung der hohen Inflation befürchten.

(Reuters)