Am kommenden Donnerstag dürfte die Schweizerische Nationalbank (SNB) den Leitzins um 0,75 Prozentpunkte auf 0,50 Prozent anheben, wie aus einer Umfrage der Nachrichtenagentur Reuters bei Ökonomen hervorgeht.
15 der 23 Ökonomen rechnen mit einer Zinserhöhung um 0,75 Prozent. Dies entspricht auch der Markterwartung. Einer rechnet gar mit einer Erhöhung um 1,0 Prozent. Obwohl die SNB die Zinsen im Juni nach mehr als sieben Jahren geldpolitischen Beharrens um einen halben Prozentpunkt auf minus 0,25 Prozent angehoben hatte, ist sie gegenwärtig noch die einzige Notenbank weltweit mit Negativzinsen.
Vergangene Woche hatte die EZB angesichts der ausufernden Inflation im Euro-Raum den grössten Zinsschritt seit der Einführung des Euro-Bargelds 2002 angekündigt. "Die SNB profitiert von dem Spielraum, der durch die Anhebung um 75 Basispunkte auf der Septembersitzung der EZB entstanden ist", erklärte UBS-Ökonom Alessandro Bee. Die Inflation und der kaum überbewertete Schweizer Franken dürften die SNB dazu veranlassen, diesen Spielraum zu nutzen.
In der Schweiz lagen die Konsumentenpreise im August 3,5 Prozent über denen des Vorjahres. Damit fiel die Teuerung zwar deutlich geringer aus als in der Euro-Zone oder den USA, übertraf aber dennoch das von der SNB angepeilte Zielband von null bis zwei Prozent.
Kräftiger Zinsschritt erwartet
Die Erwartung eines kräftigen Zinsschrittes hievte den Franken zum Euro am Donnerstag auf den höchsten Stand seit Januar 2015. "Die Notenbank scheint sich mit der Stärke des Frankens wohlzufühlen, die die importierte Inflation eindämmt", sagte Jack Allen-Reynolds von Capital Economics. Die SNB hatte sich im Kampf gegen die Inflation vor kurzem von der jahrelangen Strategie verabschiedet, den in Krisenzeiten gesuchten Franken zu schwächen, um der exportabhängigen Wirtschaft des Landes unter die Arme zu greifen.
Die Ökonomen gehen davon aus, dass die Inflation im kommenden Quartal ihren Höhepunkt erreicht und erst 2024 auf unter zwei Prozent sinkt. Entsprechend dürfte die Straffung der Geldpolitik weitergehen. So geht die Mehrheit der Ökonomen davon aus, dass die SNB den Leitzins im vierten Quartal 2022, im ersten Quartal 2023 und im zweiten Quartal 2023 um jeweils 0,25 Prozentpunkte anhebt. Damit würde schliesslich einen Höchststand von 1,25 Prozent erreicht. Es bestehe allerdings das Risiko, dass der Höhepunkt die 1,25 Prozent übertreffe, erklärten mit einer Ausnahme alle Ökonomen.
(Reuters)
