Letzte Zweifel an ‌einer bevorstehenden ⁠Erhöhung des Leitzinses beseitigte der Ausrichter des Treffens am Donnerstag am Wannsee, Bundesbankchef Joachim Nagel. Er nannte die Entscheidung jüngst «relativ absehbar» und verwies auf die Erwartung der Finanzmärkte, die ⁠fest mit einer Anhebung rechnen. Der EZB-Rat dürfte den zum Steuern des geldpolitischen Kurses wichtigen Einlagensatz demnach um einen Viertelpunkt auf 2,50 Prozent hochsetzen.

Die Notenbank steht als Hüterin der Preisstabilität gehörig unter Zugzwang. Infolge des ‌vom Iran-Krieg ausgelösten Energiepreisschocks ist die Inflation mit 3,3 Prozent ihrem Ziel von 2,0 Prozent weit enteilt. Nach der ‌Zinserhöhung im Juni, der ersten seit fast drei Jahren, muss die EZB wohl nun ​nachlegen. Die Fachwelt ist jedoch bei der Einschätzung gespalten, wie es danach weitergeht.

Die Banken-Volkswirte von JP Morgan und auch von BNP Paribas gehen davon aus, dass es mit der Zinserhöhung in Berlin dieses Jahr noch nicht getan ist: Sie erwarten, dass die Währungshüter um EZB-Präsidentin Christine Lagarde einen weiteren Schritt nach oben im Dezember folgen lassen, um die Inflation weiter zu zügeln.

Commerzbank-Ökonom Marco Wagner sieht dies jedoch anders: «Die EZB wird voraussichtlich ihre Leitzinsen erhöhen. Weitere Zinsschritte, wie sie vom Markt erwartet werden, sind möglich, aber ‌unwahrscheinlich.» Denn die Teuerungsrate dürfte sich zunächst weiter wie im Basisszenario der EZB entwickeln, für das die Notenbank nur eine verhaltene Reaktion angekündigt habe, sagte Wagner. Dabei gingen die Fachleute des Eurosystems im Juni davon aus, dass die durchschnittliche Gesamtinflation 2026 bei 3,0 Prozent liegen und 2027 auf 2,3 Prozent sinken wird.

Bei ihrer auswärtigen Sitzung in Berlin, der ​ersten in der Bundeshauptstadt seit Oktober 2011, wird die EZB aktualisierte Projektionen zu Inflation und Wirtschaftswachstum vorlegen. Der irische Notenbankchef Gabriel Makhlouf ​liess bereits durchblicken, dass die Wachstumsprognose für die Euro-Zone für dieses Jahr «leicht» angehoben werde. Die Fachleute der ​EZB erwarteten im Juni ein Wirtschaftswachstum von durchschnittlich 0,8 Prozent für 2026. Bei der Inflation gingen sie davon aus, dass sie auf kurze Sicht erhöht bleiben werde, da die Energiepreise infolge des Krieges im Nahen ‌Osten gestiegen seien: «Wenn die Ölpreise sinken, wie es die Preise auf dem Terminmarkt erwarten lassen, dürfte die Inflation 2028 wieder zum Zielwert von zwei Prozent zurückkehren», hiess es damals.

Der Ausblick auf 2028 ist für die Ausrichtung der Geldpolitik besonders bedeutsam, da das Inflationsziel der EZB auf mittlere Sicht ausgerichtet ist. In zwei Jahren wird EZB-Chefin ​Lagarde die ​Kommandobrücke der EZB in Frankfurt längst verlassen haben.

Zuletzt hiess es in Medienberichten, die Französin ⁠könne vorzeitig aus dem Amt scheiden und im Laufe des Jahres 2027 die Präsidentschaft des Weltwirtschaftsforums (WEF) übernehmen. ​Und auch die deutsche EZB-Direktorin Isabel Schnabel, ⁠deren Amtszeit regulär bis Ende 2027 läuft, könnte ihren Job nach einem Bericht des «Handelsblatts» vorzeitig an den Nagel hängen: Sie ist demnach für einen Posten beim Internationalen Währungsfonds ‌im Gespräch.

Im Falle eines vorzeitigen Wechsels der deutschen Ökonomin dürfte somit eine Paketlösung wahrscheinlicher werden, bei der die Regierungsspitzen der Euro-Staaten alle drei frei werdenden Posten im EZB-Direktorium auf einen Schlag neu besetzen. Im Juni 2027 endet die Amtszeit von Chefvolkswirt Philip Lane, im Oktober 2027 die von Lagarde. ‌Auf der Pressekonferenz in Berlin dürften diese Themen angesprochen werden. Nach der Sitzung im Juli hatte Lagarde ihre Zukunftspläne vage ​gehalten: «Sie werden mich vor 2027 nicht los, okay», hiess es damals.

Mit einem Abgang Schnabels dürfte die Frage nach dem künftigen Personaltableau nun noch virulenter werden. Doch haben die Geldpolitiker dies nicht in der Hand, worauf auch der Bundesbankchef jüngst im Interview mit der französischen Zeitung «Le Monde» hinwies: «Letztlich wird es von der Politik entschieden.» Jeder im EZB-Rat könne als hoch qualifizierter Kandidat für ‌den EZB-Chefposten betrachtet werden, liess Nagel wissen.

(Reuters)