Mit einer Schurken-Datenbank gegen Finanz-Trickser

Geldwäsche, Marktmanipulation oder Terrorfinanzierung: Das Fehlverhalten von Mitarbeitern kostet die Banken Milliarden. Neue Spionageprogramme sollen solche Vergehen in Zukunft frühzeitig erkennen und verhindern.
21.01.2017 15:45
Finanzmarkt-Hänlder werden immer stärker überwacht.
Finanzmarkt-Hänlder werden immer stärker überwacht.
Bild: Twitter/Vontobel

Sie sind jung und wollen Karriere machen? Sie sind im Büro morgens der Erste und abends der Letzte? Sie arbeiten auch am Wochenende und schicken Kollegen ihre Handels-Ideen zu jeder Stunde? Dann haben Sie soeben die Aufmerksamkeit als potenziell betrügerischer Banker auf sich gelenkt.

Erkin Adylov, ein ehemaliger Analyst von Goldman Sachs, baut eine Bibliothek der Niederträchtigkeiten in der Bankenbranche auf. Diese basiert auf den Verhaltensmustern von hunderten Schurken aus der Vergangenheit wie etwa Tom Hayes von der UBS und Jérôme Kerviel von Société Générale.

Berücksichtigt werden dabei tausende von Faktoren – vom Stress-Niveau in Gesprächs-Mitschnitten bis hin zur Frequenz der Kantinen-Besuche im Unternehmen. Adylov und sein Team bei dem Startup Behavox stufen Banker danach ein, wie wahrscheinlich es ist, dass sie auf die schiefe Bahn geraten, noch bevor tatsächlich etwas passiert ist.

Mehr als 200 Milliarden Dollar Bussen

Das klingt zwar wie aus einem Science-Fiction-Buch. Doch der Hedgefonds Marshall Wace und der Interdealer-Broker TP ICAP Plc nutzen die Software bereits, um Mitarbeiter zu beobachten. Und einige der grössten Investmentbanken und Rohstoffhändler in der Welt haben zumindest damit begonnen, sie zu testen.

In den vergangenen acht Jahren haben Banken insgesamt Strafen von mehr als 200 Mrd. Dollar gezahlt für einen ganzen Katalog an Fehlverhalten, angefangen bei Geldwäsche über Marktmanipulation bis hin zur Finanzierung von Terroristen. Jetzt setzen sie auf Unternehmen wie Behavox, um sich selbst vor künftigen aufsichtsrechtlichen Untersuchungen zu schützen.

"Wer nicht weiss, was die Mitarbeiter treiben, ist verletzbar", sagt Adylov, 33, der ursprünglich aus Kirgisien kommt. "Einige Banken scheinen nicht wissen zu wollen, wie exponiert sie sind. Und das sind die, die das nächste Mal Strafen zahlen müssen."

Unterstützt durch künstliche Intelligenz

Da sie derzeit unter so starker Beobachtung stehen wie nie zuvor, geben Finanzfirmen bis zu 20 Prozent ihrer Erträge für Compliance aus. Sie stellen zehntausende Ermittler, arbeitslose Händler und frühere Nachrichtenoffiziere ein, um sich durch die Kommunikation von Mitarbeitern zu arbeiten.

Die Motivation dahinter sind nicht nur potenzielle Strafen. Neuen Regeln zufolge, die seit März gelten, können Führungskräfte in Grossbritannien beispielsweise für das Verhalten ihrer Untergebenen verantwortlich gemacht werden und sogar ins Gefängnis wandern.

Behavox nutzt künstliche Intelligenz, um jeden Aspekt des Arbeitslebens von Mitarbeitern unter die Lupe zu nehmen. Die Technologie ermöglicht es Computern, sich selbst beizubringen, ein grosses Daten-Volumen zu sortieren und zu analysieren.

Häufige Toilettengänge machen verdächtig

Die Software zeigt alles an, was von der Norm abweicht, damit dies gegebenenfalls genauer untersucht wird. Das können auf den ersten Blick unverfängliche Dinge sein wie Geschrei während eines Telefonats, Zugriff auf einen Arbeitscomputer in der Mitte der Nacht oder häufigere Gänge auf die Toilette als bei Kollegen. Das System vergleicht diese Verhaltensweisen mit Fallstudien früherer Händler, bei denen es Probleme gegeben hatte.

Zwar nutzen andere Unternehmen ähnliche Technologien, um ihre Handelsabteilungen zu überwachen. Doch Behavox geht einen Schritt weiter. Es erstellt einen zentralen Verwahrungsort für Verhaltensmuster, der für alle Kunden zugänglich ist. Adylov nennt dies Conduct Risk Exchange.

Seine Herausforderung besteht darin, Unternehmen davon zu überzeugen, potenziell peinliche Details über ihr Innenleben zu teilen. Falls er es schafft, ein grösseres Netzwerk aufzubauen - das über die drei Firmen hinausgeht, die bislang an Bord sind – dann könnte dies letztlich die Art und Weise verändern, wie Banken sich selbst überwachen.

(Bloomberg)