Das wirtschaftliche Umfeld hat sich nach Angaben des Personalvorstands der Marke Volkswagen, Arne Meiswinkel, für die Autoindustrie und damit auch für VW gravierend verschärft. «Diese Marktveränderungen sind strukturell und tiefgreifend. Unter anderem drängen chinesische Hersteller mit günstigen Exporten nach Europa», teilte Meiswinkel mit.
Das erhöhe den Preis- und Wettbewerbsdruck enorm. Um wettbewerbsfähiger zu werden, müssten die Massnahmen aus dem Zukunftsplan 2030 ihm zufolge schnell und konsequent umgesetzt werden. Mit der fristgerechten Kündigung der Tarifverträge zum 31. Dezember 2026 will das Unternehmen demnach einen Verhandlungsraum öffnen.
Droht heftige Auseinandersetzung?
Insgesamt besteht der VW-Haustarif im Kern aus rund einem Dutzend einzelnen Verträgen. Der Manteltarifvertrag bündelt zahlreiche grundlegende Regelungen für die mehr als 100.000 Beschäftigten in Deutschland - auch die Arbeitszeit und Urlaubstage. Der IG Metall zufolge regeln die anderen Verträgen unter anderem Eingruppierung, Zulagen, Zusatzvergütungen sowie die Ausbildung. Nicht betroffen ist der Zukunftstarifvertrag aus dem Jahr 2024 und die darin vereinbarte Beschäftigungssicherung bis Ende 2030.
In der Tarifrunde vor zwei Jahren hatte VW nach Angaben der Arbeitnehmer deutlich weniger Tarifverträge gekündigt - und auch den Mantel unangetastet gelassen. Erste Folgen könnten VW-Beschäftigte von Januar 2027 an spüren. Gewerkschaft und Betriebsrat kündigten Widerstand an. «Das ist ein übles Foul an der Belegschaft und erneut ein schamloser Versuch, in die Geldbeutel der Beschäftigten greifen zu wollen», teilte der niedersächsische IG-Metall-Chef Thorsten Gröger mit. Das werde man nicht hinnehmen. VW-Betriebsratschefin Daniela Cavallo rechnete mit einer «heftigen Auseinandersetzung».
Arbeitnehmer zweifeln an früheren Zusagen
Am Mittwoch trafen sich Vertreter von Volkswagen, IG Metall und Betriebsrat zu einem sogenannten Überprüfungsgespräch. Die Arbeitnehmer, die das Treffen ursprünglich anberaumt hatten, verlangten Klarheit darüber, ob und wie VW die Zusagen aus dem Zukunftstarifvertrag von 2024 einhält. Diese Abmachungen sieht sie angesichts der deutlich verschärften Sparpläne in Gefahr.
Der Tarifabschluss 2024 war hart erkämpft worden. Erst nach Warnstreiks und einem einwöchigen Verhandlungsmarathon kurz vor Weihnachten hatte es eine Einigung gegeben. Der Kompromiss sieht den Abbau von 35.000 VW-Jobs in Deutschland bis 2030 vor. Ausserdem wurden Boni und Zulagen gekürzt und Lohnerhöhungen auf Eis gelegt. Europas grösster Autobauer verzichtet im Gegenzug auf betriebsbedingte Kündigungen und Werkschliessungen - und sagte Investitionen und neue Produkte für die deutschen Standorte zu.
Gespräche werden im Oktober fortgesetzt
An den Zweifeln der Arbeitnehmer hat sich auch nach dem Gespräch nichts geändert: Das Unternehmen habe erhebliche Zweifel daran angemeldet, die im Abschluss 2024 vereinbarten Investitionen in neue Modelle und Werke wie zugesagt umsetzen zu können. Man sei enttäuscht und wütend, sagte Gröger. Ein weiteres Gespräch zwischen den Tarifparteien ist demnach für die zweite Oktoberhälfte geplant. Die IG Metall will zuvor einen Fragenkatalog vorlegen.
«Volkswagen hält sich an Verträge», sagte Meiswinkel. Ziel des Unternehmens ist demnach, die bisher vereinbarten Massnahmen konsequent umzusetzen und alle weiteren Möglichkeiten eines sozialverträglichen Personalabbaus komplett auszuschöpfen. Die Volkswagen AG umfasst die Marken Volkswagen Pkw und Nutzfahrzeuge, die Komponentenfertigung sowie die Konzernstellen.
Konzern steht vor historischem Umbau
Das Überprüfungsgespräch war das erste offizielle Treffen von Unternehmen und Arbeitnehmervertretern in grösserer Runde seit dem Aufsichtsratsbeschluss Anfang September. Die Aufseher hatten sich angesichts der Probleme in der Branche auf einen «Zukunftsplan» des Vorstands geeinigt, der Volkswagen deutlich profitabler machen soll. Das Management um VW-Chef Oliver Blume hat seitdem ein Mandat, den Konzern umzubauen und Milliarden einzusparen.
Weltweit will der Vorstand in den kommenden Jahren unter anderem 50.000 Stellen streichen - zusätzlich zu bisherigen Abbauplänen im Konzern. Marken und Gesellschaften sind demnach beauftragt, das auszuplanen. Die Hälfte könnte auf deutsche Standorte entfallen. Konkrete Programme müssen aber erst mit den Arbeitnehmern verhandelt werden. Darüber hinaus ist die Zukunft der VW-Werke in Emden, Hannover und Zwickau sowie des Audi-Standorts Neckarsulm über die Jahre 2031 bis 2034 hinaus offen./jwe/DP/jha
(AWP)
