Seit dem Scheitern der Handelsgespräche Ende vergangener Woche ist der Streit eskaliert. Die Vereinigten Staaten verhängten am Wochenende Zölle von 50 Prozent auf kanadische Waren im Wert von rund 20 Milliarden US-Dollar - darunter etwa Hockeyschläger, Möbel, Honig und Wein. Kanada verhängte daraufhin Gegenzölle von bis zu 50 Prozent auf Importe aus dem Nachbarland in etwa gleicher Höhe. Die Gegenmassnahmen sollen insbesondere auf Produkte aus den Bereichen Stahl und Aluminium, Haushaltsgeräte, landwirtschaftliche Ausrüstung, Zellstoff und Papier sowie Elektronik angewendet werden.

Eskalation nach zahlreichen Drohungen aus den USA

«Unsere bevorzugte Lösung war ein Abkommen, das beiden Ländern zugutekommt. Wir glauben nach wie vor, dass dies möglich ist. Aber in der Zwischenzeit warten wir nicht tatenlos auf einen Anruf», erklärte der kanadische Handelsminister Dominic LeBlanc.

Die Spannungen schwelen schon lange. Seit Beginn seiner zweiten Amtszeit überzieht Trump den Nachbarn immer wieder mit Vorwürfen und Provokationen - vom Vorwurf, Kanada unternehme zu wenig gegen den Schmuggel von Fentanyl in die USA, bis zur wiederholten Drohung, das Land zum 51. US-Bundesstaat zu machen. Erst am Montag nannte US-Vizepräsident JD Vance Kanada einen «State» statt ein Land und sprach anschliessend von einem «freudschen Versprecher».

Doch nun ist der Konflikt auf einem neuen Niveau angekommen: Der kanadische Premierminister Mark Carney warf den USA vor, kanadische Schlüsselindustrien wie die Automobil-, Stahl- und Aluminiumindustrie «zerstören» wollen. Erst am Montag hatte Trump mit einer Erhöhung der Importabgaben für Autos, grosse und kleine Lastwagen, Autoteile und Stahl auf 50 Prozent ab dem 1. Januar 2027 gedroht.

85 Prozent aller aus Kanada exportierten Autos gingen 2024 in die Vereinigten Staaten. Trump begründet seine Zölle unter anderem damit, dass Kanada die Vereinigten Staaten seit Jahren «ausbeute». Er behauptete, dass sein Land nicht auf den Handel mit dem Nachbarn angewiesen sei. Laut US-Zensus ist Kanada derzeit der zweitgrösste Handelspartner der USA.

Millionen Jobs hängen an Beziehungen der Nachbarländer

Besonders eng sind die beiden Länder im Energiesektor miteinander verflochten. Kanada ist der mit Abstand wichtigste ausländische Lieferant von Rohöl für die USA. Auch Erdgas und Strom fliessen über die gemeinsame Grenze. In beiden Ländern hängen Millionen von Jobs an dem Handel der beiden Länder.

Vor dem Hintergrund drohte Doug Ford aus Ontario mit Einschränkungen bei der Stromversorgung der USA aus Kanada und dem Zugang zu kritischen Rohstoffen. Die Provinz liefert Strom in die US-Bundesstaaten New York, Michigan und Minnesota.

Für Premierminister Carney ist die Krise auch eine Bewährungsprobe: Der frühere Zentralbankchef wirbt immer wieder dafür, dass sich sogenannte Mittelmächte gemeinsam dem wirtschaftlichen Druck von Grossmächten entgegenstellen und angesichts neuer Machtwirklichkeiten neue Allianzen schmieden müssten. Souveränität eines Landes sei zunehmend abhängig von der Fähigkeit eines Landes, dem Druck standzuhalten, argumentiert er.

Ob Kanada mit seinem Dagegenhalten einen Domino-Effekt bewirken kann, ist nicht sicher. Experten sind sich uneinig darüber, ob Gegenzölle der richtige Weg sind, sich den USA entgegenzustellen. Gemeinsam mit den Vergeltungszöllen verkündete die kanadische Regierung Unterstützungsmassnahmen für die betroffene Industrie in Höhe von 7,5 Milliarden kanadischen Dollar.

Die Zeichen stehen weiter auf Eskalation

In Kanada stellt man sich auf kein baldiges Ende des Konflikts mit Trumps Regierung ein. «Wissen Sie, sehr kluge Leute haben gesagt, dass man mit einem schlechten Menschen kein gutes Geschäft machen kann. Und ich denke, diese Regel gilt auch hier», sagte Web Kinew, Premierminister aus der kanadischen Provinz Manitoba. «Er hat noch zwei Jahre im Amt. Wir sollten darauf vorbereitet sein, uns zwei Jahre lang mit ihm auseinanderzusetzen, und dann kehrt hoffentlich die Vernunft nach Amerika zurück.»

Auf eine Deeskalation deutet auch nichts aus Washington hin. Es gebe zunächst keinen neuen Termin für Verhandlungen, hiess es. Trump hatte am Dienstag die Umbenennung des Lake Ontario, durch den die Grenze zwischen den USA und Kanada verläuft, in «Lake America» ins Spiel gebracht. Er rechne nicht mehr damit, in Zukunft nennenswerte Geschäfte mit Ontario zu tätigen, schrieb Trump auf seiner Plattform Truth Social./apo/DP/mis

(AWP)