«Gefahr eines Fehlurteils»
Verteidigerin Krausslach will den Ausgang eines separaten Betrugsverfahrens gegen eine frühere Wirecard-Managerin abwarten, die mutmasslich eine wichtige Rolle in dem 2020 aufgedeckten Milliardenbetrug bei Wirecard spielte. Die Rolle der Frau sei «für die Wahrheitsfindung von zentraler Bedeutung», argumentierte die Anwältin. «Ansonsten besteht die Gefahr eines Fehlurteils zu Lasten von Herrn Dr. Braun.»
Die in Singapur lebende Managerin war für die deutschen Strafverfolger jahrelang nicht greifbar, wurde aber Anfang dieses Jahres ausgeliefert. Die Generalstaatsanwaltschaft Koblenz hatte im Juli Anklage gegen sie erhoben. Die Managerin war bei Wirecard im Vertrieb für Asien zuständig und eine enge Mitarbeiterin des seit 2020 untergetauchten früheren Vertriebsvorstands Jan Marsalek. Sie hätte bereits im Wirecard-Prozess als Zeugin aussagen sollen, berief sich aber auf ihr Aussageverweigerungsrecht. Die Staatsanwaltschaft hingegen sieht keinen Grund für eine Aussetzung. «Wir werden das wahrscheinlich sehr zeitnah entscheiden», sagte Richter Födisch.
Braun steuert auf Verurteilung zu
Dass bei Wirecard in grossem Stil betrogen wurde und Milliarden spurlos verschwanden, ist unstrittig. Braun hat mehrfach seine Unschuld beteuert. Der österreichische Manager sieht sich selbst als Opfer der wahren Betrügerbande um Marsalek, zu der auch die in Koblenz angeklagte Managerin gehört haben soll. Braun kann sich jedoch kaum Hoffnung auf einen Freispruch machen.
Das Gericht darf zwar nicht vorverurteilen, aber deutlich machen, ob es einen Angeklagten für glaubwürdig hält oder nicht. So nannte der Vorsitzende Richter Födisch Brauns Verteidigungsstrategie schon vor dem Aussetzungsantrag «nicht nachvollziehbar» und «nicht schlüssig». Abgesehen davon sitzt Braun seit über sechs Jahren ununterbrochen in Untersuchungshaft. Hielten die Richter den 1969 geborenen einstigen Börsenstar für unschuldig, müsste er auf freien Fuss gesetzt werden./cho/DP/mis
(AWP)
