Von Nicolas Saurenz
Vor knapp einem Monat erklärte Donald Trump den Krieg im Iran bereits zum wiederholten Mal für beendet. Die Aktienmärkte feierten diese Ankündigung. Seitdem hat sich in der Straße von Hormuz jedoch nichts zum Besseren verändert. Der Schiffsverkehr ist stark eingeschränkt.
Die USA sitzen in der Zwickmühle. Washington kann Teheran militärisch weiter unter Druck setzen, riskiert damit aber neue Angriffe auf Energieanlagen in der Golfregion. Gleichzeitig wenden sich Partner in den Golfstaaten ab, während Israel den Druck weiter erhöht.
Die USA könnten einem „Deal“ zustimmen, müssten dem Iran damit faktisch aber eine stärkere Rolle in der Straße von Hormuz zugestehen. Für Falken wie Robert Kagan wäre ein solcher Deal mehr als Diplomatie: Er stünde für den Rückzug der USA aus der Rolle des ordnenden Sicherheitsgaranten am Golf.
Die Märkte handeln vorerst entlang der kurzfristigen Nachrichtenlage: Ein Friedenssignal aus Washington reicht für Entspannung bei Brent und WTI, neue militärische Aktivität nahe der Straße von Hormuz genügt für den nächsten Preissprung. Nachdem die Verhandlungen zwischen den USA und dem Iran erneut nicht zu einer belastbaren Einigung führten, zogen die Ölpreise zu Wochenbeginn wieder deutlich an.
Selbst ein Abkommen wäre kein Freifahrtschein für billiges Öl. Tanker meiden die Region, Versicherungsprämien steigen, Exportanlagen sind beschädigt, Fördermengen wurden gedrosselt.
Besonders heikel ist die Situation bei Ölprodukten. Für Europa ist vor allem die Kerosinfrage unangenehm. Vor der Urlaubssaison steigt die Nachfrage, während Lieferungen aus der Golfregion unsicher bleiben. Die USA springen derzeit als Lieferant ein, doch auch dort wird der Puffer dünner. Laut EIA sind die kommerziellen US-Erdölvorräte zuletzt deutlich gefallen, auch die Destillatbestände liegen spürbar unter dem Fünfjahresschnitt. Die hohen US-Exporte von Diesel, Kerosin und Benzin helfen Europa und Asien kurzfristig, belasten aber die amerikanischen Lager.
Die europäischen Märkte haben die Entwicklung des Ölpreises genau verfolgt. Stieg der Ölpreis, zogen Inflationserwartungen und Renditen an, was Aktien belastet. Damit eignet sich eine Long-Spekulation auf Brent auch als eine Art taktische Absicherung für Portfolios.
Hier bieten sich Mini-Futures auf Brent oder WTI an. Entscheidend ist dabei allerdings der Blick auf den Terminmarkt. Anders als bei einer Aktie steht hinter Brent oder WTI ein Future-Markt mit monatlichen Verfällen. Der landläufig zitierte Ölpreis ist meist der nächstfällige Kontrakt. Kurz vor dem Verfall wechseln viele Referenzprodukte in den nächsten Future — die sogenannte Rolle.
Derzeit schlägt sich der Krieg im Iran deutlich in der Terminkurve nieder. Ein Fass der Nordseesorte Brent kostete zu Wochenbeginn rund 100 Dollar zur Lieferung im Juli. Wer sich eine Lieferung zum Jahresende sichert, zahlt nur 87 Dollar.
Der Markt preist also bereits ein, dass sich die extreme Knappheit in den kommenden Monaten zumindest teilweise entspannt.
Für Long-Anleger kann diese Struktur beim Rollen grundsätzlich Rückenwind bedeuten, weil in günstigere Folgekontrakte gewechselt wird. Für Short-Spekulanten ist sie dagegen tückisch. Wer auf fallende Ölpreise setzt, spekuliert nicht nur auf Entspannung im Iran-Konflikt, sondern darauf, dass Öl stärker fällt, als der Terminmarkt ohnehin bereits unterstellt.
