Sinn und Unsinn von Lebensversicherungen

Vorsorge und Sicherheit in einem ist das Verkaufsargument schlechthin für Lebensversicherungen. Tiefzinsen setzen das Modell aber unter Druck. Für wen lohnt sich diese Kombination von Sparen und Risiko überhaupt noch?
20.04.2016 23:05
Von Marc Forster
Lebensversicherungen sind wie ein Rettungsboot - aber sind sie auch zum Sparen sinnvoll?
Lebensversicherungen sind wie ein Rettungsboot - aber sind sie auch zum Sparen sinnvoll?
Bild: Pixabay

Gemischte Lebensversicherungen in der dritten Säule werden mit dem Argument angepriesen, dass sie Sparen und Risiko verbinden. Der Unterschied zum Sparkonto oder der Vermögensverwaltung bei einer Bank liegt darin, dass eine Lebensversicherung vom Zeitpunkt her nicht bekanntes künftiges Ereignis, also ein Risiko, mit einschliesst: Tod, langes Leben oder Invalidität.

Unter Druck gekommen sind Lebensversicherungen durch die tiefen und in der Schweiz aktuell gar negativen Zinsen. Die garantierten Zinssätze, mit denen die Versicherer die Renditeversprechen berechnen, liegen seit Anfang 2016 zwischen 0,75 und 1,25 Prozent (im Jahr 2000 lagen sie noch bei 2,5 Prozent). Davon abgezogen werden müssen aber beispielsweise noch Verwaltungskosten und Abschlusskosten, mit denen der Versicherte zu den Kosten beiträgt, die der Versicherer für das Tragen der Risiken veranschlagt.

Die eigentliche Rendite liegt damit tiefer als der garantierte Zins, und Kunden, die sich für eine Lebensversicherung interessieren, sollten diesbezüglich beim Anbieter zumindest nachhaken. Abgeklärt werden müssen auch die Bedingungen, unter denen der Ertrag aus der Lebensversicherung steuerfrei ist. Wenn der Versicherer in Aussicht stellt, dass der Kunde von Überschüssen profitieren kann, muss bedacht werden, dass diese nicht garantiert sind. Sie müssen sich zuerst überhaupt einmal ergeben.

Ausstieg ist teuer

Die Verbindung von Sparen und Risiko wird indessen immer mehr hinterfragt. Florian Schubiger von der Finanzplanungsberatung Vermögenspartner rät kaum noch zur gemischten Lebensversicherung: "Wir empfehlen, Sparen und Versichern zu trennen, denn beides lässt sich unabhängig von einander optimieren. Die gemischte Lebensversicherung ist in den meisten Fällen ein zu starres Produkt."

Für junge Menschen stellt sich bei Lebensversicherungen mit periodischer Einzahlung grundsätzlich das Problem, dass sie über eine sehr lange Zeitdauer Beträge entrichten müssen. Es lohnt sich für einen Versicherungskunden kaum jemals finanziell, aus einer Lebensversicherung auszusteigen. Ganz im Gegenteil, der Rückkauf ist oft ziemlich teuer, ein grosser Teil der Einzahlungen ist dann verloren.

Wer jung ist und keine Familie hat, braucht in der Regel gar keine Lebensversicherung. Mit Sparen auf dem Konto und in Form etwa eines Säule 3a-Kontos fährt man in dieser Lebenssituation zumeist besser. Ein Konto der Säule 3a erlaubt es, Zahlungen auch unterhalb des Maximalbeitrags von aktuell 6768 Franken zu leisten, oder in einem Jahr, beispielsweise bei einem finanziellen Engpass, ganz darauf zu verzichten. Zudem ist die Säule 3a steuerlich begünstigt.

Risikokomponente ist separat erhältlich

Im Unterschied zur Lebensversicherung sichern Banksparen, Anlegen oder ein Säule 3a-Konto die Risiken Tod und Invalidität nicht ab. "Dies lässt sich aber problemlos auch über eine reine Risiko-Lebensversicherung absichern", sagt Florian Schubiger. Eine reine Risiko-Lebensversicherung dient dazu, sich und Angehörige, oder auch Geschäftspartner, vor den Ereignissen Tod und Invalidität schützen. Gerade in jungen Jahren, wenn man wenig Kapital hat, ist diese sinnvoll. Die Prämien sind relativ tief.

Genauso lässt sich auch eine Prämienbefreiung absichern. Diese Risikokomponente dient dazu, dass der Versicherte die Prämien im Falle einer Invalidität nicht mehr selber zahlen muss und dabei der Versicherer sicherstellt, dass er sein garantiertes Endkapital trotzdem bekommt. "Eine Prämienbefreiung kann man sich neben dem Säule 3a-Sparen selber organisieren", sagt Finanzberater Schubiger.

Kunden tragen Risiken

Eine besondere Form von Lebensversicherung sind Fondsprodukte beziehungsweise anteilgebundene Lebensversicherungen. Für die Sparkomponente werden Finanzmarktinvestitionen in Wertpapiere getätigt. Wegen der seit langem tiefen Zinsen sowie auch wegen des Profitabilitätsdrucks wälzen die Versicherer das Anlagerisiko jedoch mehr und mehr auf den Kunden ab.

Nur wenn nach Ablauf eine Auszahlungssumme garantiert ist, trägt der Versicherer das Anlagerisiko. Sonst verbleibt dieses beim Versicherten. Wer nicht genug Mittel oder Einkommen hat, um Kursverluste wegzustecken, sollte keine fondsgebundene Lebensversicherung abschliessen. Auch bei diesen Produkten ist der Rückkauf nur mit einem happigen Verlust möglich.

Von fondsgebundenen Lebensversicherungen mit hohem Aktienanteil wird generell abgeraten. Alternativ zur fondsgebundenen Lebensversicherung kann man - je nach eigenem Finanzmarktwissen - ausserhalb von Versicherungsprodukten in Fonds oder ETF, also indexbasierte Fonds, investieren. Aktienkursgewinne bei Privatpersonen sind zudem steuerfrei.

Lebenssituation ist entscheidend

Auch fondsgebundene Lebensversicherungen bieten gewisse steuerliche Vorteile, doch ihre Beliebtheit ist gesunken. Zwischen 2012 und 2014 sanken nach Angaben des Schweizerischen Versicherungsverbands SVV und der Finanzaufsichtsbehörde Finma die gebuchten Prämien von 2,63 Milliarden auf 1,73 Milliarden Franken.

Für wen eignet sich dann eine gemischte Lebensversicherung und eine fondsgebundene Lebenversicherung überhaupt noch? Häufig zitiert wird das Beispiel einer Familie, die für den Kauf eines Hauses oder einer Wohnung Pensionskassengeld bezieht. Beim Tod oder der Invalidität entsteht in der Pensionskasse eine grosse Lücke. Auch Selbständige ohne Pensionskasse sichern sich gerne mit einer Lebensversicherung ab. Aber auch sie fahren häufig besser, wenn sie die Risiken vom Sparen separat versichern. Entscheidend ist letztlich die persönliche Lebenssituation.