Vorsorge - In der dritten Säule könnte viel flexibler gespart werden

In der digitalen Arbeitswelt stehen neue Sparmodelle zur Diskussion. Mit Nachzahlungen liessen sich Vorsorgelücken beispielsweise durch Erwerbsunterbrüche kompensieren.
16.06.2019 15:41
Von Kurt Speck
Das Schweizer Vorsorgesystem beruht auf drei Säulen.
Das Schweizer Vorsorgesystem beruht auf drei Säulen.
Bild: Pixabay

Vorstösse zum Ausbau der individuellen Altersvorsorge hat es immer wieder gegeben. Neben den wenig erfolgreichen Bemühungen zur Reform der staatlichen AHV und der beruflichen Vorsorge, den zwei Hauptpfeilern im Dreisäulensystem, stossen Initiativen für mehr Spielraum in der dritten Säule ebenfalls auf teils erheblichen Widerstand. Dabei gewinnt das Sparen in der steuerbegünstigten Säule 3a angesichts der sinkenden Umwandlungssätze bei den Pensionskassen laufend an Bedeutung.

Doch eine im Parlament derzeit hängige Motion von bürgerlichen Politikern zur Erhöhung der abzugsfähigen Maximalbeträge in der drittenSäule von aktuell 6826 Franken auf 15'000 Franken für Unselbstständige und von 34'128 Franken auf 45'000 Franken für Selbstständige lehnt der Bundesrat ab. Seine Begründung: Diese Anhebung käme vor allem den Versicherten mit einem höheren Einkommen zugute und würde gleichzeitig zu Steuerausfällen von jährlich 350 Millionen Franken führen.

Zweite Säule erlaubt Nachzahlungen

Mehr Chancen sehen Experten bei einer generellen Flexibilisierung im gebundenen Bereich der dritten Säule. Das gilt speziell für Nachzahlungsmöglichkeiten, um entstandene Vorsorgelücken etwa durch Erwerbsunterbrüche zu kompensieren.

«Modelle für solche Nachzahlungen sind unterwegs», sagt Jan Schüpbach, Ökonom bei der Credit Suisse und Mitautor der Studie «Mind the Gap: Teilzeit, Auszeit, Vorsorgelücke». Rückenwind gibt eine Umfrage vom Verein Vorsorge Schweiz (VVS), bei der eine Zweidrittelmehrheit die Möglichkeit begrüsst, rückwirkend Beiträge in die Säule 3a einzuzahlen, wenn der Maximalbetrag in einzelnen Jahren nicht ausgeschöpft wurde.

In der beruflichen Vorsorge, also der zweiten Säule, ist das mit den nachträglichen Einkäufen bereits heute möglich. Gemäss einem Vorschlag des VVS würde sich die mögliche Einkaufssumme aus der Differenz des zum jeweiligen Zeitpunkt grösstmöglichen 3a-Guthabens und des tatsächlich angesparten Betrages ergeben. Einkäufe dürften erstmals im Alter von 30 Jahren und danach höchstens alle fünf Jahre getätigt werden.

Viel Potential vorhanden

Generell ist in der dritten Säule noch viel Potenzial vorhanden. Derzeit zahlen nur gut die Hälfte der Erwerbstätigen in die steuerbegünstigte Säule 3a ein. Gemäss der Schweizerischen Arbeitskräfteerhebung durch das Bundesamt für Statistik sind es bei den Männern 58 Prozent und bei den Frauen 51 Prozent. Die gesamten 3a-Vorsorgegelder belaufen sich auf 120 Milliarden Franken.

Im Vergleich zu den rund 900 Milliarden Franken in der beruflichen Vorsorge ist dies aber nur ein kleiner Bruchteil. Immerhin zeigen die Zuwachsraten auf den Konten und Depots der dritten Säule, dass dem individuellen Sparen in der jüngsten Vergangenheit mehr Aufmerksamkeit zugekommen ist. Vorderhand ist diese Altersvorsorge jedoch auf Erwerbstätige beschränkt. Verschiedene Vorstösse im Parlament, die das Vorsorgesparen in der Säule 3a für Nichterwerbstätige öffnen wollten, sind gescheitert. Entsprechend bleiben Personen, die etwa Erziehungs- und Betreuungsaufgaben in einer unbezahlten Funktion wahrnehmen, von dieser steuerbegünstigten Sparmöglichkeit ausgeklammert.

Innovative Produkte

Studien zur Nutzung der Säule 3a zeigen für das Alterssparen viel Spielraum nach oben. Derzeit liegt der durchschnittliche Einzahlungsbetrag von Erwerbstätigen lediglich bei 3400 Franken pro Jahr. Nur gerade 13 Prozent der Steuerzahlenden schöpfen den heutigen Maximalbetrag aus. Damit ergibt sich gegenüber dem maximalen Betrag ein zusätzliches Einkaufspotenzial von jährlich rund 10 Milliarden Franken.

Alle diskutierten Reformvorschläge hätten potenzielle Auswirkungen auf die Steuererträge des Staates. Durch die Einführung einer Nachzahlmöglichkeit würden mehr Gelder in die Säule 3a fliessen. Weil diese einbezahlten Beträge vollständig vom steuerbaren Einkommen abgezogen werden dürfen, würde dies entsprechend zu Steuerausfällen führen. Zumindest ein Teil dieser Einbussen würde aber durch die höheren Steuereinnahmen beim Kapitalbezug ausgeglichen. Für Vorsorgeexperten könnte die angedachte Reform der dritten Säule trotz den fiskalischen Einbussen sinnvoll sein. Ihre Argumentation: Stärkere Anreize, nebst dem Zwangssparen in der ersten und zweiten Säule die private Vorsorge auszubauen, dürften sich positiv auf die finanzielle Situation im Alter auswirken.

Die veränderte Arbeitswelt stellt das jetzige Vorsorgesystem ohnehin auf die Probe. Teilzeitarbeit und andere flexible Arbeitsformen sind im digitalen Zeitalter immer häufiger anzutreffen. Zudem hat die private Vorsorge speziell bei Personen unter 40 Jahren oft einen geringen Stellenwert. Rückwirkende Beitragszahlungen in die Säule 3a würden für einen gewissen Ausgleich sorgen. Notwendig sind aber auch Informationen zur Vorsorgeplanung über den gesamten Lebenszyklus ebenso wie minimale Finanzkenntnisse. Banken und Versicherungen versuchen mit innovativen Produkten den Kundenkreis auszuweiten. Gleichzeitig kommen neue Anbieter etwa mit Smartphone-Apps dazu.

Dieser Beitrag erschien zuerst in der «Schweizer Versicherung» unter dem Titel «Viel Spielraum in der dritten Säule».