Welche Versicherungen sind wirklich sinnvoll?

Sind Sie überversichert? Die Wahrscheinlichkeit ist relativ hoch. Leistungen vergleichen und Doppelspurigkeiten beseitigen spart Geld. cash gibt einen Überblick, wie sinnvoll welche Absicherungen tatsächlich sind.
24.07.2016 23:05
Von Marc Forster
Ein Rückführungsflug in einem Ambulanzjet der Rega ist teuer.
Ein Rückführungsflug in einem Ambulanzjet der Rega ist teuer.
Bild: youtube

Die Schweizer sind überversichert – man steht sogar im Ruf, das am umfangreichsten versicherte Land der Welt zu sein. Aus Vorsichtsdenken oder in blindem Vertrauen auf den Versicherungsvertreter werden viele Aspekte des Lebens versichert, aber das bringt die Gefahr mit sich, dass wegen unsinnigen Policen oder Doppelspurigkeiten zuviel Geld ausgegeben wird. Wann ist weniger mehr, wann nicht? Die Prämienfalle droht - für eine Durchschnitts-Familie ein wichtiger Budget-Faktor.

Die Krankenkassen-Grundversicherung und die grundlegende Motorfahrzeugversicherung sind obligatorisch, in den meisten Kantonen auch die Gebäudeversicherung. Durch den Arbeitgeber ist man als Angestellter in der Regel gegen Unfall versichert. Invalidität und Todesfall sind in der beruflichen Vorsorge enthalten. Ausnahmen gibt es bei gewissen Teilzeitpensen.

Das Leben wartet aber noch mit vielen anderen Risiken auf. Die meisten grundlegenden Versicherungen lassen sich mit Zusatzversicherungen erweitern. Versicherungen müssen zur Lebenssituation passen: Alter, Einkommen, Familienstand und Anzahl Kinder sind wesentliche Faktoren. Vergleiche sind auf Portalen wie Comparis oder Moneyland möglich, zudem bietet der Versicherungsverband SVV viele Informationen. Zur Orientierung nun ein Überblick von cash:

Zusatzversicherungen bei der Krankenkasse: Bei Zusatzversicherungen muss man sich genau überlegen, welche man braucht und welche nicht. Das Problem ist, dass sie häufig im Paket angeboten werden, daher das Risiko von Doppelspurigkeiten. Leider ist es so, dass Krankenkassen-Zusatzversicherungen im Detail angesehen werden müssen, was kompliziert und zeitaufwendig ist. Man kann aber gerade dort wirklich Geld sparen. Sinnvoll? Je nach dem.

Aufgepasst: Im Gegensatz zur Grundversicherung muss eine Krankenkasse einen Kunden nicht annehmen. Vor allem ältere Versicherte können ohne Grund abgelehnt werden. Zudem: Auch bei Zusatzversicherungen können die Prämien steigen.

Krankenkasse im Ausland: Je nach Reiseziel ist man genügend abgesichert oder auch nicht. In Ländern wie den USA ist eine ärztliche Behandlung viel teurer als in der Schweiz, deswegen muss man dort unter Umständen eine Zusatzversicherung abschliessen. Wer im Ausland einen gewissen Standard im Spital wünscht, braucht entweder eine entsprechende Privatversicherung oder auch eine Zusatzversicherung von der Krankenkasse. Sinnvoll? Bei bestimmten Ländern ja.

Reiseversicherungen: Die wichtigsten Reiseversicherungen sind Annullierungs- und Assistance-Versicherungen etwa für medizinische Notfälle. Wer viel reist, kann auch eine Jahres- oder Mehrjahres-Reiseversicherung abschliessen. Ansonsten können sie individuell abgeschlossen werden. Sinnvoll? Je nach dem.

Aufgepasst: Gerade die Reiseversicherung ist ein typisches Beispiel für mögliche Doppelspurigkeiten. Krankheit, Unfall und Rückführung in die Schweiz sind eventuell schon in der Krankenkasse oder Zusatzversicherung enthalten, Annullierung der Reise oder abhanden gekommenes Reisegepäck sind allenfalls bei der Buchung möglich.

Privathaftpflichtversicherung: Beschädigungen am Besitz anderer Leute können schnell passieren. Wer einen Unfall verursacht, muss für Kosten aufkommen, die einer geschädigten Person entstehen. Ist man schuld daran, dass ein anderer Mensch als Folge des Unfalls behindert ist, kann das Millionen kosten. Die Privathaftpflicht ist nicht obligatorisch, aber sie wird dringend empfohlen. Sinnvoll? Ja.

Aufgepasst: Kinder sind in der Regel in der Haftpflicht ihrer Eltern eingeschlossen. Im Erwachsenenalter kann sich das ändern, daher muss der Versicherungsschutz für junge Erwachsene geprüft werden.

Hausratsversicherung: Zur Hausratversicherung wird geraten, sie ist aber nicht obligatorisch. Wer sehr einfach lebt, braucht unter Umständen keine. Die Überlegung ist, ob man seine Besitztümer, würden sie beispielsweise durch einen Brand oder Wasserschaden zerstört, wieder aus eigenen Mitteln ersetzen kann. Sinnvoll wird eine Hausratsversicherung dann, wenn man teurere Möbel oder andere Gegenstände anschafft, die zu ersetzen finanziell schmerzhaft wäre. Sinnvoll? Meistens ja.

Aufgepasst: Die Hausratsversicherung kann angepasst werden, wenn sich mehr Besitz anhäuft. Paare, die zusammenziehen, können eine der beiden Hausratsversicherungen künden. Bei späterer Änderung der Lebenssituation kann sie auch reduziert oder gekündigt werden.

Gebäudeversicherung: Für Besitzer von Wohneigentum ist eine Gebäude- oder auch eine Gebäudewasserversicherung wichtig. In vielen Kantonen ist sie vorgeschrieben. Es sollte aber immer abgeklärt werden, ob sich solche Versicherungen in gewissen Punkten nicht mit einer Haftpflicht- oder einer Hausratsversicherung überschneiden. Sinnvoll? Ja, wenn nicht sowieso vorgeschrieben.

Aufgepasst: Abwägungssache ist, ob man auch eine Glasbruchversicherung und andere gesonderte Versicherungen (Erdbeben, Einbruch) abschliessen will. Solche Absicherungen können auch Teil der Hausratsversicherung sein, wenn man das Eigentum selbst bewohnt. Übrigens: Mieter können sich bezüglich Beschädigungen an der Wohnung mit der Privathaftpflichtversicherung schützen.

Rechtsschutz: Anwalts- und Gerichtskosten werden schnell hoch, vor allen, wenn man einen Prozess verliert. Die häufigsten Rechtsstreitigkeiten von Privatpersonen finden im Miet- und Arbeitsrecht statt. Rechtsschutz ist sinnvoll, wenn man entweder eine von Natur aus streitsüchtige Person ist, oder verstärkt bei bestimmten Berufsgruppen. Ärzte, Steuerberater, Architekten aber auch Selbständige sowie freiberuflich und künstlerisch Tätige sollten sich Rechtsschutz überlegen, auch Eigentümer von Immobilien und Vermieter. Sinnvoll? Je nach Beruf.

Aufgepasst: Wer in einer Gewerkschaft oder Berufs- bzw. Arbeitnehmersorganisation Mitglied ist, hat oft in arbeitsrechtlichen Belangen Rechtsschutz.

Auto-  und Motorradversicherung: Motorfahrzeugversicherungen sind obligatorisch und auch relativ teuer. Eine Haftpflicht ist eingeschlossen, aber nur für Schäden an anderen Personen oder Fahrzeugen. Schäden am eigenen Auto gehören nicht dazu.

Die freiwillige Teilkasko-Versicherung deckt zahlreiche Risiken von Fremdschäden ab, die in der normalen Motorfahrzeug-Versicherung nicht enthalten sind: Diebstahl, Schäden durch Naturereignisse, Vandalismus oder kaputtes Glas. Beim Totalschaden wird der Restwert eines Autos ersetzt. Eine weitere Stufe ist die Kollisionskaskoversicherung, die selbst verursachte Schäden am Fahrzeug absichert. Die Kombination von Teilkasko- und Kollisionskaskoverischerung wird als Vollkasko bezeichnet, lohnt sich allenfalls bei neuen Autos und Motorrädern und ist bei Leasing-Fahrzeugen obligatorisch. Sinnvoll? Muss individuell eingeschätzt werden.

Aufgepasst: Wer sich als Strassenrowdy in Verruf bringt oder unter Alkohol Unfälle baut, dem können von der Versicherung Leistungen gekürzt oder verweigert werden.

Und: Angehörige können als häufiger Lenker in die Versicherung aufgenommen werden. Führen von fremden Fahrzeugen ist nur dann sinnvoll, wenn dies nicht schon durch die Privathaftpflicht abgedeckt ist. Bei Mietwagen und Car-Sharing-Autos greift diese Versicherung nicht, dort ist man separat durch den Mietvertrag oder den Mitgliederbeitrag versichert, natürlich mit Selbstbehalt.

Zudem: Die Insassen-Unfallversicherung ist für Mitreisende gedacht. Entsprechende Leistungen sind aber durch die Krankenkasse und die Unfallversicherungen der Mitreisenden häufig schon abgedeckt.

Lebensversicherung: Der Sinn und Zweck von Lebensversicherungen als Vorsorgeprodukt ist mittlerweile umstritten. Sie erfordert periodische Einzahlungen über lange Laufzeiten und kann in aller Regel nur mit Verlusten gekündigt werden. Vorsorgeexperten raten häufig zu anderen, flexibleren Produkten wie Säule 3a oder Fondssparen. Der Lebensversicherung kann aber immer noch zugutegehalten werden, dass sie zum Sparen zwingt. Je nach Mentalität des Versicherten kann dies ein Vorteil sein. Sinnvoll? Eher nicht.

Risikoversicherung: Wem die Leistungen der Risikoversicherungen der beruflichen Vorsorge - Invalidität und Todesfall - in der beruflichen Vorsorge nicht ausreichen, kann dort zusätzliche Versicherungen abschliessen. Familien können auch die entsprechenden Risiken bei Kindern versichern. Dies sind heikle und emotionale Themen, die je nach Familienstruktur beurteilt werden müssen. In einer Familie etwa, wo nur die Mutter oder der Vater ein Einkommen hat, sind Risiko-Lebensversicherungen zugunsten der Hinterbliebenen unter Umständen wichtig. Sinnvoll? Individuell entscheiden.

Versicherungen für Haustiere: Auch für Haustiere gibt es Kranken-, Unfall- und Todesfallversicherungen. Bei typischen Haustieren wie Katzen und Hunden sind diese häufig recht teuer, aber nicht unbedingt notwendig, wenn man einen "Notbatzen" für Tierarztbesuche oder Operationen beiseite legt. Anders verhält es sich etwa bei Pferden, bei denen medizinische Fälle teuer sind. Sinnvoll? Mit Ausnahmen: Nein.

Aufgepasst: Eine Überlegung wert ist auch für Hunde- und Katzenbesitzer die Tierhaftpflichtversicherung.