"Dass die Märkte gestern zugelegt haben, war ein paar eingefleischten Optimisten zuzuschreiben, die dachten, die Kurse seien tief genug gefallen," kommentiert ein Händler die Stabilisierungsansätze der vergangenen zwei Handelstage. Dabei sei die Intervention der Bank of England als ein Zeichen gesehen worden, dass sich die Notenbanken der Belastung durch ihren Zinserhöhungskurs bewusst seien. Dass es nun mit geradezu verstärktem Tempo wieder abwärts gehe, könne auch so gedeutet werden, dass die Anleger zunehmend das Vertrauen in die Fähigkeit der Zentralbanken verlieren.
Der SMI verliert gegen 10.55 Uhr 1,55 Prozent auf 10'062,64 Punkte. Damit rückt auch die psychologisch wichtige Marke von 10'000 Punkten wieder etwas näher. Charttechniker warnen, dass die Abwärtsbewegung nochmals Schwung erhalten könnte, sollte sie unterschritten werden.
Der SLI, in dem die 30 wichtigsten Aktien enthalten sind, fällt um 1,83 Prozent auf 1503,82 Punkte und der breite SPI um 1,46 Prozent auf 12'906,90 Stellen. Im SLI geben alle 30 Titel nach.
Dabei reicht die Spannweite von -0,5 Prozent bei Nestlé bis -5,3 Prozent bei den Aktien der CS. Damit haben sich die Bankaktien allerdings etwas von ihren bisherigen Tiefständen erholt. Laut Händlern bleibe das Sentiment den Titeln gegenüber angeschlagen. Die Spekulationen über eine Kapitalerhöhung halte er jedoch für unsinnig. "Auf diesem tiefen Niveau wäre ein solcher Schritt auch nicht im Interesse der Grossaktionäre", so der Börsianer.
Dass bei den Investoren erneut die Rezessions- und Inflationsängste hochkochen, zeigt sich auch bei den übrigen Verlierern. Gerade Wachstumswerte wie AMS Osram (-4,4%) leiden unter der Aussicht auf steigende Zinsen. Kühne+Nagel, Straumann oder auch Richemont, die allesamt mehr als 3 Prozent verlieren, dürften eine sich abkühlende Konjunktur zu spüren bekommen. Gerade bei Kühne+Nagel hatten zuletzt verschiedene Analysten auf die regelrecht eingebrochenen Frachtraten verwiesen, die das Geschäft belasten dürften.
Im Fall von Richemont und auch Swatch (-2,3%) hebt ein Börsianer hervor, dass europaweit konsumnahe Aktien in den Keller gestossen werden, nachdem die Modekette Next eine Gewinnwarnung ausgegeben und H&M mit Zahlen enttäuscht habe.
Investoren trennen sich im Finanzsektor nicht nur von den Aktien der CS. Weitere Branchenvertreter wie Julius Bär, Partners Group, UBS, oder auch Zurich fallen um bis zu 3,5 Prozent zurück. Schon zu Beginn der Woche hatten Marktteilnehmer betont, dass sich bei Finanzwerten derzeit eine etwas kurzfristigere Sicht auf die jüngsten Zinserhöhungen und deren Auswirkungen durchsetze. So hob die ZKB in Studie hervor, dass mit der Rückkehr der Zinsen in positives Terrain zunächst auch der Zinserfolg sinke.
Etwas besser als der Gesamtmarkt halten sich die Aktien von Schwergewicht Nestlé mit -0,5 Prozent. CEO Mark Schneider sagte während einer Konferenz, dass das Unternehmen die Preise weiter erhöhen müsse.
Lonza halten sich zusammen mit Alcon (beide -1,0%) ebenfalls etwas besser. Lonza hatten am Vortag gemeinsam mit Roche (-1,8%) zu den Favoriten gehört, nachdem die Firmen Eisai/Biogen einen Durchbruch in der Alzheimer-Forschung gemeldet hatten.
In der zweiten Reihe werden Santhera (-12%) nach Halbjahreszahlen durchgereicht. Auch die LM Group (-9,6%) und Bossard (-6,2%) sacken ab. Im Rahmen der laufenden Untersuchungen gegen die frühere Geschäftsleitung des Online-Reiseanbieters LM Group wird nun auch Interim-CEO Laura Amoretti verdächtigt.
Deutlich zulegen können dagegen Biotechwerte wie Kuros, Kinarus und der MedTech-Spezialist Medartis, die bis zu 11 Prozent hinzugewinnen.
hr/rw
(AWP)