Die Analysten erwarten einhellig, dass die Grossbank zum vierten Mal in Folge einen massiven Quartalsverlust ausweist. Im Schnitt gehen acht von der Nachrichtenagentur AWP befragte Anlaysten davon aus, dass die Bank mit 602 Millionen Franken im Minus stehen wird. Im dritten Quartal 2021 hatte die Credit Suisse noch 434 Millionen Franken verdient. Darüber dürfte der Ertrag von 5,437 Milliarden auf schätzungsweise knapp 3,8 Milliarden Franken eingebrochen sein. Die Ergebnisse der Analystenumfrage reichen allerdings weit auseinander, vor allem wegen der Erwartungen zum Verlust der Investment Bank.

Ein klar positiver Beitrag wird nur von der Schweizer Bankeinheit erwartet, während das Vermögensverwaltungsgeschäft und das Asset Management gemäss den Prognosen wohl nur in bescheidenem Mass zum Gesamtergebnis beisteuern werden.

Die CS-Aktien sind im laufenden Jahr mit einem Minus von rund 46 Prozent die schwächsten Aktien im Schweizer Leitindex SMI. Gerüchte in den sozialen Medien über einen drohenden Zusammenbruch der Bank hatten die Titel Anfang Oktober gar auf ein Allzeittief von 3,52 Franken abgesackt, sie haben von diesem Niveau aber wieder mehr als einen Franken gutgemacht. Ungünstig für die CS fällt der Vergleich mit der Kursentwicklung der direkten Konkurrentin UBS aus, deren Aktien gehören im Gesamtjahr mit einem Minus von nur 0,7 Prozent zu den stärksten SMI-Werten.

Bis zu 9 Milliarden Franken Kapitalbedarf

Nach den Grosspannen um den Hedgefonds Archegos und die Greensill-Fonds und nach mehreren Verlustquartalen will die Credit Suisse mit ihrer neuen Strategie zu einer "fokussierteren, agileren Gruppe" werden. Die Kostenbasis solle um mehr als eine Milliarde Franken verringert werden, kündigte die CS-Führung im Juli an. Die Vermögensverwaltung und das Schweizer Geschäft sollen gestärkt werden, die Investment Bank dagegen verkleinert.

In den vergangenen Monaten ist allerdings auch die Sorge um die Kapitalisierung der Finanzgruppe immer stärker angestiegen - dies angesichts der absehbaren hohen Restrukturierungskosten und chronisch roter Geschäftsergebnisse. Diverse Analysten kamen in Studien auf einen Kapitalbedarf der CS in den kommenden Jahren zwischen 4 Milliarden und 9 Milliarden Franken. Die CS-Führung dürfte zwar die benötigten Mittel wenn möglich über Verkäufe von Geschäften und von Beteiligungen generieren wollen - eine Kapitalerhöhung will sie angesichts des sehr tiefen Aktienkurses wohl soweit möglich vermeiden. Dennoch schliessen viele Analysten die Aufnahme von Kapital entweder bereits unmittelbar oder im Verlauf der kommenden Monate nicht aus.

Einen deutlichen Schnitt erwarten die Analysten für die Investment Bank (IB) der CS, die als volatil und im Konkurrenzvergleich ertragsschwach gilt. Sie hatte der CS 2021 beim Archegos-Kollaps einen Verlust von 5 Milliarden Franken eingebrockt. Bereits von der CS-Führung angekündigt worden ist ein teilweiser oder auch vollständiger Verkauf des IB-Bereichs "Securitized Products" (SPG). Laut den Goldman Sachs-Analysten könnte die CS bei einem Vollverkauf des Geschäfts 1,5 bis 1,8 Milliarden Franken lösen.

Geschäft soll weniger Kapital binden

Spekuliert wird auch über das Abstossen weiterer IB-Teilbereiche, darunter des kapitalintensiven "Leveraged Finance"-Geschäfts, das im laufenden Jahr der CS bereits hohe Verluste beschert hat. Laut Bloomberg könnte die CS ihr "Leveraged Finance"-Geschäft mit Teilen des Beratungsgeschäfts in eine Art "Investmentbank-Boutique" entlassen. Auch ein Name stünde mit einer wiederbelebten Marke "First Boston" bereit. Analysten mutmassen zudem über die Schaffung respektive Wiederbelebung einer "Bad Bank", in eine solche Abwicklungseinheit könnte die Credit Suisse etwa verlustbringende IB-Geschäfte auslagern.

Daneben brodelt seit Wochen die Gerüchteküche um mögliche Verkäufe von Geschäften und Anteilen, die der Stärkung der Kapitaldecke dienen können. Bestätigt hat die CS den Verkauf des Zürcher Luxushotels Savoy, zudem hat sie ihre Anteile an der Fondsplattform Allfunds für knapp 330 Millionen Franken verkauft ebenso wie den Anteil an der Beteiligungsgesellschaft "Energy Infrastructure Partners". "Versilbert" werden könnte laut Mediengerüchten etwa noch die CS-Konsumkreditbank "Bank Now" oder das mit American Express betriebene Kreditkartengeschäft Swisscard.

Schweizer Geschäft im Zentrum

Die angestrebten Kostensenkungen dürften auch die weiteren Geschäftsbereiche der Grossbank treffen. In den Medien war entsprechend bereits über einen umfangreichen Abbau von Arbeitsplätzen spekuliert worden. Erneute Effizienzprogramme mit Stellenstreichungen und weiteren Filialschliessungen könnten dabei auch auf die Schweizer Bank zukommen, allerdings gilt diese als "Ertragsperle" der Gruppe. Im Vermögensverwaltungsgeschäft könnte sich die CS auch noch aus weiteren Ländern zurückziehen - Medien berichteten etwa über einen möglichen Verkauf des Lateinamerika-Geschäfts ohne Brasilien. Auch über den Verkauf von Teilen oder des gesamten Asset Management-Geschäfts wird immer wieder spekuliert.

Dass trotz der Verkäufe eine Kapitalerhöhung und damit eine Verwässerung der Anteile der Aktionäre weiterhin nicht vom Tisch ist, darauf deutet auch der gedrückte Aktienkurs hin. So wurde in Medien mehrfach über Gespräche der CS mit Investoren und Investmentbanken berichtet - zuletzt war auch die Ausgabe einer Wandelanleihe ins Spiel gebracht worden. Die Analysten von HSBC erinnern zudem daran, dass die Grossbank ohne an die Aktionäre zu gelangen noch 425 Millionen Titel an genehmigtem Kapital ausgeben könnte.

(AWP)