Ab dem nächsten Dienstag, 7. Juni, werden nach Angaben der Migros die eingegangenen Stimmkarten ausgezählt und von einer Revisionsstelle geprüft und bestätigt. Der "orange Riese" wird das Resultat des Votums dann Mitte Juni bekannt geben.

Die Migros ist in insgesamt zehn regionale Genossenschaften organisiert, darunter etwa Zürich, Ostschweiz, Basel oder Aare. Da in allen einzeln abgestimmt wird, kann es dazu kommen, dass einige Alkohol in ihr Sortiment aufnehmen und andere nicht.

Wo sich weniger als zwei Drittel für den Alkoholverkauf aussprechen, bleibt alles beim alten. Wo sich aber mehr als zwei Drittel der Stimmenden für den Alkoholverkauf aussprechen, treten die angepassten Statuten per 1. Juli 2022 in Kraft. Im entsprechenden Grundsatz soll der Alkoholpassus gestrichen werden; die Migros würde neu nur noch auf den Verkauf von Tabakwaren verzichten. Mit einem Verkaufsbeginn von Bier, Wein und Spirituosen rechnet der Grossverteiler ab nächstem Jahr.

Alkoholverbot seit 1928

Das Alkoholverbot bei der 1925 gegründeten Migros gilt seit 1928. Migros-Gründer Gottlieb Duttweiler erliess es zum Schutz der Volksgesundheit und gegen "den allmächtigen Alkoholkapitalismus". Die "verheerenden Schnapsgewohnheiten" würden die Leute in die Armut stürzen. Tatsächlich war in dieser Zeit der Alkoholismus in der Schweiz weit verbreitet.

Noch Duttweiler selbst liess 1948 eine Abstimmung über das Alkoholverbot durchführen. Die Genossenschafterinnen und Genossenschafter stützten es mit 52,4 Prozent.

Drei Stimmfreigaben

Seit 1983 ist das Verbot auch in den Statuten der regionalen Genossenschaften verankert - mit Ausnahme Genfs. Den zehn Migros-Geschäftsleitungen oder Verwaltungen sind in den Regionen Genossenschaftsräte zugeordnet. Sie zeigen ein geteiltes Bild. Gegen die Abschaffung des Verbots ist allerdings keiner.

Wie einer von der Migros aufgeschalteten Übersicht zu entnehmen ist, beschlossen die Genossenschaftsräte der Regionen Genf, Neuenburg-Freiburg und Aare Stimmfreigabe. Mit knapp 540'000 Genossenschaftern ist die Aare die grösste Migros-Region.

Migros-Führung für Alkohol

Die Delegierten des Genossenschafts-Bundes stellten sich bereits mit einer Zwei-Drittels-Mehrheit hinter den Alkoholverkauf. Die MGB-Leitung begründet die Abkehr vom Verbot mit der veränderten sozialen Situation und geänderten Konsumgewohnheiten.

Kauften die Kunden bei einem Grossverteiler Alkohol, würden sie dort gleich auch Lebensmittel mitnehmen, lautet die Argumentationslinie. Der Migros entgehe so ein nicht unbedeutender Teil des Warenkorbs.

Im gnadenlosen Konkurrenzkampf des Detailhandels sehen die Alkoholbefürworter die Migros damit einem wesentlichen Wettbewerbsnachteil ausgesetzt. Der Migros sitzen Coop, Lidl, Aldi und der Online-Handel im Nacken.

Der Alkoholverkauf in Migros-Tochtergesellschaften wie Denner oder Migrolino ist von der Abstimmung nicht betroffen.

jb/

(AWP)