Anleger werden zu Aktien gezwungen

Der cash Insider beantwortet wichtige Fragen im Vorfeld des morgigen Entscheids der Europäischen Zentralbank und möglichen Interventionen seitens der Schweizerischen Nationalbank.
02.12.2015 14:30
cash Insider
Anleger werden zu Aktien gezwungen

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In etwas mehr als 24 Stunden werden Vertreter der Europäischen Zentralbank (EZB) zum letzten Mal in diesem Jahr vor die Medien treten. Schon seit Wochen werden die Märkte auf zusätzliche Massnahmen gegen den Preisdruck eingeschworen. Fakt ist: Auf Worte dürften einmal mehr auch Taten folgen.

Wie weit wird die EZB bei der Bekämpfung des Preisdrucks gehen?
Die Erwartungen gehen diesbezüglich weit auseinander. Während die einen Experten bloss mit einem Ausbau des negativen Einlagezinses für Geschäftsbanken von 0,2 auf 0,4 Prozent rechnen, gehen die anderen zudem von einem Ausbau der Wertpapierkäufe aus.

Wie könnte ein solcher Ausbau aussehen?
Schon heute erwirbt die EZB Monat für Monat verbriefte Forderungen und Staatsanleihen im Wert von 60 Milliarden Euro. Gut möglich, dass das Programm um mehrere Monate verlängert und damit dessen Umfang erweitert wird. In den letzten Wochen wurde mehrfach gefordert, die Wertpapierkäufe auf Anleihen von Städten und Kommunen auszuweiten. Entscheiden sich die Währungshüter für einen solchen Ausbau, könnten in Zukunft monatlich sogar bis zu 80 Milliarden Euro in die Märkte fliessen. Das eine tun und das andere nicht lassen, so könnte das Motto lauten.

Wird die EZB die Wertpapierkäufe auf Aktien ausweiten?
Auch die Möglichkeit eines solchen Ausbaus nach japanischem Vorbild wird in Expertenkreisen rege diskutiert. Die Idee dahinter: Durch steigende Aktienkurse steigt der Wohlstand und es wird mehr konsumiert. Zumindest in China ist man mit dem Versuch, den heimischen Aktienmarkt künstlich aufzublähen, jedoch kläglich gescheitert. Das dürfte die EZB und ihre Entscheidungsträger fürs Erste von einem solchen Experiment abhalten.

Was nehmen die Märkte mittlerweilen vorweg?
Nach den deutlichen Worten von EZB-Präsident Mario Draghi gerieten die Zinsen in den letzten Wochen noch einmal kräftig ins Rutschen. Schon heute weisen deutsche Bundesanleihen mit einer Laufzeit von bis zu 5 Jahren eine negative Rendite auf, in der Schweiz jene der Eidgenossenschaft sogar mit einer Laufzeit von bis zu 12 Jahren. Dasselbe gilt für italienische und spanische Staatsanleihen mit einer Laufzeit von bis zu 2 Jahren. Auch die Aktienmärkte kamen in den Genuss einer deutlichen Belebung. Mit anderen Worten: Man geht davon aus, dass bei der EZB am (morgigen) Donnerstag mit der grossen Kelle angerichtet wird.

Bringen die Interventionen den gewünschten Erfolg?
Dass die EZB monatlich 60 Milliarden Euro in die Märkte pumpt, scheint den Akteuren nicht mehr länger zu reichen. Ein guter Gradmesser sind die Aktienkurse. Schon vor der Aufnahme der Wertpapierkäufe von Anfang März stieg der breit gefasste Stoxx Europe 600 Index innerhalb weniger Wochen um knapp 20 Prozent. Allerdings gingen diese Kursavancen bis in den Spätsommer hinein wieder verloren. In dieser Zeit machte auch der zuvor schwache Euro wieder Boden gut. Seit der Androhung neuer geldpolitischer Interventionen zeigen die Aktienkurse wieder steil nach oben und der Euro steht unter Druck. Wie die japanische Zentralbank muss auch die EZB mit immer neuen Massnahmen nachlegen, macht sich an den Märkten doch ein Gewöhnungseffekt bemerkbar. Steht wirklich eine Schwächung des Euros im Vordergrund, wie einige Experten vermuten, dann waren die Worte von EZB-Präsident Mario Draghi zumindest schon mal erfolgreich.

Wie wird die Schweizerische Nationalbank (SNB) reagieren?
Die SNB hat ihre geldpolitische Lagebeurteilung für Donnerstag in einer Woche angesetzt, was rückblickend betrachtet etwas gar unglücklich ist. Denn wartet die EZB morgen mit einem Paukenschlag auf, sind unsere Währungshüter schon im Laufe des Nachmittags wieder gefordert. Der SNB bleibt fürs erste wohl nichts anderes übrig, als mit weiteren Offenmarktinterventionen, sprich Fremdwährungskäufen, zu reagieren. Reichen diese nicht aus, wird sie am Donnerstag in einer Woche mit einer Erhöhung der negativen Einlagezinsen nachlegen und wenn nötig auch gleich sämtliche Ausnahmeregelungen aufheben.

Drohen Kollateralschäden?
Die Zeche hätten dann vor allem die Sparer zu bezahlen. Systemrelevante Banken wären gezwungen, die Negativzinsen an die Privatkunden weiterzugeben. Das ist bislang nur bei Pensionskassen der Fall. Zu den systemrelevanten Banken zählen übrigens längst nicht mehr nur UBS und Credit Suisse. Auch die Zürcher Kantonalbank, die Raiffeisen Gruppe sowie Postfinance tragen heute diesen Status. Das verdeutlicht die Tragweite eines solchen geldpolitischen Entscheids. Schon heute werden private und institutionelle Anleger zu Aktien gezwungen. Wer nicht bereit ist, Risiken einzugehen, erhält die rote Karte gezeigt. Als Konsequenz davon halten plötzlich Anleger Aktien, die eigentlich weder die Risikobereitschaft noch die Risikofähigkeit dazu hätten. Und dass der Gläubiger den Schuldner sogar dafür bezahlen muss, damit dieser sein Geld nimmt, entbehrt jeglichem wirtschaftlichen Grundverständnis. Ursprünglich bestenfalls als kurzfristige Massnahme gedacht, werden uns die Negativzinsen wohl noch eine ganze Weile begleiten.

Ist wieder mit einem stärkeren Franken zu rechnen?
Obwohl der Euro schon seit Wochen wieder unter Druck steht, verhält er sich gegenüber dem Franken überraschend stabil. Das Währungspaar bleibt damit innerhalb der inoffiziellen Komfortzone, ist die Angst der Marktakteure vor einschneidenden Interventionen seitens der SNB doch allgegenwärtig. Erst am vergangenen Freitag liessen unsere Währungshüter kurzerhand ihre Muskeln spielen. Dieser "Schuss vor den Bug" reichte aus, um den Spekulanten den Wind aus den Segeln zu nehmen.

Welche Gefahren birgt die Politik des billigen Geldes?
Das Finanzsystem mit billigem Geld zu fluten, bleibt blosse Symptombekämpfung. Die Politik gewinnt zwar Zeit. Die strukturellen Probleme lösen sich dadurch aber nicht von selber. Ganz im Gegenteil: Den hochverschuldeten Staaten kommt immer öfter der Sparwille abhanden. Jüngstes Beispiel ist Portugal. Der frühere "Musterschüler" gab an, nicht mehr länger auf die Schuldenbremse treten zu wollen. Andere europäische Länder könnten diesem Beispiel folgen und überfällige Strukturreformen auf die lange Bank schieben. Weshalb sollte man auch sparen, wenn man sich quasi zum Nulltarif verschulden kann?

Dann spielt Europa also mit dem Feuer?
Indem die EZB die Staatsschulden mit der Notenpresse bedient, macht sie das im übertragenen Sinn. Im Fachjargon spricht man gerne auch von der "Monetarisierung der Staatsschulden". Das geht solange gut, wie der Bürger auf der Strasse den Glauben an die Werthaltigkeit des Papiergelds behält. Mittels saisonal bereinigter Konsumentenpreisindizes wird ihm eine heile Welt vorgegaukelt. Die Realität sieht allerdings anders aus. Es dürfte kein Zufall sein, dass ausufernde Komponenten der Lebenshaltungskosten wie Mieten oder Gesundheitskosten gar nicht erst in die Indizes Einzug finden. Sollte der Glaube an die Werthaltigkeit des Papiergeldes eines Tages verlorengehen, droht Hyperinflation. Die EZB und andere Zentralbanken kämen dann schlichtweg nicht mehr darum herum, geldpolitisch Gegensteuer zu geben. Aber vielleicht will man die rekordhohen Staatsschulden in Europa ja auch einfach nur elegant "weginflationieren".

 

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