Nach jüngstem Höhenflug - Verkommt Gold zum Spielball der Spekulanten?

Die Gold-Unze erklimmt fast täglich neue Rekorde. Nun melden sich zwei bekannte Rohstoffstrategen zu Wort. Ihres Erachtens eignet sich das Edelmetall nicht länger als «sicherer Hafen». Der cash Insider erklärt weshalb.
10.08.2020 12:30
cash Insider
Verkommt Gold zum Spielball der Spekulanten?
Bild: © kasto/fotolia.com

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Sechs lange Monate brauchte die Feinunze Gold, um von 1600 auf 1800 Dollar zu steigen – aber keine drei Wochen, um in der Spitze auf 2073 Dollar weiterzuziehen. Das bestätigt einmal mehr: Auch an den Finanzmärkten kommt der Appetit meist erst beim Essen.

Seit Jahresbeginn errechnet sich - in Dollar betrachtet - ein geradezu beeindruckendes Plus von 36 Prozent. Aus Sicht eines Schweizer Anlegers fällt die Ausbeute etwas weniger üppig aus. Doch auch er verdiente seit Jahresbeginn knapp 28 Prozent. Die Differenz ist übrigens der Dollarschwäche zuzuschreiben.

Angesichts des Höhenflugs der letzten drei Wochen ist selbst eingefleischten Rohstoffstrategen nicht mehr ganz wohl bei der Sache. Mit Carsten Menke von Julius Bär und seiner Berufskollegin Joni Teves von der UBS melden sich gleich zwei bekannte Vertreter dieser Berufsgruppe zu Wort.

Carsten Menke erklärt sich den starken gestiegenen Goldpreis mit der Angst der Anleger vor den Folgen der ungebändigten "Politik des billigen Geldes" – etwa vor ausufernden Teuerungsraten oder einem Zerfall des Dollars. Da der Rohstoffstratege weder vom einen, noch vom anderen überzeugt ist, liegt das momentane Preisniveau seines Erachtens am ganz oberen Ende von dessen, was sich fundamental überhaupt noch vertreten lässt. Menke schliesst zwar nicht aus, dass der Höhenflug weiter anhält. Dennoch überlässt er das Feld lieber den Spekulanten und sieht im Gold nicht mehr länger ein "sicherer Hafen". Und um dieser Meinung den nötigen Nachdruck zu verleihen, wiederholt der Edelmetallstratege seine bisherige 3-Monats-Prognose von 1900 Dollar die Feinunze. Auf einen Horizont von 12 Monaten sieht er letztere sogar auf 1750 Dollar zurückfallen.

Preisentwicklung der Feinunze Gold seit Jahresbeginn in Dollar betrachtet (Quelle: www.cash.ch)

Die für die UBS tätige Joni Teves sieht nur wenige Ähnlichkeiten zwischen dem jüngsten Höhenflug und jenem von 2011. Anders als damals werde die Rekordjagd nicht von physischen Käufen aus China und Indien begleitet. In Tat und Wahrheit sei die physische Nachfrage sogar äusserst gering, so schreibt sie. Damit spielt auch Teves auf das spekulative Kaufinteresse nach dem Edelmetall an.

Langjährige Leserinnen und Leser meiner Kolumne wissen, dass ich in den vergangenen zwei Jahren immer mal wieder eine Lanze für Gold als Depotbeimischung brach. Erst im März schrieb ich:

Noch mache ich mir jedenfalls keine Sorgen, dass das Gold nicht länger als Krisen-Währung taugt. Ganz im Gegenteil: Ich will mir den Preis nicht ausmalen, den wir und unsere zukünftigen Generationen eines Tages für die überrissenen geld- und fiskalpolitischen Notfallübungen bezahlen werden müssen.

Damals wie heute setzen die führenden Notenbanken ihr höchstes und vermutlich einziges Gut aufs Spiel: Die Glaubwürdigkeit. In ihrem unermüdlichen Kampf gegen deflationäre Windmühlen – die es an der Entwicklung der effektiven Lebenshaltungskosten gemessen eigentlich gar nie gab – haben es die Notenbankverantwortlichen in den letzten Jahren völlig verschlafen, die Geldpolitik einer Normalisierung zu unterziehen. Das rächt sich nun, da wir uns inmitten der nächsten Krise befinden. Die Bilanzen der Notenbanken sind aufgebläht wie nie zuvor und die Zinsen befinden sich im Tief. Und auch die Politik hat ihre Hausaufgaben in den letzten Jahren nicht gemacht, wie ein Blick auf die rekordhohe und zuletzt noch einmal kräftig gestiegene Staatsverschuldung rund um den Globus verrät. Nicht auszudenken was wäre, ginge die Glaubwürdigkeit der (Geld-)Politik ganz verloren – geschweige denn der Glaube an die Werthaltigkeit des (Papier-)Geldes.

Meines Erachtens bleibt Gold aus Anlegersicht ein muss, wobei das Edelmetall mittlerweile auch mir ein bisschen gar "crowded" scheint – wie man dem im angelsächsischen Sprachgebrauch so schön sagt.

 

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