Schweizer Börse - Bei diesen Aktien liegen Banken ziemlich daneben

Der cash Insider verrät, bei welchen Schweizer Aktien die Analysten von Goldman Sachs, UBS & Co. mit ihren Empfehlungen so richtig daneben liegen.
07.05.2018 12:30
cash Insider
Bei diesen Aktien liegen Banken ziemlich daneben
Bild: fotolia.com

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Investmentbanken geniessen in der Öffentlichkeit keinen guten Ruf. Das haben sie sich grösstenteils selbst zuzuschreiben. Schliesslich kämpfen wir auch heute noch mit den Spätfolgen des Casinokapitalismus, welcher in die Finanzkrise mündete – aber nicht endete. Denn auch heute blüht das Geschäft mit verbrieften Ramschhypotheken oder minderwertigen Autokrediten wieder, als wäre nie etwas gewesen.

In den eigenen vier Wänden der Investmentbanken gibt es Berufsgruppen, die sich besonders argen Anfeindungen ausgesetzt sehen. Eine davon ist jene der Aktienanalysten.

Und es gibt immer wieder Vertreter dieser Berufsgruppe, die keine Gelegenheit auslassen, um diese Vorurteile gar zu schüren (siehe "Eine nicht ganz unumstrittene Kaufempfehlung für einen schlecht handelbaren Nebenwert" vom 20. Dezember und "Die UBS empfiehlt eine von ihr an die Börse gebrachte Aktie nicht mehr länger zum Kauf" vom 20. Februar).

Bei manchen Unternehmen liegt der eine oder andere Aktienanalyst auch gar kräftig daneben. Beispiele gibt es auch am Schweizer Aktienmarkt wie Sand am Meer.

Geradezu chronisch unterschätzt wird Straumann. Keine zwei Wochen ist es her, dass der Weltmarktführer unter den Dentalimplantateherstellern mit ziemlich überzeugenden Quartalsumsatzzahlen aufwartete. Trotz ambitioniert hoher Vergleichsbasis aus dem Vorjahr war es ihm möglich, den Umsatz aus eigener Kraft um gut 15 Prozent zu steigern. Mit anderen Worten: Das Unternehmen befindet sich in beneidenswerter Form.

Dennoch fielen die Reaktionen in angelsächsischen Analystenkreisen unterkühlt aus. David Adlington von der amerikanischen Investmentbank J.P. Morgan liess zwischen den Zeilen durchblicken, dass Straumann zuletzt vorwiegend in den Schwellenländern und damit in eher margenschwachen Weltregionen wuchs. Gleichzeitig bezeichnete der Medizinaltechnikanalyst die Aktien des Basler Dentalimplantateherstellers als teuer und bekräftigte deshalb die Mitte Juli 2016 ausgesprochene Verkaufsempfehlung. Mit 480 Franken liegt das Kursziel um fast 30 Prozent unter dem Schlussstand vom Freitag.

Ins selbe Horn bläst seine Berufskollegin Veronika Dubajova von Goldman Sachs. Sie rät ihrer Anlagekundschaft seit mehr als drei Jahren zum Verkauf der Aktien - zuletzt sogar nur mit einem Kursziel von 435 Franken.

Die Straumann-Aktien (rot) lassen den SPI (grün) seit Jahren weit hinter sich zurück (Quelle: www.cash.ch)

Ein Dorn im Auge ist der Analystin insbesondere die hohe Bewertung. Auf bankeigene Schätzungen abgestützt, errechnet sich für das laufende Jahr ein Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) von knapp 39 sowie eine ziemlich bescheidene Free-Cash-Flow-Rendite von 2,2 Prozent.

Was Dubajova nicht schreibt: Wenn ein Unternehmen in zukünftiges Wachstum investiert, kann das schon mal auf die Free-Cash-Flow-Rendite drücken. So lange damit Aktionärswerte geschaffen werden, dürfte sich allerdings kaum jemand beschweren.

Goldman Sachs vertritt hierzulande nicht nur bei Straumann eine extreme Meinung. Die amerikanische Investmentbank empfiehlt auch die Aktien von Swisscom zum Verkauf - und das ohne Unterbruch seit Dezember 2015.

Mit 400 Franken lässt das Kursziel ein Rückschlagspotenzial von gut 15 Prozent erahnen. Dass der Telekommunikationskonzern aus Ittigen rund 30 Prozent höher als andere europäische Rivalen bewertet ist, hält Analyst Joshua Mills für nicht gerechtfertigt.

Goldman Sachs kann aber auch anders: Die amerikanische Investmentbank führt die Genussscheine von Roche seit Jahren auf der "Conviction Buy List". Zwar musste Analyst Keyur Parekh vom ursprünglichen 12-Monats-Kursziel von 385 Franken auf zuletzt 300 Franken zurückbuchstabieren.

Geld liess sich mit den Valoren des Basler Pharma- und Diagnostikkonzerns in dieser Zeit nicht verdienen. Ganz im Gegenteil: Erst vor wenigen Wochen fielen die Kurse für die Genussscheine auf den tiefsten Stand seit dem Frühsommer 2013. Die schiere Dominanz der Gründerfamilien Hoffmann-Oeri verhindert bei Roche längst überfällige Reformen (siehe "Es ist Zeit, dass Roche endlich kreativ wird" vom 5. Februar).

Unangenehme Fragen müssen sich hingegen die Analysten von UBS und Helvea bei Temenos gefallen lassen. Erst am Freitag erhöhte Michael Briest von der UBS das 12-Monats-Kursziel für die Aktien der erfolgreichen Genfer Bankensoftwareschmiede auf 84,50 (zuvor 82,50) Franken. Von der im Januar 2016 ausgesprochenen Verkaufsempfehlung will der Analyst partout nicht abweichen.

Dem wird der für Helvea tätige Knut Woller bestimmt nicht widersprechen. Auch er rät Anlegern seit einer gefühlten Ewigkeit zum Verkauf der Valoren. Mit 45 Franken liegt das Kursziel sage und schreibe 65 Prozent unter dem Schlussstand vom letzten Freitag.

Mit den Temenos-Aktien liess sich in den letzten 10 Jahren ziemlich viel Geld verdienen (Quelle: www.cash.ch)

Woller zufolge lassen Meilensteinzahlungen im Zusammenhang mit einem langjährigen Grossauftrag von Nordea die Geschäftsentwicklung besser dastehen, als sie in Wirklichkeit ist. Dasselbe gilt für die 2003 vollzogene Umstellung auf zehnjährige Softwarelizenzen. Er vermutet Zweifel der Firmenverantwortlichen an den längerfristigen organischen Wachstumsaussichten als die eigentliche Motivation hinter der ursprünglich geplanten Grossübernahme von Fidessa.

An dieser Stelle sei erwähnt, dass es sich bei den genannten Beispielen nur um eine kleine Auswahl unzähliger Beispiele handelt und sich die Analysten in guter Gesellschaft befinden.

Wer im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Steinen werfen - dessen bin ich mir sehr wohl bewusst. Denn auch ich muss mir den Vorwurf gefallen lassen, in der Vergangenheit die eine oder andere Aktie falsch eingeschätzt zu haben. Allerdings kommentiere ich das Schweizer Börsengeschehen nun schon seit bald 12 Jahren, und das tagtäglich...

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