SMI-Sorgenkind - Angst vor Milliardenstrafe: Analysten reagieren sehr unterschiedlich auf den Aktienkurszerfall bei Holcim

Während die einen Analysten die Kursverluste bei den Aktien von Holcim als übertrieben erachten, zieht einer nun überraschend die Reissleine. - Und: Spin-off-Fantasien erfassen die Aktien von Oerlikon.
07.09.2021 12:30
cash Insider
Angst vor Milliardenstrafe: Analysten reagieren sehr unterschiedlich auf den Aktienkurszerfall bei Holcim
Bild: © kasto/fotolia.com

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Am gestrigen Montag gerieten die Aktien von Holcim an der Börse unter die Räder. Bei Handelsende resultierte ein sattes Minus von fast 4 Prozent auf 49,98 Franken. Damit waren die Papiere des weltweit grössten Zementherstellers erstmals seit Februar wieder für weniger als 50 Franken zu haben. Losgetreten wurden die Abgaben von einem Artikel in der hiesigen Wochenendpresse rund um den Vorwurf der Terrorfinanzierung in Syrien und die möglichen Folgen.

Heute Dienstag nun setzt sich der Kurszerfall ungebremst fort, nachdem Oddo-Analyst Sven Edelfelt die Reissleine zieht und seine Anlageempfehlung von "Outperform" auf "Neutral" zurücknimmt. Das überrascht insofern, als dass sich selbst vom überarbeiteten Kursziel von 60 (zuvor 76) Franken noch ein Aufwärtspotenzial von gut 20 Prozent ableiten lässt.

Das Damoklesschwert, welches über Holcim schwebe, sei nicht länger ein französisches, sondern ein amerikanisches, wie Edelfelt festhält. Und selbst wenn er es nicht explizit schreibt, lässt der Analyst zumindest zwischen den Zeilen durchblicken, dass es für den Weltmarktführer teuer werden könnte.

Seit Tagen steht die Holcim-Aktie unter Druck (www.cash.ch)

Seine Berufskollegin Elodie Rall bei J.P. Morgan hält das Kursdebakel der letzten Tage hingegen für übertrieben – zumal sie der Wochenendpresse keine wirklichen Neuigkeiten entnehmen konnte. Sie rät denn auch weiterhin mit "Overweight" und einem Kursziel von 65 Franken zum Kauf der Aktien. Andere Analysten teilen diese Meinung.

Ich fragte mich schon Mitte Dezember 2017, ob Holcim wegen der unrühmlichen Rolle von Lafarge in Syrien ins Visier der Amerikaner geraten könnte und schrieb:

"Fait d'assumer son passé" steht im Französischen für "Vergangenheitsbewältigung". Dieser Begriff ist LafargeHolcim vermutlich nicht fremd, holt den Baustoffkonzern doch die jüngere Vergangenheit ein. Ehemaligen Kadermitarbeitern von Lafarge werden in Syrien ja schon eine ganze Weile Schutzgeldzahlungen an dortige Extremisten - namentlich an den Islamischen Staat - vorgeworfen.

...und...

LafargeHolcim muss damit rechnen, ins Visier der amerikanischen Justiz zu geraten. Immerhin erzielt der Weltmarktführer mehr als 10 Prozent des Jahresumsatzes in Nordamerika und verfügt dort über Vermögenswerte in Milliardenhöhe. Das wiederum macht das Unternehmen erpressbar. Die Amerikaner sind geradezu berüchtigt dafür, hohe Bussen auszusprechen. Insbesondere dann, wenn schwere Vorwürfe wie der Bruch eines Embargos oder der Terrorfinanzierung im Raum stehen. Kein einfaches Erbe, das der von Sika kommende Konzernchef Jan Jenisch da bei seinem neuen Arbeitgeber antritt.

Dass sich Holcim auf Anfrage der Nachrichtenagentur AWP nicht weiter zu dieser leidigen Angelegenheit äussern will und auf die Aussagen im Halbjahresbericht verweist, ist nicht gerade vertrauensfördernd. Das selbst im Wissen, dass einem Unternehmen, gegen das die amerikanische Justiz ermittelt, in Bezug auf eine offene und transparente Informationspolitik meist die Hände gebunden sind - lauern doch überall rechtliche Stolperfallen.

Am heutigen Dienstagnachmittag entscheidet sich vor einem französischen Gericht übrigens, ob der Vorwurf der Komplizenschaft wegen "Verbrechen gegen die Menschlichkeit" endgültig fallengelassen wird oder nicht.

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Die Aktien von Oerlikon verspüren seit Tagen Rückenwind – und das nicht ohne Grund. Angeblich will es das in der Oberflächenbehandlung tätige Unternehmen aus dem steuergünstigen Pfäffikon dem Schwesterunternehmen Sulzer gleichtun und sich im Zuge eines Spin-offs auf das eigentliche Kerngeschäft zurückbesinnen. Das zumindest berichtet ein beliebter deutscher Börsenbrief und traut den Aktien von Oerlikon mal eben Kurse von bis zu 16 Franken zu. Bei diesen Berechnungen stützen sich die Autoren – wenig überraschend - auf das Kursplus von 40 Prozent bei Sulzer seit Bekanntwerden des Börsengangs für Medmix von Ende September ab.

Seit sich der deutsche Gasproduzent Linde vor einigen Jahren mit der amerikanischen Praxair zu einem transatlantischen Riesen zusammengeschlossen hat, wird Oerlikon immer wieder ein Interesse am Oberflächenbehandlungsgeschäft von Praxair nachgesagt. Für Oerlikon käme eine solche Grossübernahme einem Quantensprung gleich. Bisher machten die Amerikaner allerdings keine Anstalten, sich von den besagten Geschäftsaktivitäten trennen zu wollen.

Von Abspaltungsfantasien erfasst, geht es für die Aktien von Oerlikon nach oben (Quelle: www.cash.ch)

Ich will kein Spielverderber sein. Aber anders als der deutsche Börsenbrief kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass sich Oerlikon ohne das eine vom anderen trennt. Ich lasse mich jedoch gerne eines Besseren belehren – zumal der Zeitpunkt für eine solche Grossübernahme nicht eben ungünstig wäre.

Auf die Gefahr hin mich zu wiederholen, wissen meine langjährigen Leserinnen und Leser, dass ich gerne die derivatseitigen Handelsaktivitäten als Gradmesser für solche Spekulationen herbeiziehe. Und da gab es in den letzten Tagen doch tatsächlich erste, wenn auch nur scheue Käufe in den Call-Warrants OETRDU und OETREU zu bestaunen.

Ich werde das weitere Handelsgeschehen in den nächsten Tagen deshalb mal etwas genauer als sonst im Auge behalten.

 

Der cash Insider nimmt Marktgerüchte sowie Strategie-, Branchen- oder Unternehmensstudien auf und interpretiert diese. Marktgerüchte werden bewusst nicht auf ihren Wahrheitsgehalt überprüft. Gerüchte, Spekulationen und alles, was Händler und Marktteilnehmer interessiert, sollen rasch an die Leser weitergegeben werden. Für die Richtigkeit der Inhalte wird keine Verantwortung übernommen. Die persönliche Meinung des cash Insiders muss sich nicht mit derjenigen der cash-Redaktion decken. Der cash Insider ist selber an der Börse aktiv. Nur so kann er die für diese Art von Nachrichten notwendige Marktnähe erreichen. Die geäusserten Meinungen stellen keine Kauf- oder Verkaufsempfehlungen an die Leserschaft dar.

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