Gerechtfertigt sind die Zweifel aber nicht. Bislang haben die Aktienmärkte in diesem Jahr immer neue Höchststände erreicht – trotz der Kriege im Nahen Osten und der Ukraine, schwankender Ölpreise und höherer Inflation. Was macht Aktien so erfolgreich? Im Grunde genommen liegt es ausschliesslich am rasanten Anstieg der Unternehmensgewinne.
Diese gute Nachricht ist vor allem dem Siegeszug der Künstlichen Intelligenz zu verdanken. Enorme Investitionen von Technologieunternehmen haben Umsätze und Gewinne von Firmen aus allen Sektoren steigen lassen. Aber das KI-Wachstum ist beileibe nicht alles. Die Banken profitieren von den gestiegenen Zinsen, der Gesundheitssektor von innovativen Therapien und die Energieunternehmen von höheren Rohölpreisen. Für die Zukunft lauten die Konsensschätzungen auf anhaltendes Unternehmensgewinnwachstum, vor allem in den Emerging Markets, wo man mit einem Plus von 49,2% bis Ende 2026 rechnet.
Stabiles Gewinnwachstum ist nicht nur ein US-Phänomen

„Aus meiner Sicht bestimmen künftig die hohen Unternehmensgewinne den Markt“, sagt Aktienportfoliomanager Rob Lovelace. „In den letzten drei Jahren sind sie gestiegen, und es sieht nicht so aus, als würde sich das ändern.“
Bis zum Ende des Jahres und darüber hinaus konzentrieren wir uns auf die drei folgenden Aktienmarktthemen.
1. Der Siegeszug von KI scheint sich ungebremst fortzusetzen
Im Rennen um die KI-Vorherrschaft planen fünf Hyperscaler (Amazon, Alphabet, Meta, Microsoft und Oracle) in diesem Jahr 650 Milliarden US-Dollar in Datenzentren zu investieren, so viel wie noch nie, und es scheint kein Ende in Sicht. Diese Investitionen kommen von einigen der rentabelsten Unternehmen aller Zeiten. Solange die Technologie Fortschritte mache, würden sie weiter investieren.
Tatsächlich könnten sich die Gesamtinvestitionen in KI-Infrastruktur und andere Bereiche mit KI-Bezug in den nächsten zehn Jahren auf 30 Billionen US-Dollar belaufen und damit Chinas Industrieboom der frühen 2000er-Jahre in den Schatten stellen, der von vielen als der grösste der modernen Geschichte betrachtet wird. Er hat den Welthandel, die Arbeitsmärkte und die Politik grundsätzlich verändert. KI könnte also erheblich mehr sein als die Blüte eines einzelnen Sektors.
In der ersten Jahreshälfte 2026 habe der Konflikt im Iran einen Schatten über die Märkte zu werfen geschienen. Jeoch scheine im KI-Sektor nach wie vor die Sonne. KI sei vermutlich die Technologie mit der grössten Wirkung seit einer Generation und der wichtigste Faktor für die Wirtschaft.
Alle diese Investitionen haben zu einer enorm hohen Nachfrage nach den Aktien von Herstellern fortschrittlicher Halbleiter wie NVIDIA und Broadcom, Halbleiterproduzenten wie der Taiwan Semiconductor Manufacturing Company (TSMC) und Netzwerkanbietern wie Cisco Systems geführt.
Angesichts der schnellen Technologiefortschritte und weil sich der Ausbau vermutlich über Jahre hinziehen wird, könnte sich der Schwerpunkt der Nachfrage immer wieder auf andere Hardwareanbieter verlagern. Deshalb sei eine sorgfältige Auswahl so wichtig.
2. Nicht nur in den USA gibt es „Magnificents“
Glauben Sie, die KI-Story findet nur in den USA statt? Denken Sie noch einmal nach.
So wie die Magnificent 7 die US-Märkte angeführt haben, gibt es auch in den Emerging Markets sieben Unternehmen, die massgeblich für die KI-Revolution sind und ihre Märkte dominieren. TSMC, Samsung Electronics und SK Hynix sind bekannte Namen, aber auch weniger bekannte wie MediaTek und Delta Electronics sind Marktführer. Nummer 6 und 7 sind Tencent und Alibaba, die in China aktiv sind und damit Zugang zu einem der grössten Märkte der Welt haben.
Wie in den USA stehen auch in den Emerging Markets sieben Unternehmen an der Spitze

Diese sieben Technologie- und Plattformunternehmen sind gemessen an der Marktkapitalisierung die grössten Komponenten des MSCI Emerging Markets Index. Zusammen haben sie 33% Anteil. Wir bei Capital Group nennen sie deshalb die „Emergent 7“. Sie haben in der Regel eine niedrigere Marktkapitalisierung und sind niedriger bewertet als viele ihrer US-Pendants – und lassen ein stärkeres Gewinnwachstum erwarten.
Investoren, die sich ausschliesslich auf US-Aktien konzentrieren, könnten diese Chancen zumindest zum Teil verpassen. Heute finden sich viele Unternehmen, die in ihrer Branche Weltmarktführer sind, ausserhalb der Vereinigten Staaten.
Aber die starke Rallye, die seit 2025 aufgrund der attraktiven Bewertungen, des schwachen Dollar und der hohen Unternehmensgewinne in den Emerging Markets wie auch in den Industrieländern ausserhalb der USA begonnen hat, setzt sich fort. Auch wenn US-Aktien aufgeholt haben, werden weiterhin Chancen in anderen Ländern gesehen, und es werden Branchenführer wie Airbus, ASML, AstraZeneca und Safran als Beispiele für Unternehmen mit Sitz ausserhalb der USA genannt.
3. Die Realwirtschaft macht sich bereit
KI mag der wichtigste Faktor an den Aktienmärkten sein – schliesslich ist die Marktkapitalisierung von NVIDIA allein höher als die von drei Sektoren des S&P 500 Index –, aber die Realwirtschaft zu ignorieren könnte ein Fehler sein.
NVIDIA ist grösser als drei Sektoren des S&P 500 Index

Grundsätzlich gilt, dass KI nicht ohne Realwirtschaft funktioniert. Die Nachfrage nach Stahl, Kupfer, Hochbauleistungen und Anlagen zur Stromerzeugung steigt im Zuge des Ausbaus von Datenzentren rasant. Beispielsweise ist der Umsatz der Bausparte von Caterpillar im 1. Quartal um enorme 38% gestiegen. Zudem berichtete das Unternehmen, dass ihm Aufträge für Stromerzeugungsausrüstung im Wert von 62,7 Milliarden US-Dollar vorlägen.
Anbieter von Basisprodukten und -leistungen für die Halbleiterlieferkette sowie Infrastrukturentwickler bieten aus unserer Sicht besonders eindeutige Chancen.
Andere sind interessant, weil KI ihnen wenig anhaben kann. Ein Beispiel sei Royal Caribbean. Man könne sich nicht vorstellen, dass KI Kreuzfahrtschiffe ersetzen könne. Ein anderes Beispiel ist der Flugzeugmotorenhersteller GE Aerospace, der Anfang des Jahres Aufträge für 190 Milliarden US-Dollar in seinen Büchern hatte, weil die Nachfrage nach Reisen und die Verteidigungsausgaben weltweit steigen.
Auch Investoren, die steigende Risiken fürchten, könnten in einige Unternehmen aus der Realwirtschaft anlegen wollen, die Dividenden zahlen und damit auch laufende Erträge bieten können. So erwirtschaften viele Arzneimittelhersteller recht hohe freie Cashflows, die es ihnen ermöglichen, über Dividenden Kapital an die Aktionäre zurückzugeben und zugleich ihre Pipelines mit gezielten Übernahmen zu stärken. Der Pharmakonzern AstraZeneca hat eine Reihe etablierter Onkologie-Produktlinien. Um weiter zu wachsen, hat er in die Entwicklung von Medikamenten gegen Herzkrankheiten, chronische Nierenerkrankungen und Stoffwechselstörungen investiert.
Fazit für Anleger
Natürlich gibt es jetzt, zu Beginn der zweiten Jahreshälfte, Risiken für Investoren. Nicht zuletzt sind das die steigenden Energiepreise, die hohe Inflation und die hohen Bewertungen in bestimmten Sektoren. Aber jedes Jahr hat seinen einzigartigen Mix aus Chancen und Risiken. Die Marktvolatilität direkt nach dem Beginn des Irankrieges Ende Februar hat uns einmal mehr daran erinnert, wie wichtig eine gute Diversifikation und Ausgewogenheit für jedes Portfolio und in allen Marktsituationen ist.
Rob Lovelace ist Aktienportfoliomanager und Chairman von Capital International, Inc. Er hat 40 Jahre Investmenterfahrung (Stand 31. Dezember 2025). Er hat einen Bachelor in Mineralökonomie von der Princeton University und ist CFA®.

