Europa erlebt gerade eine der grössten wirtschaftlichen Veränderungen der letzten Jahrzehnte. Wegen der schwierigen Weltlage, permanenter Sicherheitsrisiken und eines schärferen internationalen Wettbewerbs beginnt Europa, sein Wirtschaftsmodell neu auszurichten. Man verabschiedet sich von der restriktiven Haushaltspolitik und schaut stattdessen nach vorn. Investitionen, Erneuerung der Industrie und mehr wirtschaftliche Autarkie sind die Stichworte.
Im Mittelpunkt steht eine völlig neue Wirtschaftspolitik. Die Wende zur Expansion zeigt sich etwa in EU-Initiativen wie dem Clean Industrial Deal und einer flexibleren Fiskalpolitik. Über zehn Jahre hielten viele Mitgliedsstaaten an einer strengen Haushaltskonsolidierung fest. Jetzt fördert die Politik zunehmend Investitionen in Energiesicherheit, Kapazitätsausbau und Verteidigung. Angepasst wurde vor allem die Fiskalpolitik. Jetzt sind mehr strategisch wichtige Investitionen möglich, ohne ein Defizitverfahren zu riskieren. Mehrere Länder, vor allem Deutschland, planen mehr Ausgaben für Infrastruktur, Digitalisierung und saubere Technologien, um langfristig wettbewerbsfähiger zu werden.
Deutschlands Umdenken zeigt die neue Wirtschaftsstrategie besonders eindrucksvoll. Nach Jahren mit einer sehr konservativen Fiskalpolitik wurde jetzt ein fast 1 Billion Euro schweres Ausgabenprogramm beschlossen. Investiert werden soll in die Modernisierung des Schienenverkehrs, die Sanierung von Fernstrassen und die Digitalisierung wichtiger Branchen. Ergänzend sollen Unternehmen und Haushalte durch einen niedrigeren Körperschaftssteuersatz und Energiepreissenkungen entlastet werden. Hinzu kommen Anreize für private Kapitalgeber, sich am Umbau des Landes zu beteiligen. Zusammen werden diese Massnahmen wohl grosse Multiplikatoreffekte auslösen, sodass Deutschlands Wachstumspotenzial steigen dürfte. Davon kann der gesamte Kontinent profitieren.
Darüber hinaus macht überall in Europa auch die Konjunktur Fortschritte. Dank niedrigerer Zinsen, einem immer stabileren Arbeitsmarkt und einer leichten Erholung des Geschäftsklimas zieht das Wachstum allmählich an. Länder wie Spanien und Italien dürften mehr Geld aus dem EU-Wiederaufbaufonds erhalten. Zugleich ist ihren Haushaltsentwürfen für 2026 zu entnehmen, dass die Fiskalpolitik erstmals seit 2021 lockerer wird. Diese Wende von der Austerität zu Wachstumsprogrammen dürfte Europa erheblichen Auftrieb geben.
Auch das globale Umfeld ist wichtig. Europas neuer Ansatz ist eine Reaktion auf die höheren weltpolitischen Risiken und den internationalen Wettbewerb. Zölle und Handelskonflikte haben für Unsicherheit gesorgt. Die EU setzt daher auf Risikoabbau, um die Lieferketten robuster zu machen. Aber auch der europäische Binnenmarkt ist nicht zu unterschätzen. Als grösster Importeur der Welt ist die EU bei Handelsgesprächen in einer starken Position, zumal die Binnennachfrage wächst. Ausserdem ist der EU-Binnenhandel noch immer deutlich grösser als der Handel mit den USA oder China. Auch das kann externe Schocks abfedern.
Geringerer Güterhandel mit den USA als allgemein angenommen

Für Investoren hat die neue Politik Europas weitreichende Folgen.
- Von der Elektrifizierung, dem Ausbau des Stromnetzes und der Erholung der Industrie dürften Versorger und Netzbetreiber profitieren.
- Für Bau- und Maschinenbauunternehmen sind die anhaltenden Infrastrukturinvestitionen günstig, vor allem aufgrund der Modernisierung des Schienen- und Stromnetzes.
- Der Finanzsektor zeichnet sich durch gute Fundamentaldaten aus. Die Bilanzen sind solide, die Bewertungen attraktiv und die Nettozinsmargen hoch.
- Auch die Sektoren Sicherheit, saubere Technologie und Schwerindustrie dürften profitieren. Höhere Verteidigungsausgaben, Investitionen in Cybersicherheit und die Förderung von Wasserstoff, CO2-Abscheidung und energieeffizienten Technologien zeigen, was der Region jetzt besonders wichtig ist.
Alles in allem sind Europas Strukturreformen und Investmentprogramme eine strategische Wende und nicht nur ein kurzfristiger Konjunkturanschub. Trotz anhaltender Risiken wie der politischen Unsicherheit und Umsetzungsschwierigkeiten werden zurzeit die Grundlagen für ein viel robusteres und wettbewerbsfähigeres Europa geschaffen. Investoren mit einer mittleren und langen Perspektive bietet die Region immer vielfältigere Anlagechancen.
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Diese Investmentperspektive ist Teil einer umfassender Analyse des Einflusses der aktuellen globalen Verschiebungen – die wir die grosse globale Neuordnung nennen – auf die Investmentchancen.
Christophe Braun ist Investmentdirektor bei Capital Group mit Schwerpunkt Aktien. Er hat 16 Jahre Investmenterfahrung und ist seit 10 Jahren im Unternehmen. Er hat einen Master in Finanz- und Industrieökonomie vom Royal Holloway College, University of London, und ein Diplom in BWL und VWL von der Leopold Franzens Universität in Innsbruck. Braun arbeitet in Luxemburg.

