Kolumne

Börse - Leider habe ich recht bekommen mit dem Schwarzen Schwan

Meine Prognose von Dezember 2019 ist Tatsache geworden. Doch warum geben Banken jetzt Prognosen ab, wenn sie doch selber wissen, dass sie es nicht wissen?
31.03.2020 14:45
Von Claude Chatelain
Leider habe ich recht bekommen mit dem Schwarzen Schwan
Bild: Shane Wilkinson

 

Die Kolumne "Gopfried Stutz" erschien zuerst im 

Was können Anlegerinnen und Anleger von 2020 erwarten? Ich wiederhole hier, was ich Anfang Dezember 2019 dazu geschrieben habe: 

- Eine Rezession ist unwahrscheinlich (Credit Suisse)
- Keine Rezession in Sicht (ZKB)
- Eine Rezession liesse sich vermeiden, die Risiken sind aber deutlich gestiegen (Aberdeen Standard Investment)
- Die US-Wirtschaft schrammt 2020 an einer Rezession vorbei (St. Galler KB)
- Die Weltwirtschaft dürfte 2020 leicht stärker wachsen (Goldman Sachs)
- Die Weltwirtschaft wird 2020 schwächer wachsen (ZKB)

Meine Wenigkeit wagte auch eine Aussage: "Wieso ich an den «Schwarzen Schwan glaube", war der Titel der besagten Kolumne. Leider habe ich recht bekommen. Der Schwarze Schwan beschreibt in Anlehnung an den Bestseller des libanesischen Philosophen Nassim Taleb ein Ereignis, das sich nicht voraussagen lässt und die Welt in ihren Grundfesten erschüttert.

Die genannten Prognosen sind Makulatur und nützten keinem etwas. Das hält aber gewisse Geldhäuser nicht davon ab, erneut die Kristallkugel zu bemühen. In der ersten März-Woche korrigierte die Credit Suisse ihre Wachstumsprognose für die Schweizer Wirtschaft von 1,4 auf 1 Prozent. Und letzte Woche schrieb nun die Grossbank, eine Rezession in der Schweiz liesse sich nicht vermeiden – selbst wenn es gelänge, die Infektionsrate mit den heute ergriffenen Massnahmen des Bundesrats und deren disziplinierter Umsetzung durch die Bevölkerung abzudämpfen. In diesem positiven Szenario sollte sich der Rückgang des Bruttoinlandprodukts (BIP) in der Schweiz auf etwa 0,5 Prozent begrenzen lassen.

Auch Swiss Life lässt sich zu einer Prognose hinreissen und prophezeit für die Schweiz ein BIP-Wachstum von minus 1,3 Prozent. Die UBS rechnet mit minus drei Prozent, die ZKB mit minus vier Prozent.

Sympathischer erscheint mir da die St. Galler Kantonalbank, die am letzten Mittwoch ihre Medienkonferenz ganz zeitgemäss als Telefonkonferenz abgehalten hat. "Der Fall in die Rezession ist unvermeidlich", sagte Anlagechef Thomas Stucki. Es sei aber bei den gegebenen Umständen müssig, den Rückgang der Wirtschaftsleistung beziffern zu wollen.

Warum geben Banken Prognosen ab, wenn sie doch selber wissen, dass sie es nicht wissen? Tun sie es, weil man das von ihnen erwartet, also gewissermassen contre coeur? Oder tun sie es, damit ihr Name in der Zeitung steht und der Leser nach ein paar Wochen eh nicht mehr weiss, was da gesagt wurde?

Eine mögliche Antwort liefert Klaus W. Wellershoff in seinem Buch "Plädoyer für eine bescheidenere Ökonomie": "Die grosse mediale Aufmerksamkeit erlaubt, den eigenen Bekanntheitsgrad zu stärken und ganz nebenbei noch andere Botschaften an die interessierte Öffentlichkeit abzusetzen."

Zum Schluss noch der tschechische Ökonom Tomas Sedlacek: "In der griechischen Mythologie hatten wir die Orakel. Heute haben wir die Ökonomen."

 

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Claude Chatelain

Claude Chatelain (geb. 1953) ist Kolumnist beim «SonntagsBlick». In der Kolumne «Gopfried Stutz» beschreibt er wöchentlich seine Beobachtungen auf dem Gebiet der Vorsorge, der Versicherungen und der Anlageberatung. Zuvor schrieb der langjährige Wirtschaftsjournalist für die Wirtschaftszeitung Cash und die «Berner Zeitung». Von 1991 bis 1998 betreute der studierte Ökonom im «Blick» die Ratgeber-Kolumne «Chatelain rät».