Kolumne

Börsenprognosen - Wieso ich an den «Schwarzen Schwan» glaube

2019 hat sich als super Börsenjahr erwiesen. Nur waren die Voraussagen Ende 2018 eher schlecht gewesen. Auch diesmal dürften - nein, werden - die Prognostiker wohl falsch liegen, schreibt Kolumnist Claude Chatelain.
08.12.2019 15:40
Von Claude Chatelain
Wieso ich an den «Schwarzen Schwan» glaube
Bild: Shane Wilkinson

 

Die Kolumne "Gopfried Stutz" erschien zuerst im 

Was können Anlegerinnen und Anleger von 2020 erwarten? Ich sage es Ihnen. Oder besser gesagt: Die Ökonomen der Banken sagen es Ihnen:

  • Eine Rezession ist unwahrscheinlich (Credit Suisse).
  • Keine Rezession in Sicht (ZKB).
  • Eine Rezession liesse sich vermeiden, die Risiken sind aber deutlich gestiegen (Aberdeen Standard Investment).
  • Die US-Wirtschaft schrammt 2020 an einer Rezession vorbei (St. Galler KB).
  • Die Weltwirtschaft dürfte 2020 leicht stärker wachsen (Goldman Sachs).
  • Die Weltwirtschaft wird 2020 schwächer wachsen (ZKB).
  • Tiefe und negative Zinsen in Europa werden anhalten und mehr schaden als nützen (Swiss Re).
  • Aktien bleiben die bevorzugte Anlageklasse (ZKB).
  • An den wichtigen Aktienmärkten ist mit verhaltenen Renditen im einstelligen Bereich zu rechnen (Credit Suisse).
  • Wir sehen weiterhin Potenzial bei Aktien (Zuger KB).
  • Schweizer Grossfirmen sind vorzuziehen. Sie sind weniger stark vom starken Franken betroffen und dürften sich bei Marktturbulenzen robuster zeigen (Swiss Life).
  • Im ersten Halbjahr 2020 wird eine Rendite von 5 bis 10 Prozent für Aktien aus Schwellenländern erwartet (UBS).

So viel zu den Prognosen 2020. Wer aber erinnert sich noch an die Vorhersagen für 2019? Sie waren nicht wirklich optimistisch. Schade, denn SMI, Euro Stoxx 50, Nasdaq oder auch der Dow Jones stiegen seit Anfang Jahr alle um über 20 Prozent.

Was mich betrifft: Ich glaube an den Schwarzen Schwan. Der libanesische Philosoph Nassim Taleb beschreibt in seinem Buch "Der Schwarze Schwan", wie die wirklich bahnbrechenden Ereignisse nicht vorausgesagt wurden.

Hätte es jemand am 10. September 2001 für möglich gehalten, dass tags darauf zwei Passagierflugzeuge die Zwillingstürme an der Wallstreet zerstören würden? Hat jemand 1988 prophezeit, dass ein Jahr später die Berliner Mauer Geschichte sein wird? Wer hat uns in den Achtzigerjahren erklärt, wie in wenigen Jahren das Internet die Welt verändern wird?

Vor zwei Jahren hat auch niemand prophezeit, dass ein Teenager eine Welle der Entrüstung auslösen könnte, die weltweit für Schülerstreiks, Demonstrationen und hierzulande an den zurückliegenden Parlamentswahlen für einen historischen Grün-Rutsch sorgen würde.

All das fand man weder in der Kristallkugel noch in den Modellrechnungen der Ökonomen. Es sind dies einschneidende Ereignisse, die das Weltgeschehen markant beeinflussten.

Bis ins 17. Jahrhundert waren schwarze Schwäne in Europa unbekannt. Dann entdeckte man in Australien mit vollem Erstaunen, was damals als unwahrscheinlich galt – eben schwarze Schwäne. So entstand die Metapher des "Schwarzen Schwans".

 

Claude Chatelain

Claude Chatelain (geb. 1953) ist Kolumnist beim «SonntagsBlick». In der Kolumne «Gopfried Stutz» beschreibt er wöchentlich seine Beobachtungen auf dem Gebiet der Vorsorge, der Versicherungen und der Anlageberatung. Zuvor schrieb der langjährige Wirtschaftsjournalist für die Wirtschaftszeitung Cash und die «Berner Zeitung». Von 1991 bis 1998 betreute der studierte Ökonom im «Blick» die Ratgeber-Kolumne «Chatelain rät».

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